Wage zu leben

Manchmal stehe ich vor einem Bild, sehe Formen und Farben, die ich beschreiben kann und verstehe dennoch nicht, was ich sehe und was der Titel des Bildes mit dem zu tun hat, was ich wahrnehme.
Manchmal ist mein Blick getrübt, obwohl ich klar sehe.
Manchmal höre ich Evangelium vom Reich Gottes, denke an den Himmel auf Erden und erschrecke doch, was mir da als Evangelium, als frohe Botschaft, begegnet.
Genauso ging es mir, als ich dieses mir durchaus vertraute Gleichnis von den anvertrauten Talenten wieder einmal las.
Soll das Evangelium sein …
Begegnet mir da nicht in erschreckender Weise eine Erwartungshaltung, die uns in den letzten Monaten an den Rand einer wirtschaftlichen Katastrophe geführt hat? Ermuntert Jesus Menschen dazu, sich wie Spekulanten und Bänker zu verhalten und Vermögenswerte aufs Spiel zu setzen, die ihnen doch gar nicht gehören. Gelobt werden die Riskierenden, getadelt die auf Sicherheit Setzenden, aufs Schild gehoben werden die Spekulationsgewinner, die Bewahrer werden abgestraft. Ich gebe ja zu, dass das in der Welt von heute immer noch so ist. Wer viel hat, dem wird allem Anschein nach noch mehr gegeben und wer wenig hat, droht auch das bisschen noch zu verlieren.
Die Schere zwischen den Abfindungen für ehemalige Vorstandsvorsitzende und Hartz IV Empfängern ist unendlich groß.
So kann ich mir das Himmelreich aber nicht vorstellen.
Ich stehe also wieder einmal vor einem Bild, gemalt mit Worten, mit Szenen, die ich aus dem Alltag durchaus kenne, und weiß doch nicht , was ich da sehe und ob ich es verstehe.
Vielleicht ist das Bild ja auch noch nicht fertig gemalt und ich muss noch ein wenig an ihm arbeiten, damit es mein Bild werden kann.
Vielleicht muss ich meine Lebenserfahrungen eintragen, damit ich das Bild mit meinen Augen richtig sehen kann.
Da ist der Herr, vermögend,mit unbegreiflichem Reichtum. Es fällt schwer, die Zahlen in heutige Vermögenswerte zu übertragen, aber da wird ja auch mit Summen gehandelt, die sich ein Normalsterblicher gar nicht mehr vorstellen kann. Er hat Macht, so viel Macht, dass sich mancher ihm gegenüber ohnmächtig fühlt. Seine Macht lähmt einige – selbst aus der Ferne, denn er ist außer Landes. Unauffindbar, ungreifbar, unbegreiflich.
Es gibt solche Menschen, von daher redet Jesus nicht in unverständlichen Worten, aber kann er so von dem reden, der für uns HERR ist. Es kann sich nur um Gott handeln, von dem in diesem Himmelreichsgleichnis die Rede ist. Gott als Sklavenhalter, als harter Mann?
Und doch: so fremd ist dieses Bild eigentlich gar nicht. Denn wir reden zwar gerne auch mit Worten Jesu von Gott, dem liebenden Vater, dem guten, fürsorglichen, treuen und barmherzigen Gott, erleben dann aber unser Leben durchaus anders. Da gibt es Mächte, egal wie wir sie nennen, die uns Unbegreifliches zumuten. Jeder Tag und jede Familie kennt diese Ereignisse, die uns sprachlos und hilflos machen und an der Güte und am Sinn und am Leben verzweifeln lassen.
„Wo warst du Gott“ ist vielleicht die menschlichste Frage überhaupt, die stellen zu müssen wir aber auch meisten fürchten.
Ja, die Welt und das Leben fühlen sich oft so an, als wäre der HERR außer Landes. Aber die Knechte und die Geschöpfe haben die Verantwortung übertragen bekommen. Der HERR geht ja nicht,ohne vorher für seine Abwesenheit alles geregelt zu haben.
Mensch, du bist verantwortlich.
Eigentlich haben wir das auch nie anders gewollt.
Wir sind nicht zu Sklaven oder Knechten  geboren und bestimmt.
Wir wollen in Freiheit und mit voller Verantwortung leben, Herren und Gestalter unseres eigenen Lebens.
Für mich beginnt sich das Bild langsam zu erschließen.
Gott, so begreife ich, ist im Leben oft auch der Ungreifbare und der Unbegreifliche. Er ist eben Gott. Und manchmal fühlt sich das an,als wäre er außer Landes und ich auf mich allein gestellt.
Das werfen uns die Spötter und Kritiker oft genug vor: wo ist denn nun dein Gott.
Und zugleich ist oft genug deutlich, dass wir Gott nicht in die Pflicht nehmen können, wo doch wir Menschen verantwortlich sind.
Denn um uns Menschen geht es genauso wie um Gott.
Um uns Menschen, mit den so unterschiedlichen Begabungen und Veranlagungen. Jeder und jede bekommt unendliche Möglichkeiten im Leben anvertraut: zehn, fünf oder zwei Zentner, das ist immer mehr, als man für ein ganzes Leben braucht.
Und in jedem von uns schlummern so viele Talente, dass sie für ein ganzes Leben reichen, egal ob es bei dem einem mehr oder bei dem anderen weniger Talente sind.
Gott hat uns mit mehr Möglichkeiten ausgestattet, als wir oft begreifen.
In jedem Menschen ist ein unbegreiflicher Reichtum verborgen, jeder ist unendlich wertvoll.
So leuchtet mit einem Mal dann doch ein Stück Himmelreich auf.
Wenn wir alle Menschen so sehen könnten, mit diesem Reichtum und in dieser Schönheit, auch die, die wir für arm und unansehnlich oder gar überflüssig halten. Gottes Blick ist da eben ein anderer als unserer. Und mit Gottes Augen auf den Menschen schauen, würde diese Welt um einiges verändern.
Eine Hauch davon haben wir vorhin in der Taufe gespürt und da wurde unser Herz daran erinnert, das uns dieser Reichtum sichtbar schon einmal vor Augen gehalten wurde. Gott hat sich uns längst an die Seite gestellt, seinen Namen über uns ausgesprochen, uns zu seinen Kindern gemacht.
Matteo ebenso wie einen jeden und eine jede von uns. Was für eine Würde, was für eine Schönheit. Das Leben hat er uns geschenkt, was für ein Reichtum.
Und so schickt er uns in unser Leben, in Freiheit und in Verantwortung.
Er traut uns zu, dass wir aus diesem Leben, aus dieser uns anvertrauten Zeit etwas machen können.
So groß denkt er von einem jeden.
Und jetzt können wir schauen, welcher der Knechte denn unsere Gesichtszüge trägt.
Gehen wir in verschwenderischer Leichtigkeit mit unserem Leben um, arbeiten und genießen, tragen Verantwortung, ohne die Freude zu vernachlässigen?
Nutzen wir unsere Begabungen und verschwenden sie an die, die mit uns zusammen unterwegs sind ? Gewinnen wir Freunde und Gefährten, Schwestern und Brüder oder igeln wir uns ängstlich ein und kapseln uns ab aus Angst vor den Schicksalsschlägen und der Verantwortung? Sichern wir wir uns gegen alle Risiken, die das Leben auch in sich birgt und verpassen oder übersehen wir so womöglich das eigentliche Leben?
Es gibt so viele Wege, so viele Möglichkeiten, so viele Entscheidungen.
Das wir in Freiheit unterwegs sind, ist nicht nur Risiko, sondern auch Chance. Auch nach jedem Schicksalsschlag, wenn mir schlagartig und vielleicht auch schmerzhaft bewusst wird, dass Gott sich manchmal so unendlich fern anfühlt – wie außer Landes -, gibt es dann auch ein neues Stück Lebensweg mit unendlich vielen Möglichkeiten, das sich zu gehen lohnt.
Und dann werde ich entdecken, was am Anfang ein Versprechen, dann dem Glauben aber Erfahrung und Gewißheit ist: Gott ist überhaupt nicht fern. Das tiefste Geheimnis und die letzte Wahrheit über das, was Gott uns in der Taufe geschenkt hat, liegt ja in den letzten Worten Jesu begründet, der Inbegriff des Gottesreiches ist: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.
„Für welchen Weg hast du dich entschieden ?“ wird am Ende die Frage lauten, die wie ein Blick in den Spiegel ist!
Hast du aus den reichen Möglichkeiten deines Lebens geschöpft oder hast du deine Begabungen, deinen Reichtum begraben und dich so schon allein deines Lebens beraubt?
Oder die Frage stellt sich nicht erst am Ende, sondern heute schon :
Wage zu leben und dann liegt, so die Verheißung, vor uns ein Leben in Fülle und Freude, ein Leben, von dem ich am Ende dann sagen kann: und siehe es war und ist gut.
So scheint Evangelium auf. Amen

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