Kritik der Liebe

Predigt über Lukas 19,41-48

Liebe Gemeinde,

„Im Jahre 70 n. Chr. wurde nach zahlreichen antirömischen Unruhen Jerusalem von Titus, dem Sohn des römischen Kaisers Vespasian, belagert, in einem grausamen Kampf mit zahllosen Opfern eingenommen und weithin zerstört. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt wegen anstehender Festtage von vielen Besuchern übervölkert. Auch zahlreiche Frauen und Kinder, ja ganz Israel befand sich in Jerusalem, und ihm galt der Angriff und die Unnachgiebigkeit der Römer. Der Tempel, das Zentralheiligtum Israels, wurde bis auf die Grundmauer zerstört – und es ist dieser stehengebliebene Rest des Tempels, an dem die Juden bis heute – bzw. heute wieder – beten, klagen, aber auch Gott loben und preisen, wo sie ihre Hoffnungen in das Ohr Gottes flüstern oder rufen und auf einem kleinen Zettel zwischen die schreienden und zugleich stummen Steine stecken, um sie an den Ort zu heften, auf dem so viele Verheißungen und Selbstversprechungen Gottes liegen.“ (Michael Weinrich, GPM 2/1997, Heft 3, S. 343 f.)

In der Folge dieser Katastrophe wurde das Volk Israel in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Das Volk Israel selbst hat diese Ereignisse, wie die Katastrophe von 587 v. Chr., die im babylonischen Exil endete, geschichtstheologisch als Gericht Gottes gedeutet, weil Israel immer wieder tat, was dem Herrn missfiel. Das Volk Israel selbst hat dies so gedeutet. Niemand anders kann das. Das Gottesvolk hat so ein Beispiel gegeben, wie man aus der eigenen Geschichte lernen kann und vor allem, wie man das Fiasko und die Katastrophe der eigenen Geschichte so begreifen kann, dass man es in solchen Ereignissen eben nicht mit Gottverlassenheit zu tun hat, sondern auch im Gericht immer noch mit dem Gott, der seine Verheißungen nicht widerruft. Das Volk Israel blieb so auch im Dunkeln mit dem Gott der Verheißungen verbunden und gerade so auch im Scheitern Gottes auserwähltes Volk. Das wird Israel immer bleiben.

Der Evangelist Lukas freilich, dessen Evangelium wohl um das Jahr 70 geschrieben wurde, leistete mit seiner Deutung einer Entwicklung Vorschub, die weiteres und schlimmeres Leid über das Volk Israel gebracht hat. Er deutet die Ereignisse des Jahres 70 als Folge der Ablehnung des Messias durch die Juden. In den nächsten 2000 Jahren waren es dann die Christenmenschen, die salopp ausgedrückt, ihre frechen Zeigefinger auf die Juden richteten und plärrten: Recht geschieht’s ihnen! Auch unser Reformator Martin Luther hat in seinen späten Jahren mitgeplärrt. Und bei den Zeigefingern ist es nicht geblieben. In der gemeinsamen Geschichte, die die deutschen Christen mit dem auserwählten Gottesvolk Israel haben, klafft seit dem letzten Jahrhundert der Abgrund der Schoah, der industriell ins Werk gesetzten Ermordung von 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens unter den Augen und unter tätiger Mithilfe des Deutschen Volkes.

In der Stuttgarter Schulderklärung der evangelischen Kirchen in Deutschland von 1945 heißt es: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. …

Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen, dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann. So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Komm heiliger Geist!“

Seit dieser Zeit sollte unter uns jede Form des Antisemitismus und seine Wurzel, die Hybris, mit der sich die Christen für das bessere Gottesvolk hielten, endgültig der Vergangenheit angehören. Dass auch wir Christen Gottes Kinder heißen dürfen, ist Gottes Gnade. Wir haben allen Grund aufgrund der Abgründe unserer Geschichte, die Abgründe der Geschichte des Gottesvolkes ganz anders zu betrachten, und selbst mit Israel bange nach Gottes Anwesenheit zu fragen und zu suchen – wenn wir uns nicht bald in der Gottverlassenheit wiederfinden wollen.

Unser Herr Jesus Christus hilft uns dabei. Nahe an der Stadt Jerusalem geht bei ihm nicht der Zeigefinger in die Höhe, hebt er nicht an zur flammenden Gerichtspredigt. Kein Zweifel, der Tempel in Jerusalem ist seines Vaters Haus, in dem er schon als 13jähriger seine Eltern versetzte. Dort schlägt sein Herz. Der Christus weint. Tränen sind die Kritik der Liebe.

Entsprechend sanft weist er bei Lukas die Händler aus dem Vorhof des Tempels, indem er keine Peitsche zur Hand nimmt, sondern auf Gottes Wort verweist, denn es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus sein. Da haben die Einzelhändler sich offenbar freiwillig vor die Tür verzogen. Und Jesus lehrte im Tempel, jeden Tag, und keiner seiner Feinde konnte ihm etwas antun, denn das Volk hing an seinen Lippen. Ach, nicht mehr lang.

Was würde Jesus wohl tun, wenn er heute nahe an der Stadt Hof wäre? Was, wenn er hören würde, dass es dem Dekanat Hof bis auf den heutigen Tag nicht der Mühe wert war, sich seiner Geschichte und seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus zu erinnern und diese aufzuschreiben? Was würde er tun, wenn er sehen würde, welcher Wertschätzung sich die Predigt seines Wortes am Sonntag erfreut und welche Eventkultur sich seiner Bethäuser inzwischen frech bemächtigt hat? Was würde er sagen, wenn er hören würde, dass die Hofer, statt in den Himmel, lieber in den Hofer Himmel kommen wollen?

„Am 10. November 1938, dem Tag der Reichskristallnacht, wurde auch die Hofer Synagoge verwüstet. Anzünden konnte man sie nicht, da man befürchtete, dadurch auch das danebenliegende Theater anzustecken. Deshalb riefen die SS-Leute drei Lastkraftwagen herbei, auf die das Inventar der Synagoge geworfen und gegen 10 Uhr durch die Ludwigstraße zum Sportplatz am Unterkotzauer Weg gebracht wurde. Am Saaledurchstich wurde abgeladen und das Synagogeninventar verbrannt. …

Nach dem Unterricht ging ein neunjähriges Mädchen, das die dritte Klasse der Neustädter Schule besuchte, zum Unterkotzauer Weg, weil der Lehrer darauf hingewiesen hatte, dass man dort „etwas sehen“ könne. Das Kind, das früher einmal die Synagoge besucht und eine christliche Erziehung genossen hatte, erkannte unter dem noch glimmenden Haufen die Thora-Rolle. Es nahm – unbeobachtet, da sich keine Menschen mehr in der Nähe befanden – die Thora-Rolle und ein weiteres Papierstück an sich und brachte sie heim, weil ihm gesagt worden war, dass die Thora-Rolle eine heilige Schrift sei ähnlich der Bibel und gut darauf aufgepasst werden müsse. Die Mutter war, als sie zu Hause die Gegenstände präsentiert bekam, sehr aufgeregt und verbrannte sofort das Papier im Ofen. Die Thora-Rolle wurde vom Vater vermutlich anderen Leuten zugeleitet, welche sie über die nationalsozialistische Zeit hinweg aufbewahrten. Sie wurde der neuen Israelitischen Kultusgemeinde nach 1945 übergeben, die sie in Israel restaurieren ließ.“ (vgl. Dr. Arnd Kluge, Die Reichskristallnacht in Hof, Stadtarchiv Hof, 2002)

Unser Herr Jesus Christus pflegte zu sagen: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

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