Ihr seid!

Lichter sind altes kirchliches Symbol: Lichter auf dem Altar, Lichterprozession, Lichtermeditation, Taufkerzen. Alle verweisen auf das Wort Jesu: ‚Ich bin das Licht der Welt’ und auf unseren Wochenspruch: ‚Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit’. Licht ist ein beliebtes Bild für die Wirklichkeit Gottes in unserem Leben.

Aber wenn all diese Lichter mehr sein sollen als nur ein schönes Symbol, brauchen sie inhaltliche Unterfütterung. Das Licht kann mir klar machen, wer Jesus für mich ist, aber es kann mir auch deutlich machen, was dieser Jesus mir zutraut für die Menschen zu sein. Die Lichter auf dem Altar, die Lichter bei den Menschen sind dann wie das Abendmahl und die Taufe: Hinweis auf den Gekreuzigten und Auferstandenen. Der Licht der Welt ist und die Seinen als Lichter in diese Welt sendet:

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Für mich ist in diesen Gedanken Jesu das Wesentliche die Zeitform: der Präsens: Ihr seid! Da steht nicht ein Angebot: Das könnt ihr sein auch kein Futur oder Konjunktiv, sondern das schlichte wertvolle ‚Ihr seid’.

Alle Hörenden werden eingesetzt in das Amt von Prophetinnen und Propheten. Bevor sie etwas leisten. Allein, weil sie hören.

Jesus spricht die Menschen direkt an: ‚Ihr seid’. Das kann ich mit Wohlgefallen hören, so wie ich mir Komplimente anhöre. Wenn jemand mir erklärt, wie jung ich aussehe, dann freue ich mich, aber ich muss es nicht ernst nehmen. Jesu Zusage schmeichelt mir, aber ich darf ihn beim Wort nehmen. Ich darf ihm glauben, dass ich das kann, was er mir zutraut, weil er mir verspricht, mich zu begleiten und mich zu stärken.

Die ihn hören können leben als Salz der Erde, Licht der Welt. Sie sind Eingeladene in das Reich Gottes. Ihnen wird zugetraut, dass ihr Tun und Reden Wirkung hat, die die Welt verändert.

Salz ist ja keine Würze im eigentlichen Sinne. Salz ist lebensnotwendig für den Organismus, aber auch um Lebensmittel haltbar zu machen. Salz ist lebensnotwendig, auch wenn Salz heute als problematisch verschrien ist. Das hängt damit zusammen, dass Salz heute ein billiges Wegwerfprodukt ist, dass in jedem Fertiggericht im Übermaß vorhanden ist. Früher war Salz höchst wertvoll. Die Salzstraße Lauenburg, Lüneburg, Lübeck mögen als Beispiel dienen, wie allein der Handel mit Salz viele Menschen reich gemacht hat. Ihr seid das Salz heißt auch: Ihr seid so wertvoll.

Das gilt auch für das Wort vom Licht in der Dunkelheit: Der Gedanke hat in vor–elektrischer Zeit eine andere Bedeutung als heute. Das Licht, das leuchtete mitten in der Nacht war Wegsignal wie die alten Leuchttürme. Nur mit Hilfe solcher einzelnen Lichtmarken, war es überhaupt möglich einen Weg zu finden. Wer öfter am Meer ist, kennt die Leuchttürme, die heuet noch schöne Landmarken sind, aber in vergangenen Zeiten den Seeleuten halfen ihren Weg zu finden. Solche Leuchttürme seid ihr, sagt Jesus.

Licht kann nicht verborgen bleiben, schon gar nicht das Licht der Stadt auf dem Berge. Dieser Gedanke, der so selbstverständlich ist für einen Menschen zu Jesu Zeit, für den die Stadt auf dem Berge mit ihren winzigen Lichtlein Anhaltspunkt war, der gilt als Zusage für uns. Dort wo Menschen im Glauben leben, dort wo Menschen das Wort Jesu hören, seine Bergpredigt, dort wird dieses Hören allein schon Menschen verändern und ausstrahlen in das Umfeld.

Es ist schon erstaunlich, was den Menschen zugetraut wird, die Jesus hören. Das sind underdogs, die Jesus ‚Licht der Welt’ nennt, Menschen, die sich die Zeit nehmen, ihm hinterher zu gehen, vielleicht weil die Arbeitsgesellschaft ihrer Zeit sie ausgespuckt hat. Vielleicht, weil sie keinen Sinn mehr darin sehen, immer nur im Hamsterrad zu laufen ohne wirklichen Erfolg. Auf jeden Fall ist es nicht die Elite seines Volkes und wohl auch nicht die Menschen, die in unserer Kirche zu Ämtern befähigt sind.

Aber diese hier sind Licht der Welt. Und ‚Salz der Erde’. Das kann alle, die in der Kirche unserer Zeit leben, Demut lehren; kann uns Demut lehren. Demut als Ausdruck des Staunens darüber, was der Sohn Gottes den Menschen zutraut. Demut aber auch als Ausdruck dessen, dass hier Jesus am Beginn seines Wirkens zu Menschen redet, die keinerlei Qualifikation haben, das zu sein, was ihnen zugetraut wird. Keine Qualifikation aber sie hören ihm zu. Das reicht.

Vielleicht könnte sich in meinem Leben ja auch Einiges ändern, wen ich einfach nur zuhöre, hinhöre, was Gottes Willen in meinem Leben ist. Jesus nennt auch mich Licht der Welt, Salz der Erde, wenn ich nur bereit bin, diesen Zuspruch zu hören.

Er stellt auch die Frage an mich: Womit soll gesalzen werden, wenn die ChristInnen sich weigern, Salz der Erde zu sein. Wer soll dieser Welt Licht sein, wenn der Glauben nicht leuchtet? Er bindet sich an die Menschen, mit denn er redet, weil er ihnen soviel zutraut.

So unsinnig wie Salz, das nicht salzen kann, ist es ein Licht anzuzünden und abzudecken. Darum geht es in diesem Bildwort und nicht um Theorien, wie es dann doch dazu kommen können, dass Salz ‚dumm’ wird, wie es Martin Luther übersetzt hat. So dumm können Menschen, die Jesus Christus angesprochen hat nicht werden.

Kirche ist Versammlung von Glaubenden und gewinnt ihre Berechtigung aus diesen Worten Jesu. Sie ist Kirche, wenn sie Salz der Erde ist und Licht der Welt, wenn sie Kirche für Andere ist – die anderen von der Zuwendung Gottes erzählt und die Zuwendung Gottes zu den Menschen als Kirche lebend verwirklicht.

Jeder Gottesdienst, den wir feiern, jedes geistliche Gespräch, das wir führen unser gesamtes geistliches Leben, unser Glaubensleben stehen unter der Verheißung der Zusage Jesu: Ihr seid das Licht der Welt, ihr seid die Stadt auf dem Berge.

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