Auftrag an Zweifler und andere Christen

Liebe Gemeinde,

bei jeder Taufe erklingen diese Wort, manchmal gelesen, oft aus dem Gedächtnis zitiert oder mit eigenen Worten wieder gegeben. Mit großem Erstaunen entdecke ich nun, wo dieser Bibelabschnitt Predigtext ist, eine Kleinigkeit, die mir seit Jahren gar nicht aufgefallen ist:

Da steht ganz zu Anfang bei der als Testamentseröffnung gestalteten Passage des Matthäus: … und als sie ihn (Jesus) sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Einige zweifelten … nein, das war meinem Gedächtnis entfallen. Dabei gibt dieser so genannte Missionsbefehl doch auch manchen Anlass zur Nachfrage.

Im Kontext der Taufe ist mir immer wichtig gewesen, zu sagen, warum wir überhaupt taufen und dass Gott uns seine bleibende Gegenwart zusagt. Wenn wir betrachten, was dieser Auftrag bis heute bewirkt hat, könnten wir glatt sprachlos werden. Man könnte es eine grandiose Erfolgsgeschichte des Christentums nennen, was da geschehen ist, schließlich ist doch wahr geworden, was Matthäus da schreibt: es gibt kam ein Fleckchen Erde, das nicht von der christlichen Botschaft berührt worden wäre. Heute gibt es ca. 2 Milliarden Christen in der Welt. Wir könnten eigentlich – wie es ein Teil der Jünger tut -, vor Gott niederfallen und ihm ungeteilten Herzens danken, wäre da nicht auch eine – fatale Geschichte der christlichen Mission mit zu benennen.

Entzündeten sich die Zweifel der Jünger damals an dem Tod Jesu, wie er grausam hingerichtet wurde. Bedrängte damals die Jünger die Frage, wie Gott das zulassen kann, ob ein Hingerichteter wirklich ein von Gott Geliebter sein kann und ob dieser Jesus – auch nach diesen Ereignissen – in der Welt gegenwärtig und wirkmächtig sein kann, treiben uns heute noch andere Zweifel um. Unsere Zweifel bekommen Nahrung durch die Art und Weise, wie der Auftrag des Auferstandenen ans Ende der Welt gekommen ist.

Wir sehen, wie mit der guten Botschaft zugleich Kultur und Lebensart geheiligt wurden und in alle Welt getragen, die oft ganz und gar nicht heilig sind. Wir sehen, wie die ehrenvolle Absicht, gute Botschaft den Menschen in alle Welt zu bringen, sich unselig mit ökonomischen Interessen verband. Uns beschämt, manche missionarische Überheblichkeit und Ignoranz, mit der man lange meinte, Gott einen Gefallen zu tun, die aber die wunderbare Botschaft von Gottes Liebes verdunkelt hat. Zweifelte man damals in erster Linie, an Jesu Gegenwart, so zweifeln wir heute an einer Mission, die kurzsichtig und sogar mit Waffen und Gewalt selbst die Welt retten wollte, anstatt die Liebe Gottes in die Welt tragen. Langsam versuchen wir aus den Irrtümern zu lernen.

Das Wort von der Begegnung auf Augenhöhe macht die Runde. Nicht länger kommen wir als die, die die Wahrheit in der Tasche haben und den armen Negerlein das Evangelium bringen. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Da gab es so eine kleine schwarzhäutige Figur und wenn wir die Kollekte in den Schlitz steckten, da nickte das Negerlein. Immer wenn mein Blick auf eine Sarottischokolade mit dem Mohren fällt, dann denke ich mit Scham an die alte Missionsgeschichte. War das alles so gemeint, mit dieser Sendung im letzten Kapitel des Matthäusevangeliums?

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Einige zweifeln – an Jesus, an Menschen, an diesem Auftrag. Sollte man dann doch lieber auf diesen offensichtlich missverständlichen, missdeutbaren Bibelabschnitt verzichten? Ihr ahnt es vielleicht, nein, ich will den Abschnitt nicht streichen. Doch: ich bin froh, dass ich endlich genau hingeschaut habe und den Zweifel entdeckt, der uns doch heute auch mit einigen von den ersten Jüngern verbindet, die Jesus auf der Spur waren.

Zweifel ist offenbar nicht Zeichen der Gottesferne. Der Zweifler wird gemeinsam mit dem Glaubenden von Jesus in die Welt gesandte: geht und verkündigt. Geht auch mit euren Fragen und Zweifeln im Herzen, mit eurer Ungewissheit und Zerrissenheit. Geht, erzählt den Menschen von dem, was ihr an Jesus entdeckt habt bezeugt vor allem Gottes Liebe. Und ich bin dankbar, dass es Menschen gab, die sich das Wort zu Herzen genommen haben, sonst wäre ich und wir alle nicht hier – und würden nicht ahnen, dass Gottes Gesicht uns freundlich entgegen scheint.

Ich habe zu Anfang von einer Testamentseröffnung gesprochen: Und eine solche stellt auch der Missionsbefehl dar. Wer ihn genau betrachtet, der merkt: da gibt es nicht nur eine to do -Liste. Es gibt daneben ein Vermögen, das uns hinterlassen wird. Das Vermögen ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Es ist die Zusage der Gegenwart Gottes und es ist die Erinnerung daran, wer am Ende die Macht behält. Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Liebe Gemeinde, dies ist ein gigantisches Erbe. Wir suchen oft – auch als Christen – die Macht bei den Politikern, bei der Wirtschaft, bei der Presse… und wo sonst auch immer. Selbst fühlen wir uns als kleine Rädchen im Getriebe und machtlos. Was kann ich schon… so sagt uns unser verzagtes Herz und will sich aus so vielen – scheinbar guten, nicht immer uneigennützigen Gründen – vor der Macht in dieser Welt beugen. Dabei wissen wir es doch besser, können es besser wissen: Die Macht hat am Ende Gott. Es ist diese besondere Macht, die in den Schwachen, in den Zweiflern und Geringen mächtig ist. Es ist die Macht, die aus einem Samenkorn einen Baum wachsen lässt. Es ist die Macht, die der Resignation den Kampf ansagt, die der Not und dem Leid einfach frech widerspricht und ein dennoch zu sagen, wagt. Ich bin bei euch und ich habe die Macht, sagt, Gott. Und am Ende werden sich alle Knie vor dieser Macht beugen müssen, am Ende heißt es Leben, bewahrt werden heute und in Ewigkeit. Ja, ihr lieben Mitglaubende und Mitzweifler, das ist Gottes Gabe an uns, dies dürfen wir an dem Weg Jesus ablesen und dies darf auch unser Weg sein.

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