Von der leidenschaftlichen Liebe Gottes

Liebe Gemeinde,

als Predigttext hören wir heute einen Abschnitt, der dem Apostel Paulus (Schriftlesung, Römer 11, 17-24.29-32) zu widersprechen scheint, und allen Recht gibt, die sich gerade nicht mit dem jüdischen Volk verbunden fühlen, sondern sich klar von den Juden abheben: „Die hatten ja ihre Chance, aber sie haben sie verpasst. Jetzt sind wir – die Christen – Gottes geliebtes Volk.“

Ich lese aus dem Lukasevangelium, Kapitel 19, die Verse 41-48:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, nein und nochmals nein: der Evangelist Lukas will sich gerade nicht über die Juden erheben. Hätte er sonst mit jedem Buchstaben festgehalten, dass Jesus, den er mit allen Christen als den Christus verehrte, den über Jahrhunderte ersehnten Messias, dass dieser Jesus vom ersten bis zum letzten Atemzug Jude war?!

Dabei hätte er vielleicht sogar Grund dazu gehabt. Haben die Christen der ersten vier Jahrzehnte doch so manchen Gegenwind, ja sogar Verfolgung und Tod durch Juden erfahren. Als Nicht-Jude und Christ hat er zudem noch weniger Anlass gehabt, immer wieder die jüdischen Wurzeln Jesu zu betonen:
– Jesu’ Abstammung aus dem Hause David
– seine Geburt in Bethlehem, der Stadt Davids,
– seine Beschneidung im Tempel nach dem Gesetz Mose
– die Eltern, die das Kind Sabbat für Sabbat mit in die Synagoge nehmen,
– und mit ihm jährlich hinauf zum Tempel in Jerusalem pilgern,
so dass der Zwölfjährige sich dort mehr zuhause fühlt als in der elterlichen Lehmhütte
– seine Kenntnis von Mose und den Propheten lässt schon damals selbst die religiösen Lehrer alt aussehen.

Für Lukas steht jedenfalls fest: Jesus ist leidenschaftlich und mit jeder Faser seines Lebens Jude:
– Er liebt den Gott Israels
– Er liebt sein Volk Israel
– Er liebt die Stadt Jerusalem
– Er liebt den Tempel
– Er wird Rabbi
– Und es ist Israel, für das er einen Auftrag spürt.

Eben diese Liebe ist es für Lukas, die hier, vor den Toren Jerusalems, Jesus die Tränen in die Augen treibt. Diese Liebe lässt sich nämlich nicht blenden von der Pracht der Dächer, den Türmen und Mauern, dem vordergründigen Frieden, dem geschäftigen Treiben, den grandiosen Gottesdiensten, selbst nicht von dem aufbrandenden Jubel, als er ein paar Tagen zuvor in die Stadt eingezogen war. Diese Liebe sieht mehr – so erzählt Lukas. Sie sieht, wie gegenseitige Achtung umschlägt in Lieblosigkeit, wie Fürsorge der Gleichgültigkeit und Eigensucht weicht, wie die Saat von Neid, Machtwunsch und Gewaltbereitschaft aufgeht: Jerushalajim, die Stadt des Friedens, vom Blut unzähliger Juden getränkt. Jerushalajim, die „goldene Stadt“: von dunklen Rauchschwaden eingeschwärzt.

Ja, diese Liebe macht ihn, wie schon andere seines Volkes vor ihm, zu einem Propheten. Sie sieht, dass kommen muss, was nicht kommen muss. Wenn sie nur begreifen, wenn sie nur ergreifen würden, was er ihnen nicht nur gelehrt, sondern auch zu geben hat.

Ja, sie hätten die Möglichkeit gehabt, die Weichen noch anders zu stellen, wenn sie wirklich erkennen würden, dass in ihm Gott selbst sie im wahrsten Sinne heim-sucht.

Doch er spürt die Unfähigkeit der Leute, ihn zu verstehen. Und er spürt die Ohnmacht, seine Ohnmacht, diese kostbare, geliebte Stadt zu retten. Er kann sie nicht aufhalten, die Katastrophe, in die sein geliebtes Volk hinein läuft.

Aber anders als so viele der Später-Geborenen kehrt er seinem Volk nicht überheblich den Rücken. Im Gegenteil, er bietet seinen Rücken dar, nimmt Schläge und Spott in Kauf. Er verurteilt und verdammt auch nicht. Im Gegenteil, die Liebe zu seinem Volk macht ihn zum Leiden, ja selbst zum Sterben bereit.

Und wenn er dann, wie Lukas berichtet, noch mit letztem Atem bittet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Ist solch wahrhaft leiden-schaftliche Liebe überhaupt noch zu überbieten?

Woher beziehen wir da noch unsere christliche Überheblichkeit, die Besseren, ja, die Geliebteren zu sein. Wie können da noch Christen auf die Idee kommen, die so genannten Gottesmörder bestrafen zu wollen?

Ja, wie viele der Tränen Jesu vor den Toren Jerusalems mögen damals schon all dem grausamen Nicht- und Missverstehen der späteren Kirchen gelten – bis in unsere heutige Zeit hinein –. Wie viel seines Schmerzes gilt hier schon denen, die Jahrhunderte später auf Scheiterhäufen und in den KZs verbrennen?, Und die ach so Recht-Gläubigen dulden es schweigend, ja sind sogar aktiv daran beteiligt? Wie viel viele seiner Tränen gelten all denen, die auch heute in aller Welt in Gefängnissen gequält und gefoltert, in grausamen Bruderkriegen getötet werden, durch ungerechte globale Strukturen verhungern und keine Lebenschance haben. Alle, sie alle sind doch Gottes geliebte Kinder!

„Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient!

Wie sehr gilt diese ohnmächtige Klage Jesu vor Jerusalem auch unserem Volk, wie sehr gilt diese ohnmächtige Klage Jesu auch mir!

Doch Lukas lässt uns nun nicht hier stehen bleiben. Er lässt uns den Ort des ohnmächtigen Weinens verlassen und mit Jesus hinein gehen in die Stadt zum Tempel. Da, plötzlich – nicht wieder zu erkennen ist Jesus. Das Gefühl der ohnmächtigen Trauer wandelt sich zu vollmächtiger Wut.

Die Liebe lässt ihn zwar den Untergang sehen und darüber bitterlich weinen. Aber sie hindert ihn nicht, immer noch gegen das Unabänderliche zu kämpfen. Ja, wer so leidenschaftlich liebt, der handelt, einfach weil er handeln muss, Jesus orientiert sich nicht an dem, was dabei rauskommt, er orientiert sich an seiner Liebe.

Ohnmacht und Trauer haben da Raum und Zeit. Doch sie wandeln sich nun in Wut. Nicht blinde Zerstörungswut, sondern eine heilige, mutige Wut, die den verbleibenden Spielraum nutzt. Jesus schreitet zur Tat. Er wirft die Händlerbanden zum Tempel hinaus. Ergriffen vom selben Eifer wie vor ihm der Prophet Jesaja ergreift Jesus – wie dieser – das Wort im Namen Gottes: „Mein Tempel soll ein Bethaus sein allen Völkern.“

Raus mit allem Kommerz!!! Raus mit allem, was Glauben, Frieden, was Gott zum Handelsobjekt macht. Wo der Kommerz herrscht, kann Gott nicht herrschen. Wo der Kommerz herrscht, herrschen einseitige Interessen und gegenseitiges Übervorteilen. Wo der Kommerz herrscht, herrschen auch Ungerechtigkeit und Unfriede.

„Wenn doch auch du erkennen wolltest, was zum Frieden dient!

FRIEDEN – Jesu einziger Gedanke für diese Stunde, FRIEDEN – Jesu einziger Wunsch für seine Menschen.

Nicht mit Opfern Gott zufrieden stellen, sondern sich selbst Gott zur Verfügung stellen – mit Gedanken, Worten und Taten, Taten des Friedens. Dazu ist der Tempel da – zu nichts anderem. Ein Bet-haus ein Ort der Besinnung, ein Ort, in dem das Wort Gottes gehört wird, in dem wir dem Gott des Friedens Ohr und Herz öffnen. Nur von solch einem Ort wird Frieden ausgehen, Frieden, nicht nur für die Herzen der Frommen, Frieden für alle, alle Völker, Juden wie Nicht-Juden.

Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, nach Versöhnung mit der Schöpfung nach allumfassendem Schalom – heute mindest so aktuell wie damals, in Jerusalem, im Nahen Osten, in vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt, in unserem Land und unseren Herzen.

Dieser Friede ist nicht billig zu haben. Dieser Friede kostet. Er kostet Trauer und Tränen. Wut und Mut. Liebe und Leiden.

Dieser Friede kostet dem Herrn des Friedens das Leben. Billiger als zum Preis der Feindesliebe ist Frieden also auch für uns nicht zu haben. Das lernen wir von Jesus, dem jüdischen Propheten und Rabbi.

Wenn wir uns jetzt als christliche Gemeinde von seiner Trauer und Wut in Frage stellen lassen; und wenn wir uns jetzt als Einzelne von seiner Trauer und Wut in unserem Leben und Glauben treffen lassen, dann, aber erst dann, dürfen wir uns auch von seinem letzten Wort trösten lassen: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

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