Tu dich auf!

Manche Geschichten haben eine ungeahnte Wirkung, die sich auch nur Insidern erschließt. So heißt eine große diakonische Einrichtung am Niederrhein Hephata. Viele Häuser für Menschen mit Behinderungen. Tausende von Menschen leben und arbeiten in Hephata. Viele Einheiten und Wohnstätten. Alle zusammen beruhen namensmäßig auf einem einzigen aramäischen Wort, das Jesus in unserem heutigen Predigttext spricht.

Der Name stammt aus einer Zeit, als der Menschen noch biblische Fremdworte kannten wie Bethel oder Talitha kumi oder eben Hephata.

Hephata ist eines dieser Worte. Und es hat seinen Ursprung in einer Geschichte, die so gar nicht in unserer Vorstellungen passt. Ein Wunder, eine Heilung:

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Hephata: Tu dich auf! Wer soll sich da auftun, wenn Jesus zum Himmel blickt und nicht den Menschen mit seiner Hörbehinderung anschaut? Ein bisschen erinnert er mich an einen Professor, der eher auf die Krankenakte schaut, als auf den Menschen, der wie ein Störfall im System anmutet. Aber Markus hat eher etwas Anderes im Blick. Der zum Himmel schauende ist für Markus der Betende – ist für Markus derjenige, der sein Vertrauen und seine Hoffnung auf Gott setzt und darin ist hier Jesus ganz Mensch.

Der Blick Jesu zum Himmel ist nicht so sehr Blick weg von dem, der Hilfe braucht, als vielmehr Blick zu dem, von dem Hilfe kommt und den hat man damals oben – im Himmel angesiedelt. Und Jesu Blick nach oben zeigt, dass nicht er etwas bewirkt, sondern dass Gott selber hier wirkt. Nicht das Wunder ist entscheidend, sondern das, worauf es hinweist: der Schöpfer.

Bedenkenswert bleibt gerade für uns als ChristInnen in einer nachchristlichen Welt: Jesus ist in Dekapolis (dem Bereich der 10 Städte), in der Fremde, bei den Heiden. Bei den Menschen, die der traditionelle Glaube lieber ausgrenzte, als ihnen auch nur einen Krümel vom Heil zu gönnen. Dort richtet er das geknickte Rohr auf. Dort ist er da für einen Menschen, der Hilfe braucht. In seinem Wunder erweist er sich mehr als Prophet und nicht als Zauberer. Sein Hephata ist kein Abrakadabra, sondern ein Ruf zum Himmel: Tu dich auf.

Auf Viele wirkte Jesus wie ein Wundertäter und das ist bis heute so geblieben: Das Jesus Wunder tat, ist bekannt. Aber es ging ihm überhaupt nicht um Wunder, es ging ihm um seine Verbindung zum Vater und es ging ihm darum, konkreten Menschen zu helfen. Darum auch sein Versuch, die Menschen am Erzählen dieser Geschichte zu hindern. Es geht nicht um PR, es geht um das Reich Gottes, das dort anbricht, wo Menschen mit Behinderung geholfen wird. Nicht die wunder sollen Zeugnis ablegen über Jesus, sondern seine Predigten, seine Aussagen und sein fester Glaube, sein Gehorsam bis ans Kreuz. Es geht darum, dass sich in ihm Gott den Menschen zuwendet vor allem den Armen und Elenden – und es geht um Heilung, um diese Hinwendung, die ich nicht damit abfinden kann, dass ein Mensch leidet, dass es Menschen gibt, die nicht das Leben in seiner Fülle haben. Und da ist Jesus nicht allein. Da finden sich unter den fremden Menschen, die ihm nachfolgen, die zu ihm kommen, weil sie seinen Worten vertrauen.

Männer und Frauen engagieren sich für den Taubstummen, leihen ihm ihre Stimme, damit er gesund werden kann. Das Wunder, dass ihnen der Behinderte nicht gleichgültig ist, bewirkt ein zweites Wunder. Der Unterschied bleibt deutlich: Das zweite Wunder kann passieren, weil das erste geschieht. Wer Wunder von Gott erwartet muss vielleicht das Seine tun, dass Wunder passieren können. Wer von Gott nichts erwartet, kann auch nichts von ihm erwarten. Wer nicht zu ihm geht, kann vielleicht auch nicht seine Zuwendung erwarten.

Natürlich regt eine Heilungsgeschichte an zur Meditation über psychosomatische Geschichten, mit denen man Unverstandenes erklären könnte. Natürlich erinnert man sich an Geschichten von Menschen, denen die Ohren übergelaufen sind, und die dadurch taubstumm geworden sind. Aber Wunder haben auch ihren Wert und ‚Wunder gibt es immer wieder’. Ob es Sinn macht, hinter dieser Geschichte medizinische oder psychologische Ursachen zu suchen? Ich bin da eher skeptisch.

Vielleicht muss ich mich eher darauf einlassen, dass ich manchmal darunter leide, dass analoge Wunder nicht in meinem Erlebensbereich oder Erfahrungsbereich Platz haben. Zugeben, dass sich Vieles meinen Ideen von Machbarkeit entzieht.

Vielleicht muss ich zugeben, dass Gottes langer Atem weiter reicht als meine Lebenserfahrung eingestehen will.

Vielleicht muss ich auch eingestehen, dass ich nicht alles verstehe. Und mich dem zuwenden, was ich verstehe. Und da gibt es doch auch eine ganze Menge:

Wenn heute bei uns im Saarland gewählt wird und in vier Wochen im Bund, dann höre ich auch eine spannende Geschichte: Da hat einer ein Mission, möchte Menschen gewinnen – und da kommt so eine Aktion, die berühmt macht, aber gerade da bremst er die Öffentlichkeitsarbeit, will geheim halten, was geschehen ist. Wir wollen in der Regel ja eher die peinlichen Geschichten geheim halten, aber da, wo uns etwas gelungen ist, da wo wir gut dastehen, da wollen wir auch, dass es alle wissen: ‚Tue Gutes und rede darüber’ heißt ein beliebter Spruch. Und manchmal ermutige ich auch Menschen zu reden, wo sie geholfen haben, um Andere zu ermutigen, mitzumachen. Jesus hat andere Ideen. Er möchte nicht, dass die Menschen über die Wunder reden, über Naturgesetze, die mit seiner Vollmacht ausgehebelt werden können.

Er möchte, dass die Menschen ihre Vollmacht ausnutzen und Wunder bewirken, indem sie sich für die Anderen einsetzen.

Hephata ist Namen einer großen Diakonischen Einrichtung am Niederrhein. Hephata ‚Tu dich auf’ – das gilt auch für Kirche die sich öffnet und aufmacht für Menschen, die die Gesellschaft zu gerne an den Rand schiebt und die andere Menschen ermutigt, mitzumachen.

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