Wunderbar gemacht

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.
Das andere ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“

Diese Aussage Jesu steht im Zentrum des heutigen Textes. Es geht um Liebe in dreifacher Richtung: Liebe zu Gott, Liebe zu meinem Nächsten und Liebe zu mir selbst.

Der Begriff „Liebe“ ist in unserm Sprachgebrauch oft strapaziert. Die Medien gaukeln uns in der Regel eine Scheinwelt vor. Sie verzaubert und weckt Träume. In vielen Menschen steckt die tiefe Sehnsucht und anhaltende Suche nach dem geeigneten Partner, der geeigneten Partnerin, nach der heilen Welt und die Angst, nur nicht allein bleiben zu müssen. Täglich wird uns die junge und schöne Liebe gezeigt. Da ist der Herzenswunsch doch allzu verständlich: Ja, genau so will ich auch lieben und geliebt werden. Man träumt von den Schmetterlingen im Bauch und vergisst dabei, dass der Weg vom Verliebtsein zur Liebe manchmal schwierig ist, denn Liebe verändert sich, sie muss gepflegt werden und lebt von gegenseitiger Vergebung. Deshalb ist es so interessant, was Jesus Christus zum Thema Liebe zu sagen hat.

An erster Stelle und als wichtigstes Gebot nennt er die Liebe zu Gott. Geht das überhaupt? Wir sprechen zwar vom „lieben Gott“, der es gut mit uns meint. Wir bitten darum, dass er uns behüten möge. Aber dann beschleichen uns vielleicht noch andere Gedanken. Wie kann Gott so viel Elend zulassen? Wie passt das mit dem lieben Gott zusammen, wenn ein uns nahe stehender Mensch leiden und sterben muss? Und diesen Gott sollen wir auch noch lieben? Das ist doch wohl ein wenig zu viel verlangt.

Die Bibel sagt, dass Gott uns liebt. Deshalb hat er seinen Sohn Jesus Christus in diese Welt gesandt. Durch sein Leiden, Sterben am Kreuz und durch seine Auferstehung sind wir erlöst. Gott weiß also um menschliches Leid, um Schmerzen und um Tod. Unser Elend, unsere Trauer ist ihm nicht verborgen. Er weiß, wie es uns dabei geht. Er versteht unsere Zweifel, auch unseren zeitweiligen Zorn auf ihn.

Gott liebt Sie und mich bedingungslos. Das ist Tatsache! Unsere eben erwähnten Einschränkungen hindern ihn nicht daran. Gott sagt auch nicht: du hast das und das falsch gemacht, bring das erst mal in Ordnung, dann kannst du wieder kommen! Nein – er sagt: ich habe dich sehr lieb, und zwar, so wie du bist. Finden sie nicht auch, das ist ein wunderschöner Gedanke! Das macht uns Gott sympathisch. Das könnte ein Zugang sein, ihn zu lieben. Aber wo ist der Schlüssel, diesen Gedanken in die Praxis umzusetzen? Mir hat mal jemand den Ratschlag gegeben, Gott einfach zu sagen, ich habe dich lieb. Das habe ich auch probiert und musste erst mal schlucken. Was sage ich denn da? Stimmt das überhaupt? Nach und nach begriff ich beim Aussprechen und beim Wiederholen das Ausmaß dessen, was ich sagte. Mit der Zeit fiel es mir leichter, Gott zu sagen, dass ich ihn lieb habe. Dabei wurde mir deutlich, Gott pflegt schon seit meiner Geburt eine Beziehung zu mir. Ganz langsam wuchs nun auch meine Beziehung zu ihm. Diese persönliche Beziehung zu Gott ist immer einem auf und ab unterworfen. Mal ist sie ausgeprägter, mal schwächer. Bei Gott ist das anders. Seine Beziehung zu mir ist konstant und unerschütterlich, auch wenn ich mich total daneben benommen habe. Er freut sich, wenn ich mir einfach seine Nähe bewusst mache und sie suche. Er hat viele Möglichkeiten, solche Momente in meinem Leben mit seiner Nähe und Liebe zu füllen. Lassen Sie sich überraschen.

Als Nächstes nennt Jesu die Nächstenliebe!

Auch hier eine Frage: Wer ist denn unser Nächster? Ist das die Familie, sind das Kinder, Enkelkinder? Jesus selbst erklärte seinen Freunden anhand eines Beispiels was er unter Nächstenliebe verstand. Da war jemand überfallen worden. Zwei einflussreiche Kirchen-Männer, so würden wir heute sagen, sahen das Opfer liegen und gingen vorbei. Ein dritter – ein weniger Angesehener hielt an, nahm die Erstversorgung an Ort und Stelle vor und brachte den Überfallenen in eine Herberge. Er beauftragte den Herbergsleiter mit der Pflege und bezahlte ihn aus eigener Tasche.

Diese Jesus Geschichte möchte ich mit einer eigenen Erfahrung ergänzen. Als der Balkan-Krieg in den 90iger Jahren tobte, meldete sich eines Tages ein junger Bosnier bei mir in den Nieder-Ramstädter Heimen. Er musste mit Frau und kleinem Kind aus der Heimat fliehen. Nun bewarb er sich um die ausgeschriebene Stelle als Krankenpfleger. Er sprach kaum ein Wort deutsch. In unserm Bewerbergespräch sah ich seine angsterfüllten Augen. Ich stellte ihn ein und handelte mir gleichzeitig eine Menge Ärger ein. Die Kollegen kamen. Sie machten ihrem Unmut Luft und sagten: „Wie können Sie jemanden einstellen, der kein deutsch spricht?“ Die Einrichtungsleitung kam und sagte: „Wie können Sie einen Moslem einstellen, wo Sie doch genau wissen, dass wir eine kirchliche Einrichtung sind!“ Der junge Mann lernte schnell deutsch, war bei Behinderten und Mitarbeitern beliebt und entwickelte sich zu einem treuen Besucher der Gottesdienste, in die er die Menschen mit Behinderungen begleitete.

Nächstenliebe kann beinhalten, dass wir einem Menschen in Not helfen. Dabei müssen wir sicher im Einzelfall prüfen, ob unsere Hilfe tatsächlich angebracht und richtig ist, oder nicht. Nächstenliebe kann auch in kleinen Begebenheiten des Alltags praktiziert werden. Dabei ist es wichtig, dass ich die Bedürfnisse meines Gegenüber wahr nehme. Zum Beispiel: Spreche ich deutlich, wenn jemand schwer hört? Nehme ich mir Zeit, Auskunft zu geben, wenn ich von einem Fremden gefragt werde? Auch in unserer Gemeinde wird an vielen Stellen Nächstenliebe praktiziert: in der Schwesternstation, im Besuchsdienst, jemanden im Auto mitnehmen, Gemeindebriefe austragen und so manche Dinge, die im Verborgenen ganz selbstverständlich getan werden, ohne dass viel Aufhebens davon gemacht wird.

Als drittes erwähnt Jesus die Liebe zu sich selbst.

Das überlesen wir gern. Diese drei Worte sind wie ein Anhängsel! Dabei sind sie so wichtig. Sie wollen uns sagen: steh zu dir selber, zu deinem Aussehen, zu deinen Fähigkeiten aber auch zu deinen Schwächen. Manchmal schämen wir uns unserer selbst und unserer Eigenart. Aber, Gott hat jeden von uns einzigartig gemacht. ER liebt uns so wie wir sind. Wenn wir unsere Bedenken, Komplexe und Defizite immer wieder in den Vordergrund stellen, machen wir letztlich Gott Vorwürfe, dass er uns nicht anders gemacht hat – so wie wir uns das wünschen. Mir hat an dieser Stelle der Vers aus Psalm 139 geholfen, wo der Beter sagt: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin – wunderbar sind deine Werke.“ Ich – wunderbar gemacht? Das kann doch nicht sein. Doch – es ist so. Und weil das so ist, lerne ich es, mich selbst zu akzeptieren, lerne ich, Menschen in meiner Umgebung zu akzeptieren und auch wenn es manchmal schwer ist, sie zu lieben. Und ich lerne, Gott zu lieben, ihm zu danken, weil er mich wunderbar gemacht hat und er es gut mit mir meint.

So wird das dreiteilige Liebesgebot Jesu zu einer Einheit. Eines hängt vom andern ab, eines ergänzt das andere, eins entwickelt sich aus dem andern. Und, was für die Liebe allgemein gilt, gilt auch für das Liebesgebot Jesu: sie wird sich immer wieder verändern, bekommt immer neue Ausdrucksweisen und lebt aus der Vergebung. Das ist spannend und schön und macht uns dankbar.

drucken