Zutrauen

Liebe Gemeinde!

Ganz schön starker Tobak – der Bibeltext von heute! Oder?
Irgendwie ungerecht. Dazu so ein böses hartes Ende für den 3. Knecht. Das ist doch gemein.

Wenn das nun ein Märchen wäre, dann könnte ich noch sagen: Ok, blöde Geschichte. Doch es ist ein Gleichnis, das Jesus erzählt, um seinen Zuhörern und Zuhörerinnen etwas vom Himmelreich zu erzählen. Na danke! Ob ich da noch hin will?!?

Eigentlich würde man doch erwarten, dass Gott dem dritten Knecht besonders zugewandt wäre. Dass diesem dritten eine Extra-Portion Zuwendung zuteil werden würde, weil er doch irgendwie arm dran ist. Schlechter weggekommen als die anderen beiden.

Aber nein, der 3. bekommt eine Extra-Ladung Ärger und Enttäuschung ab: Du böser und fauler Knecht. Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Ab in die Finsternis mit dir, dorthin, wo Heulen und Zähneklappern ist.

„Das ist ja wie im richtigen Leben: Wer hat, dem wird gegeben. Wo schon ein Haufen ist, da wird noch einer drauf geschissen.“ Und die eh schon gekniffen sind, die kriegen noch einen oben drauf. Und dieses Spiel macht Gott mit? Doch lassen wir das. Ich will euch noch etwas anderes erzählen. Letzte Woche kommt zu mir ein Mann und sagt, er brauche meine Unterstützung. Seine Chefin habe ihn entlassen. Nun weiß er gar nicht, wie es weitergehen soll.

Wie das? , frage ich ihn. Ja, letzten Monat sei seine Chefin auf einer längeren Dienstreise gewesen. Bevor sie abgefahren sei, habe sie ihm und den zwei Kollegen noch verschiedene Arbeitsaufträge gegeben. Und dann nach ihrer Rückkehr habe sie sich von den dreien Bericht erstatten lassen. Mit der Arbeit der anderen beiden war sie hochzufrieden, hat ihnen sogar hohe Boni ausgezahlt – vor allem dem einen.

Und dann sei er an die Reihe gekommen. Als er seinen Bericht abgab, sah er schon an ihrem Gesicht die wachsende Missbilligung. Schließlich war seine Chefin explodiert, hatte ihn angeschrieen und mit den Worten: „Sie sind entlassen“ geendet. Und das alles bloß, weil er in diesen schwierigen Zeiten vorsichtig gehandelt habe, kein Risiko eingegangen sei.

Was denn seine Arbeit sei, habe ich ihn dann – etwas verwundert über diese abstruse Geschichte – gefragt. Er sei Finanzfachmann, erklärte er mir. Und habe eben bisher in diesem kleinen Unternehmen gearbeitet, dass private Kredite vergäbe. Ja, und was wäre denn nun sein konkretes Vergehen gewesen, frage ich weiter. Denn noch verstehe ich diese ganze Geschichte nicht wirklich.

Also, das wäre so gewesen: Jeder von ihnen hätte einen bestimmten Kernbereich in dem Unternehmen – z.B. Privatkunden, Firmenkunden, Risikokunden. Und nun sollten sie während der Abwesenheit der Chefin eigenverantwortlich ihren jeweiligen Aufgabenbereich führen und auch weit reichende Geschäftsabschlüsse tätigen.

Nun, sagte er weiter, ich brauche Ihnen sicherlich nicht erklären, wie die Situation im Finanzmarkt zur Zeit aussieht. Niemand weiß, wie es weitergeht. Wo kracht die nächste Bank weg, usw. und so fort. Also, habe ich eine sehr vorsichtige Kreditpolitik betrieben, war eher zögerlich, habe eben auch mehrmals große Anfragen abgelehnt, weil sie mir zu unsicher erschienen. Ich meine, ich bin verantwortlich mit dem Kapital meiner Chefin umgegangen.

Na, aber das ist doch eine vernünftige Haltung, unterstütze ich ihn. Das hört sich nach Augenmaß an.

Aber nein!, regte er sich auf, meine Chefin, die hat nur gesehen, was die anderen beiden für Gewinne gemacht haben – und hat meine Arbeit dann in Grund und Boden verdammt. Dabei wissen wir ja noch gar nicht, ob sich langfristig nicht heraus stellt, dass bei den Anlagen der Kollegen auch taube Nüsse bei sind. Was zählt, ist der Erfolg jetzt. Und da habe ich versagt, schloss er traurig seinen Bericht.

Aber wieso hätten denn die beiden Kollegen so gut wirtschaften können?, frage ich nach. Denn immer noch klingt mir die ganze Geschichte etwas abstrus. Ja also, das ist so: Mein einer Kollege, der Guido, der kommt aus feinem Hause. Sein Vater ist Banker und Mitglied in mehreren Aufsichtsräten. Der Guido hat von klein auf an den Umgang mit viel Geld gelernt. Stellen Sie sich vor: Mit 16 hat der schon angefangen, Aktien zu kaufen und zu verkaufen. Ich mein, das Geld dafür, das muss man ja erst einmal haben. Und dann all die Beziehungen, in die er hinein gewachsen ist. Die haben ihm natürlich auch jetzt in diesen Wochen sehr geholfen. Der Guido, der kommt immer gut raus. Egal, was der anpackt. Der hat jetzt natürlich auch den größten Gewinn gemacht und einen Riesenbonus erhalten. Der Teufel scheißt halt immer auf den größten Haufen.

Hm?!, sag ich, und der andere Kollege, was ist mit dem?

Also, das ist der Franco, antwortet er mir lebhaft, das ist eigentlich ein ganz feiner Kerl. Gegen den kann ich nichts sagen. Immer freundlich und auch hilfsbereit. Nur, die Sache ist jetzt so: Der Franco, der möchte auch einmal groß raus kommen. Und so hat er sich in der Zeit, als die Chefin weg war, viel an den Guido gehängt, sich von ihm Tipps und Hinweise geben lassen und über ihn neue Kontakte geknüpft. Und so ist es ihm gelungen, einige gute Geschäfte abzuschließen. Tja, Glück muss man haben. und bei seinem letzten Satz schwang etwas Bitterkeit mit.

Und Sie? Warum haben Sie sich eigentlich nicht auch mit den anderen beiden zusammen getan? Vielleicht hätten Sie ja ebenfalls etwas von der Zusammenarbeit profitiert?, frag ich ihn.

Nee, wissen Sie, ich bin da draußen vor. Das merk ich doch immer wieder. Ich komme aus einem einfachen Elternhaus. Nicht so wie die beiden anderen. Schweizer seit Generationen. Gebildetes Elternhaus, so mit Kulturprogramm und feinen Manieren beim Essen.
Nee, meine Eltern sind als Gastarbeiter aus Süditalien hierher gekommen. Mir fehlt da vieles, was die beiden anderen so von Haus aus in den Beruf einbringen.

Ja, und dann, fährt er fort zu erzählen, dann hatte ich einfach Angst. Angst, falsche Abschlüsse zu machen. Geld zu verlieren. Und am Ende persönlich dafür haften zu müssen. Wissen Sie, das, was ich auf der hohen Kante habe, ist nicht viel – und das gar noch beruflich aufs Spiel zu setzen. Nee, das konnte ich mir nicht leisten.

Doch jetzt bin ich beruflich am Ende. Gefeuert. Jetzt werde ich auch noch mein wenig Erspartes aufbrauchen müssen. Wie soll es nur mit mir und meinem Leben weitergehen? jammerte er.

Liebe Gemeinde, wir haben dann noch ein langes Gespräch geführt. Das würde zu weit führen, das nun in aller Ausführlichkeit hier zu erzählen.

Dieser von seiner Chefin entlassene Mann hat mich an den 3. Knecht erinnert. Und er hat mir die Augen für etwas geöffnet.

Ich denke, dass er in gewisser Weise durchaus sehr verantwortlich und besonnen gehandelt hat, in seiner Art Geschäfte abzuschließen. So wie zur Zeit Jesu – laut rabbinischen Quellen – das Vergraben von Geld als sorgfältige Aufbewahrungsweise genannt wird. Der 3. Knecht hat gemäß den Verhaltensrichtlinien seiner Zeit also verantwortungsvoll gehandelt hat.

Und zugleich – und das ist für mich der eigentliche Punkt – sehe ich bei ihm ein Gefangensein. Ein Gefangensein im Sich Vergleichen mit den anderen beiden. Dieser vergleichende Blick auf die Kollegen führt nur dazu, sich schlechter gestellt zu fühlen. Gibt ihm das Gefühl, weniger Chancen als sie zu haben. Und genau durch dieses Gefühl, behindert er sich selbst. Ist er ausgebremst, gelingt es ihm nicht, sich mit seinen Möglichkeiten voll zu entfalten.

Und vielleicht ging es genau darum auch Jesus, als er damals dieses Gleichnis erzählte. Dass er den Menschen die Augen öffnen wollte. Für die Talente, die jeder Mensch auf seinen Lebensweg mit bekommen hat. Gaben, Anlagen, Fähigkeiten.

„Der 3. Knecht vergräbt sein Vermögen, seine Begabung, sein Talent. Warum? Weil er Angst hat. Und diese Angst veranlasst ihn dazu, alles, was er besitzt, nur zu bewahren und festzuhalten, anstatt es einzusetzen und zu riskieren.“ (Gottesdienst Praxis, Serie A, Bd 3, Gütersloh 1997, S.108)

Ich möchte noch einmal auf den Predigttext schauen. Da steht ganz am Anfang: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an.

Also: Am Anfang steht das Vertrauen. Und wenn wir den reichen Mann in dem Gleichnis mit Gott gleich setzen, dann heißt das doch: Am Anfang steht das Vertrauen Gottes in uns Menschen. Gott hat jedem von uns ein Vermögen an Fähigkeiten und Qualitäten mitgegeben und traut uns zu, dass wir mit diesen Talenten wuchern. Dass wir sie einsetzen, gebrauchen und auf diese Weise den Nutzen dieser Gaben mehren.

Klare Botschaft dieser Geschichte, die Jesus da erzählt, ist: Nutze die Möglichkeiten, die dir gegeben sind! Tue es im Vertrauen auf Gottes Vertrauen in dich.

Und da steht noch etwas Wichtiges am Anfang, nämlich: Er vertraute ihnen sein Vermögen an – jedem nach seiner Kraft. Das griech. Wort dynamis steht für Kraft, Fähigkeit, Befähigung, Talent.

Also: Gottes erwartungsvolles Vertrauen in uns ist verbunden mit der Dynamis, die wir haben. Gott erwartet nicht mehr von uns, als wir Talente haben. Denn – ganz klar – wir Menschen alle haben unterschiedliche Talente mit auf unseren Lebensweg bekommen.

Als Vorzeichen vor dem erzählten Gleichnis, das so streng endet, stehen also zwei wichtige Aussagen: 1. Gott vertraut uns! 2. Und: Wir sollen unsere Fähigkeiten, nach unseren je eigenen Möglichkeiten, nutzen!

Darum verstehe ich Jesu Rede nun so, dass er uns mit dieser Erzählung und ihrem bösen Gleichnis aufrütteln wollte. Um uns quasi mit der Nase darauf zu stoßen: Leben dein Leben jetzt! Du hast nur dieses eine! Nutze deine Möglichkeiten. Lass keine einzige deiner Fähigkeiten brach liegen!

Schaue nicht nach rechts und nach links, was die anderen haben und du nicht. Das Vergleichen behindert. Gott hat Dir Talente gegeben und vertraut dir, dass du sie nutzt und einsetzt.

In gewisser Weise führt das Gleichnis von den Talenten fort, was schon letzten Sonntag Thema gewesen ist: Nämlich sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Salz der Erde zu sein.

Und so möchte ich euch mit auf den Weg geben: Setzt euch doch einmal zuhause für ein paar Minuten mit einem Stück Papier und einem Stift hin und schreibt mindestens 5 Dinge auf, die ihr gut könnt. Es dürfen natürlich auch gerne ein paar mehr als 5 sein. Und hänge diese Liste dann irgendwo hin, wo du sie jeden Tag siehst – an einen Spiegel, in die Küche, beim Schreibtisch. Vielleicht wirst du diese Liste dann auch mit der Zeit um das eine oder andere ergänzen.

Und bei all dem, geht es nicht um Großes, um Fähigkeiten, mit denen man groß raus kommt. Es geht um das, was ich gut kann. Denn unsere Welt lebt auch von den vielen kleinen Talenten, mit denen Menschen die Welt und ihre Nachbarschaft bereichern.

Eine kleine rabbinische Anekdote wirft ein Licht darauf, worum es geht. Sprach Rabbi Sussja vor seinem Tode: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: ‚Warum bist du nicht Mose gewesen?’ Man wird mich fragen: ‚Warum bist du nicht Sussja gewesen?’“ (Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 394)

Gott traut uns eine Menge zu. Darum: Lasst uns leben und mit unseren Pfunden wuchern. Und Gott ist mit uns!

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