Jesus provoziert

Liebe Gemeinde,

Jesus hat die Menschen, mit denen er geredet hat, regelmäßig provoziert. Er wollte, dass sie etwas Neues verstehen und dass sie ihr Leben verändern. Er hat sich nicht mit billiger Zustimmung begnügt. Und deshalb hat er manchmal Geschichten erzählt, auf die seine Zuhörer und Zuhörerinnen mit Empörung reagieren sollten und wahrscheinlich auch reagiert haben. So eine Geschichte ist der heutige Predigttext. Sie haben ihn bereits als Evangelienlesung gehört. Ich lese ihn noch mal nach einer neuen Übersetzung:

[TEXT]

Was soll denn das? Eine brutale und merkwürdige Geschichte oder? Dieser Sklavenhalter ist ja schlimmer als ein durchschnittlicher Investmentbanker. Er verlangt hundert Prozent Rendite von seinen Angestellen. Und wenn einer die Performance nicht bringt, wird er fristlos gefeuert. Herr Ackermann will sich mit 20% Rendite auf das Eigenkapital der Deutschen Bank begnügen. Das ist ja im Vergleich geradezu bescheiden.

Und die Moral von der Geschicht: „Die schon etwas haben, denen wird mehr gegeben, sogar bis zum Überfluss. Die nichts haben, denen wird das Wenige, das sie haben, noch weggenommen.“ Das klingt so als ginge es in diesem Satz um die Entwicklung in unserer Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten. Die Einkommen aus Arbeit sind gesunken und die Renditen aus Kapital haben schwindelnde Höhen erreicht. Findet Jesus das etwa richtig? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen oder doch?

Also ich fühle mich jedenfalls genug provoziert, um genauer darüber nachzudenken, was Jesus damit meinen könnte.
Beachten wir erst mal mit wem Jesus da redet:

Jesus spricht mit Menschen, die an einen fordernden Gott, den man fürchten muss, gewöhnt sind. Wenn man etwas falsch macht, muss man befürchten, dass dieser Gott einen grausam bestraft. Jesus spricht die Menschen auf ihr Bild von Gott an und übertreibt dabei: He ihr stellt euch Gott doch wie einen Sklavenhalter vor, dessen Sklaven ihr seid und der ein unbegrenztes Verfügungsrecht über euch hat. Das ist die erste Provokation: Ein Zuhörer würde vielleicht darauf antworten: Ja wir sind Gottes Volk, wir gehören ihm. Wir fürchten Gott. Aber wir glauben, dass Gott ein guter Herr ist kein gemeiner Sklavenhalter. Du übertreibst. Ja, Jesus überzieht das Bild um etwas deutlich zu machen.

Also dieser Sklavenhalter vertraut seinen Sklaven viel Geld, ein großes Kapital, an. Da würden die Zuhörer Jesu zustimmen. Ja, wir sind Gottes Volk. Gott hat uns seine Gebote anvertraut. Das ist ein großes Kapital.

Und dann geht der Sklavenhalter weg. Da würde sein Zuhörer protestieren: Nein, Gott geht doch nicht weg. Er bleibt bei uns und hilft uns. Jesus erzählt weiter: Jeder Sklave hat Kapital nach seinen Fähigkeiten erhalten. Die, die mehr erhalten haben, vermehren das Kapital, der eine der nur ein Talent erhalten hat, vergräbt es, weil er sich vor dem Sklavenhalter fürchtet. Als der Sklavenhalter zurück kommt werden die ersten beiden belohnt und gelobt, der dritte wird völlig unangemessen hart bestraft und in die äußerste Finsternis geworfen und dort seiner Todesangst ausgesetzt. Jesus sagt damit seinen Zuhörern: So seht ihr doch Gott. Ihr glaubt doch, dass Gott Israel die Gebote gegeben hat und wer nach ihnen handelt und sie lehrt wird von Gott belohnt und gelobt. Wer aus Furcht vor Gott sie zwar bewahrt aber es nicht schafft nach ihnen zu leben, der wird in die äußerste Finsternis geworfen. Vergleicht diese eure Vorstellung von Gott mit der Welt Gottes, auf die ihr hofft.

Jesus möchte dass seine Zuhörer zu dem Ergebnis kommen: Nein, so ist Gott nicht, so handelt Gott nicht. Ich muss meine Vorstellung von Gott ändern. Das ist die erste Reaktion, die Jesus bei seinen Zuhörern erreichen möchte und sicher auch erreicht hat.

Es gibt noch eine zweite Reaktion und die finde ich sehr spannend: Selbst wenn man so ein brutales Bild von einem Sklavenhaltergott hat, ist es gut sich diesem Gott gegenüber auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Das richtige Verhalten wird in der Geschichte geschildert. Die ersten beiden Sklaven legen es an den Tag: Sie gehen mutig auf das Leben zu. Sie handeln, mit dem was sie erhalten haben. Sie riskieren etwas. Sie leben mutig und vertrauensvoll. Sie machen etwas aus ihrem Leben. Sie setzen ihre Talente ein. Während der, der es falsch macht, sich nicht von dem Vertrauen in seine Fähigkeiten sondern von seiner Furcht leiten lässt. Er sieht nicht, dass er ja etwas von seinem Herrn erhalten hat. Er hat einfach nur Angst etwas zu verlieren. Er versteckt, was er bekommen hat, anstatt damit zu arbeiten, und verpasst darüber das Leben. Ihm mangelt es an Mut und Vertrauen. Mit dieser Haltung macht er sich alles kaputt.

Jesus meint also: Selbst wenn man Gott fälschlicherweise für einen gemeinen Sklavenhalter halten sollte, ist es doch eine gute Idee, mutig und vertrauensvoll ins Leben zu gehen anstatt sich von seiner Angst leiten zu lassen. Wieviel mehr erst gilt das, wenn man Gott für einen liebevollen Vater, eine liebevolle Mutter hält, die es gut mit einem meinen. Dann wird es erst recht Zeit, die Fähigkeiten, die man von Gott bekommen hat, einzusetzen und etwas Gutes mit ihnen anzufangen. Dann sollte man erst recht keine Angst davor haben, etwas falsch zu machen und mutig etwas riskieren, weil dieser gute Gott ja nicht weggegangen ist und einen mit seiner Aufgabe allein gelassen hat, sondern, weil der da ist und einem hilft und man sich vertrauensvoll an ihn wenden kann. Und wenn man mal was falsch macht, landet man nicht gleich in der äußersten Finsternis, sondern Gott ist gnädig und hilft einem weiter.

Was heißt das für uns heute?

Es heißt jedenfalls nicht, Investmentbanking ist eine gute Idee und wir brauchen keinen Sozialstaat.

Es heißt aber: Wir können ohne Angst und im Vertrauen auf Gott mutig ins Leben gehen und auch mal was riskieren. Und wir sollen unsere Fähigkeiten und Talente entwickeln.

In einem hat das Bild von dem dritten Sklaven nämlich recht. Wenn man seine Talente und Fähigkeiten vergräbt, dann sind sie bald nicht mehr da. Jeder Musiker und jede Sportlerin wird mir hier zustimmen. Ein Jahr nicht mehr Geige üben heißt, dass man die Töne nicht mehr richtig findet. Zwei Monate nicht trainieren bedeutet, dass die Kondition weg ist. Das ist keine Strafe von Gott. Sondern so funktioniert das Leben. Talente und Fähigkeiten kann man verkümmern lassen. Und dann sind sie effektiv verschwunden.

Wir können das Gute, das Gott uns schenkt, tatsächlich zerstören, wenn wir ängstlich oder unachtsam damit umgehen. Besser es geht mal was schief, als das man sich immer nicht traut oder sich nicht aufrafft, seine Fähigkeiten einzubringen.

Ich stelle mir gerade vor, was mit unserer Kirchengemeinde oder dem Ort Messel passieren würde, wenn alle der Aufforderung Jesu folgen würden, das was Gott ihnen an guten Gaben geschenkt hat, zu entwickeln und für die Gemeinschaft einzusetzen. Das ist ein Traum, den ich gar nicht zu träumen wage. Alle, die ein Talent zum besuchen haben, würden auch Leute besuchen, dann wäre im Ort niemand mehr einsam. Alle, die ein Talent haben, Menschen zu ermutigen, würden andere trösten und ihnen Mut zusprechen. Wieviel selbstbewusster könnten wir alle sein, wie viel Angst bräuchte es nicht mehr zu geben. Ich stelle mir die unterschiedliche und wunderbare Musik vor, die verschiedene Menschen in unsere Gottesdienste einbringen könnten. Und ich stelle mir die spannenden Predigten vor, die Leute hier halten könnten, die Talent zum predigen haben. Oder ich denke an die Menschen, die gut mit Jugendlichen umgehen können, und die sich an der Konfirmandenarbeit beteiligen würden. Und ich habe ja noch nicht einmal wirklich angefangen, darüber nachzudenken, was sich für Talente noch alle in der Gemeinde finden würden, wenn wir mal danach suchen würden. Und das alles, wo es doch hier in Messel schon über Hundert Menschen gibt, die sich ehrenamtlich in der Kirchengemeinde engagieren, die auch all das schon tun, was ich gerade beschrieben habe, andere besuchen, ermutigen und trösten, Musik machen, predigen, Kinder und Jugendliche und Senioren betreuen. Nicht auszudenken, was für Möglichkeiten sich noch erschließen würden, wenn noch mehr Leute ihre Fähigkeiten und Talente entdecken und einbringen. Hier liegen ganz bestimmt noch viele Talente vergraben. Ich möchte alle ermutigen, mal zu sehen welche wir noch ausgraben können. Ich glaube diese Kirchengemeinde verfügt noch über Möglichkeiten, die wir uns heute noch nicht einmal in unseren kühnsten Träumen vorstellen können. Wir sind hier in Messel doch ans Graben gewöhnt, ich denke da an die Fossiliengrube. Lassen Sie uns mit dem Graben hier in der Kirchengemeinde weitermachen.

Und der Friede Gottes …

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