Der Christus als Maulwurf

Liebe Gemeinde!

Erinnern Sie sich noch, als sie erschaffen wurden? Ich meine: Ganz am Anfang, als Sie merkten, dass da etwas war, das formte und sprach. Als sie plötzlich merkten, da bin ich. Da, wo vorher nichts war. Da formt jemand MICH. Da spricht jemand zu MIR. Erinnern Sie sich, als sie erschaffen wurde und die Welt um Sie herum? Da war die ganze Welt ein Wort: Wachse, lebe!

Erinnern Sie sich? Falls nicht, lesen Sie es einfach nach: Ganz am Anfang der Bibel: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Lebt fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde mit Leben, und regiert sie gut und sorgt für die Fische im Meer und für die Vögel unter dem Himmel und für alles Getier, das auf Erden kriecht. (Gen 1, 27f)

Wenn ich die Verse der Bibel lese, erinnere ich mich wieder an dieses Wort, das mich uns Leben rief, das Wachsen bedeutete, Leben. Es war keine Befehl, kein Auftrag zu wachsen, vielmehr Verheißung, ja noch mehr: Erfüllung: Alles war gut in diesem Wort, das mich ins Leben rief. Ich spürte, wie ich wuchs, wie alles wuchs von selbst durch dieses Wort. LEBEN wo keines war. ICH wo niemand war. Aus dem Nichts heraus eine Welt: wachsend, lebend, immer mehr. Und alles Leben singt ein Loblied auf Gott: „Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast! (Mt 25,24) Aus dem Nichts schaffst du die Fülle!“

Erinnern Sie sich, als Sie erschaffen wurden? Kennen Sie das Loblied des Lebens auf Gott noch? Singen Sie´s noch? Jeden Moment leben wir aus Gott. Und doch scheint es oft so weit, dass wir uns nicht erinnern können an diese sprudelnde Quelle des Lebens, dieses Wachsen, diese Freude, erschaffen zu werden, zu leben. Statt zu Wachsen, zu leben, verlegen wir uns auf das Sichern. Und die Vorzeichen, die wir vor die Welt schreiben, kehren sich um. Aus der Fülle wird Mangel. Aus der Freude über das Leben wird die Angst, etwas zu verlieren. Die Angst bedeutet, dass sich in uns die Vorzeichen verschoben haben, durch die wir die Welt sehen. Aus dem Plus wird ein Minus.

„Fürchte dich nicht!“ schallt es deshalb durch die Bibel. Fürchte dich nicht! Nimm wieder wahr, was wirklich ist! Lebe, wachse aus mir! So stellt sich Gott vor. So schallt´s aus dem Himmel über alle Welt. So wird Gott Mensch an Weihnachten: Fürchte dich nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus.

Christus. Das ist nichts anderes als Gott, der in eine ganz wörtlich perverse Welt kommt. Pervers, lat. „umgedreht, verkehrt“. Eine Welt, die sich selbst unter falschen Vorzeichen sieht. Der Christus soll es richten, soll wieder Klarheit schaffen. Hören wir ihm zu:

Mat 25:14-24:

[TEXT]

Fürchte dich nicht!“, schallt es über alle Welt. Und er fürchtet sich doch. Scheinbar kann er sich nicht an die Schöpfung erinnern, an dieses sprudelnde Leben, das ihn täglich neu erschaft samt aller Welt. Sein Denken und Fühlen kennt nur noch den Verlust und das Sichern das Vorhandenen gegen den Verlust. Er hat sich längst vom Wachsen und Leben auf das Sichern verlegt. Er hat längst die Vorzeichen umgekehrt. Aus der Fülle den Mangel gemacht. Aus der Freude die Angst. Statt dem Plus steht ein Minus vor allem. Jedes Geschenk wird zur Verpflichtung, jede Freundlichkeit zur Heuchelei, jedes Evangelium erdrückendes Gesetz. Selbst der Lobpsalm der Schöpfung wird ein Lied der Angst: „du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast“. Der Schöpfer, die sprudelnde Quelle des Lebens, wird ihm zum harten Mann, zur bedrohlichen Fratze. „Deshalb fürchtete ich mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde“, sagt er. Armer Knecht! Vergräbt das Evangelium, vergräbt das „Fürchte dich nicht!“ im Garten hinterm Haus. Verrammelt die Türen, macht die Rollländen runter und begräbt sich selbst lebendig – aus Angst. Nur nicht bewegen! Totenstarre. Das Grab scheint ihm der sicherste Ort auf Erden zu sein.

Wie kann man mit jemandem reden, für den die Vorzeichen vertauscht sind? Wie kann man mit ihm reden, damit er sich wieder dem Leben zuwendet. Wieder lebt statt nur gegen möglichen Verlust zu sichern. Wie kriegt man ihn wieder ins Freie, hinaus ins Leben? Wie kann man ihn auferwecken zum Leben?

Mat 25:26-30:

[TEXT]

Wenn jemand, warum auch immer das Leben unter umgekehrten Vorzeichen liest, und sich das Allerbeste ins Schlechte verkehrt; wenn jemandem das Leben zur Hölle wird. Könnte es dann sein, dass Gott ihm die Hölle seines Lebens so heiß macht, dass er freiwillig wieder raus kommt? Dass er sich wieder in Bewegung setzt – Richtung Leben? Dass er vielleicht anfangs aus Angst wieder ins Leben investiert. Und so, Schritt für Schritt feststellt, dass das Leben trägt.

Meine Tochter Hanna darf nach dem Mittagsschlaf immer einen Film ihrer DVDs ansehen z.B. eine der Geschichten um den tschechischen Zeichentrickmaulwurf. Eine heißt: Der Maulwurf und der Karneval. Der Karneval auch eine verkehrte Welt:

Der Maulwurf stöbert am Tag danach durch die Reste des Karnevals und amüsiert sich, bis ein großer Hund auf ihn aufmerksam wird und ihn zu jagen beginnt. Auf seiner Flucht verkriecht er sich unter einer Fratzen-Maske. Der Hund erschrickt so vor der Maske, dass er vor Panik in einen ausgetrockneten Springbrunnenschacht fällt. Dort kommt er nicht mehr heraus. Er beginnt jämmerlich zu heulen. Da erbarmt sich der Maulwurf und will ihm helfen. Aber wie? Alle Rettungsversuche scheitern. Schließlich hat der Maulwurf eine Idee: Er holt die Fratzenmaske und wirft sie zum Hund hinunter. Der erschrickt wieder auf´s Blut. Und mit der Kraft der Angst springt er aus dem Brunnen. Der Maulwurf holt den geretteten aber immer noch vor Angst schlotternden Hund an den Rand des Brunnens. Dann nimmt er einen Stein und wirft ihn auf die Fratze, sodass sie umkippt. Da versteht der Hund, dass die Fratze nicht mehr ist als eine Faschingsmaske. Und Maulwurf und Hund lachen gemeinsam, über die alte, furchteinflößende Welt, in der der Hund bis eben gelebt hat.

Der Maulwurf erinnert mich an den Christus unseres Predigttextes. Wo uns kein Evangelium mehr erreicht, weil wir die Vorzeichen verdreht haben, da versetzt er sich in die unsere verkehrte Welt. Und spricht die einzige Sprache, die wir dann noch verstehen: Vielleicht sind die Drohungen unseres Predigttextes die Fratzenmaske Gottes, die uns so erschrecken soll, dass wir aus den Löchern unserer Angst wieder hinausspringen ins Leben. Denn der Christus würde doch gerne mit uns lachen über die Fratze der Angst, die doch nicht mehr ist als das Trugbild einer verkehrten Welt.

Vielleicht ist die Hölle und mancher Schrecken, der uns im Leben widerfährt, eine Maske Gottes, die er uns zuwirft, damit wir vor Angst zurück ins Leben springen. Wo wir uns selbst in Angst begraben, malt uns Gott noch die Hölle an die Wände unserer Gräber, damit wir endlich aufhören, unser Leben zu begraben, nur weil uns ein Grab recht sicher scheint.

Gott, die Quelle des Lebens, bewahre uns in der Freude am Leben und schenke sie uns immer wieder neu. Das wünsche ich uns allen.

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