Auf Nummer sicher

Liebe Gemeinde,

in den „Leichenreden“ von Kurt Marti findet sich folgendes Gedicht:

betrauern wir diesen mann
nicht weil er gestorben ist
betrauern wir diesen mann
weil er niemals wagte
glücklich zu sein

betrauern wir diesen mann
der nichts war als arbeit und pflicht
betrauern wir diesen mann
weil er immer getan hat
was man von ihm verlangte

betrauern wir diesen mann
der nie mit der faust auf den tisch schlug
betrauern wir diesen mann
weil er nie auf das urteil anderer pfiff
und einfach tat was ihm passte

betrauern wir diesen mann
der fehlerfrei funktionierte
betrauern wir diesen mann
weil er streit und frauen vermied
und heute von allen gerühmt wird

betrauern wir diesen mann
nicht weil er gestorben ist
betrauern wir diesen mann
weil er war wie auch wir sind –
betrauern wir uns

(Kurt Marti, Leichenreden, Luchterhand 9/1984, S. 31)

Womit wir mitten im Gleichnis Jesu wären und bei dem interessantesten Typen: dem Knecht, der auf Nummer sicher ging und alles richtig gemacht hat, sein Geld nicht zu den „Lehmann Brothers“ gebracht hat für günstigen Zins, sondern es vergraben hat. Wie viele Geldanleger würden sich heute glücklich preisen, wenn sie es wie jener Knecht gemacht hätten! Was hat denn irgendjemand an diesem Knecht auszusetzten? Können wir ihm wirklich falsche Ängste unterstellen? Hat er nicht ein gesundes Empfinden für die Gefahr und tut das, was der gesunde Menschenverstand gebietet?

Es gibt auch unter den Christenmenschen nicht wenige, für die die „Nummer sicher“ ganz selbstverständlich die allererste Wahl ist. Jesus hätte sonst kaum dieses Gleichnis erzählt. Das gute und gottgefällige Leben besteht für solche zuallererst darin, das Böse und Gott nicht Gefällige tunlichst nicht zu tun und zu vermeiden. Und deshalb muss man auch ganz genau wissen, was das Böse und Gott nicht Gefällige ist. Ein solcher Christ hat genau das zu fürchten, wie der Teufel das Weihwasser. Also hebt die fromme Mutter nach vollbrachter Lektion ihren erhobenen Zeigefinger dem Sprössling vor die blanken Augen und spricht: Denke immer daran, auch wenn wir es nicht sehen – Gott sieht alles.

Dieser Sprössling schreibt später in sein Tagebuch: „Für mich war es ein erschreckendes Erleben, als ich erkannte: Dieser Knecht (der alles vergraben hat) bist Du! Mir wurde klar – und ich spürte es bis in den Bauch hinein – dass das Gleichnis im Verhalten dieses Mannes meine eigene Lebensgeschichte auf den Nenner brachte: Ja, so war das mit deiner ‚Religiosität‘: ein ängstliches Bemühen, nichts falsch zu machen, kein Risiko einzugehen, um vom ,harten Herrn‘ nicht beschuldigt zu werden, nicht das Richtige getan zu haben. Es war ein furchtbares Erwachen, zu begreifen, dass die Schuld dieses Knechtes nicht darin bestand, Fehler gemacht zu haben, sondern an dem Bild eines Gottes festgehalten zu haben, das geformt war von den kindlichen Erfahrungen mit den Eltern in Familie und Kirche. Dass ich für dieses Bild verantwortlich bin und deswegen alles daransetzen muss, um mich von ihm zu befreien, dies gehört zu den wegweisenden Erkenntnissen meines Lebens. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Lebensgeschichte so vieler Menschen der Verzicht, mit den anvertrauten Talenten mutig zu wuchern. Sie fühlen sich gefangen in einem Netz von scheinbar unveränderlichen Normen … Um sicher zu gehen, nicht verurteilt zu werden, haben sie ihr Terrain so verkleinert, dass sie kaum darauf leben können … Das Talent, die anvertraute Begabung, ihr eigenes, unverwechselbares Leben zu leben, ist vergraben. Die Quelle ist versiegt. Nicht Kraft, sondern Krampf bestimmt ihr Handeln, einzig darauf gerichtet, vor einem gestrengen Richter zu bestehen.“ (H. Jaschke, Dunkle Gottesbilder. Therapeutische Wege der Heilung, Freiburg, Basel, Wien, 1992, S. 11 f.) Zitat Ende.

Und sofort steht mir jener Sprössling aus dem Kindergottesdienst wieder vor Augen, der zu mir sagt: „Ich habe schon so viel angestellt und der Gott hat mich noch nie bestraft!“ „Genau“, sage ich zu ihm – ganz gerührt über so viel kindliche Einsicht ins Evangelium, „Gott hat auch was viel Besseres zu tun, als dich zu bestrafen. Dafür sind deine Eltern zuständig.“

Das können wir aus dem Gleichnis Jesu lernen: Die Freiheit ist der Ernstfall des Evangeliums. Gott ist nicht der, der seinen Knechten ständig misstrauisch über die Schulter schaut, wenn sie mit dem, was er ihnen sozusagen in die Wiege gelegt hat, etwas anfangen und es zur Wirkung kommen lassen. Im Reich Gottes stellt Gott unsere Füße auf weiten Raum (Psalm 31,9). Wir fangen im Reich Gottes nicht als Tellerwäscher, sondern als Millionäre an. Gott ist großzügig, gütig und barmherzig.

Diesem Gott wird nicht gerecht, wer ein Leben für gottgefällig hält, dass ängstlich darauf ausgerichtet ist, das Böse und Gott nicht Gefällige zu vermeiden und nicht zu tun. Das Reich Gottes besteht nicht im Nichtstun, sondern in „Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist“, wie Paulus im Römerbrief schreibt (Rm 14,17). Die „Nummer sicher“ im Sinne ängstlicher Vermeidung von Schuld, Scheitern und Misserfolg ist nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden der sicherste Weg dorthin, wo Heulen und Zähneklappern herrscht.

Nun warte ich schon darauf, dass nach dieser Predigt jemand zu mir kommt und sagt: „Lieber Herr Pfarrer, sie haben wohl nicht gelesen, was gerade vor ihrem heutigen Predigttext steht. Im Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen sind die die klugen, die auf Nummer sicher gegangen sind, weil sie einen Vorrat für ihre Lampen mitgenommen haben. Der Bräutigam kommt zu spät und den dummen geht das Öl aus. Nicht so den klugen Jungfrauen. Deshalb gehen sie ein zum Freudenfest des Herrn. „Kluge Haushalterschaft“ heißt das bei uns im Dekanat. Vorsorgen und an alle Eventualitäten denken, so wie es die klugen Jungfrauen machen.“

„Nun“, antworte ich, „das ist einfach! Beide Gleichnisse stehen unter einem Motto: „Darum wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ Bleibt wach im Glauben! Das ist die Botschaft des Jungfrauengleichnisses. Und das Gleichnis von den Talenten sagt uns, in welchem Glauben wir wach bleiben sollen. Nicht im Glauben an einen harten Gott, der uns im Stich lässt, sondern im Glauben an einen überaus großzügigen, gütigen und barmherzigen Gott.

Eine Kirche, die auf Nummer sicher geht, indem sie sich selbst gegen alles absichern will, was Scheitern und Misserfolg bringen könnte, gleicht den törichten Jungfrauen und dem bösen Knecht in gleicher Weise. Sie traut Gott immer weniger. Sie vergisst das Beste, nämlich den Gott, von dessen Gaben und von dessen Fürsorge sie lebt. Deshalb hat die Kirche sich nicht selbst zu managen, sondern Haushalter zu sein über die Geheimnisse und Gaben Gottes. Auf Nummer sicher ist im Himmelreich nur der, der sich hinauswagt aufs Drahtseil des Glaubenslebens und sich dabei in Gottes Hände fallen lässt.

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