Mehr als Urlaubsfotos

Liebe Gemeinde,

die Geschichte, um die es heute in diesem Gottesdienst geht, passt in gewisser Weise nicht schlecht zum Auftakt der Ferienzeit. Wir haben sie eben bereits als Lesung gehört, es ist die Geschichte vom großen Fischzug, die vielen von uns wohl bekannt ist.

Wer von uns lässt sich nicht in dieser großen Sommerhitze gerne an einen See versetzen, wo man den Fischern beim Netze reinigen zuschauen kann, wo die Wellen sanft ans Ufer plätschern, wo Jesus von einem leicht hin- und her schaukelnden Boot aus zu den Menschen spricht, und wo man am Schluss sogar noch Zeuge eines überwältigenden, ja dramatischen Fischzugs werden kann. Von der Zuschauerrolle her betrachtet, könnte der – wie es heute so schön heißt – „Event-Charakter“ dieser Geschichte kaum größer sein: sie bietet reichlich Stoff für bunte, lebendige Urlaubsfotos.

Man stelle sich vor: wir wären dabei gewesen, im Menschengedränge am Ufer des Sees, vielleicht nur zufällig hineingeraten, oder von Gerüchten oder von Gerüchen angelockt – und hätten all das miterlebt, wovon der Evangelist Lukas hier so anschaulich erzählt: die müden und enttäuschten, von der Sonne gegerbten Gesichter der Fischer, die schaukelnden Boote, von denen plötzlich eines losgemacht wird, das Raunen durch die Menge, als Jesus an der Seite des Simon das Boot besteigt und nun, ein paar Meter weiter vom Ufer weg, endlich für alle sichtbar anfängt, zu uns zu sprechen … – und plötzlich ist es so ruhig und still ge-worden trotz all der vielen Menschen, dass nur noch das leichte Wehen des Windes und das gelegentliche Plätschern der Wellen ans Ufer zu hören ist, und da hinein in großer Ruhe seine Stimme und seine Worte, von denen jeder und jede auf einmal das Gefühl hat: so hat noch niemand zu uns geredet, so ruhig, so klar, so vertrauenweckend wie dieser Jesus – jeder und jede fühlt sich ganz persönlich angesprochen von seinen Worten… – vielleicht nur von einem Wort, das jetzt, so scheint es, nur mir gilt, nur mir ganz allein …

Jetzt ist Jesus mit seiner Rede am Ende, und alle warten darauf, dass er sich ans Ufer zurückrudern lässt von Simon, dem Fischer, doch da … – man sieht, wie sie miteinander gestikulieren, und irgendjemand von ganz vorn hat aufgeschnappt, was da geredet wird: „Er hat gesagt: Fahre hinaus, wo es tief ist, und dort werft eure Netze aus!“ Jetzt, wenn jemand eine Filmkamara dabei hätte, würde er die Szene, die sich dort abspielt, ganz nah heranholen – all das, was sich auf dem Gesicht von Petrus abspielt in diesem Moment – sein müdes, enttäuschtes und resigniertes Gesicht – und wie er auf seine Kollegen am Ufer und auf die leeren Netze zeigt und anhebt zu widersprechen: „Meister – wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“

Und plötzlich sind wir wie mit hineingezogen in diese ganz persönliche Begegnung zwischen Jesus und Simon, dem Fischer. Sehen, wie er den Kopf hängen lässt: Ach Jesus, was weißt denn du vom Fischen?, will er wohl sagen. Du magst uns viel Gutes und Wichtiges lehren können über Gott und ein Leben nach Gottes Willen, aber von unserm Beruf verstehst du nichts. Am hellichten Tag an der tiefste Stelle des Sees die Netze auszuwerfen – das brauchen wir garnicht erst zu versuchen, das ist gegen alles Wissen und gegen alle Erfahrung, die wir als Fischer über Jahre und Jahrzehnte gesammelt haben.

An dieser Stelle wird mein Versuch, die Geschichte als Urlaubserlebnis zu erzählen, empfindlich gestört. So wie wenn einem im fremden Urlaubsland irgendwann plötzlich bewusst wird: was für mich auf den ersten Blick idyllisch, romantisch oder exotisch aussehen mag, das ist für die Menschen, die hier leben und arbeiten, harte Realität. Der Alltag der Fischer, die hier am See ihre Netze flicken und reinigen – er ist alles andere als lustig. Die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen – das ist kein Motiv für ein Urlaubsfoto. Das ist eine bittere Wirklichkeitserfahrung, die uns hier auf einmal vor Augen gestellt wird in Gestalt dieses Fischers Simon. So wie ihn gibt es viele, auch heute: Fischer, deren Netze leer bleiben, weil die Meeere ausgeplündert sind; aber auch Men-schen in anderen Zusammenhängen, die schuften, ohne je wirklich ein Ergebnis ihrer Arbeit zu sehen. Oder Jugendliche, die eine Bewerbung nach der anderen schreiben, ohne Erfolg. Ja, und vermutlich ist es ja auch den meisten von uns selbst hier und da schon so gegangen: dass wir die ganze Nacht gearbeitet, und nichts gefangen haben …

In jedem Leben gibt es wohl solche Momente großer Ernüchterung und Enttäuschung. Nicht nur im Beruf, auch hin und wieder im Ehrenamt, auch in der Gemeindearbeit, im Kirchenvorstand oder anderswo, kann uns manchchmal solche Resignation überkommen. Da habe ich meine Kraft eingesetzt für ein bestimmtes Ziel, für eine Sache – aber was habe ich erreicht? Ein Erfolg, jedenfalls ein sichtbarer, ist ausgeblieben oder lässt auf sich warten. Müde und er-schöpft fragen wir uns manchmal: war vielleicht alles umsonst? Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Ja, diese Erfahrung des Fischers Simon ist uns nicht fremd …

Doch dieser Simon – irgendetwas muss in ihm vorgegangen sein, während er da mit Jesus draußen auf dem Boot war und ihm zugehört hat, aus nächster Nähe. Etwas muss es da gegeben haben, was ihn angesprochen und aufgerichtet hat für einen Moment jedenfalls. Der Jesus, der redet nicht nur so dahin, dem kann man vertrauen – das muss sein Gefühl gewesen sein: irgendwie war es beruhigend ihm zuzuhören, während das Boot sanft hin- und herschaukelt. Jedenfalls sehen wir, nun wieder ganz aus der Zuschauerperspektive betrachtet, wie sich sein gesenkter Kopf langsam hebt, und er ein paar Sekunden lang Jesus anschaut, neues Vertrauen schöpft – und sich dann ein Herz fasst und zu ihm sagt: „… aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“

Wie ein Ruck geht es plötzlich durch Simon hindurch: Ja, ich pack es noch einmal an – Warum? Weil du mich dazu ermutigst. Weil dein Wort mein Vertrauen weckt, mein verlorenes Zutraun wieder zurückbringt. Petrus erkennt die Chance des Augenblicks: Da ist einer, der Vertrauen ausstrahlt, der Mut macht, abseits der eingefahrenen Wege noch einmal etwas neues, anderes zu probieren. „Fahr hinaus ins Tiefe und werft eure Netze aus!“ Und so können wir sehen, wie er jetzt seine Leute herbeiwinkt: los, kommt her, wir probieren es noch einmal! Gegen alle Erfahrungswerte wagt es Petrus, das Ungewöhnliche zu tun. Und er reißt die anderen mit, obwohl die sicherlich denken, oder sogar laut sagen: der spinnt. Aber die Energie des neu gewonnenen Vertrauens ist stärker, als der Wi-derstand und die Müdigkeit derer, die eigentlich wie er längst aufgegeben haben.

Und jetzt kommt wieder was für den Urlaubsfilm: weit draußen auf dem See, wo die Fischer auf Jesu Wort hin die Netze ausgeworfen haben, sieht man wenig später vom Ufer aus ein aufgeregtes Rufen und Winken. Simons Boot hat schon bedenklich Schlagseite, so voll sind die Netze mit Fischen, die Männer auf den anderen Booten müssen jetzt schleunigst helfen, den Fang zu bergen. Mit ver-einten Kräften gelingt es schließlich, langsam kehren die schwer beladenen Boo-te ans Ufer zurück und werden dort jubelnd empfangen. Die Netze werden an Land gezogen, alle helfen mit. Was für ein Staunen ist da bei den Menschen über diese unerwartete Fülle. Allein um diese Szene festzuhalten, könnte man in heutiger Zeit mühelos einen ganzen Film verknipsen. Nicht zufällig haben in früheren Jahrhunderten viele Maler gerade dieses Bild immer wieder dargestellt.

Doch was ist mit Simon auf einmal los? Wir sehen ihn nicht bei den Leuten, die freudig und ausgelassen um die Berge von Fischen herum tanzen. Stattdessen finden wir ihn ganz abseits wieder, noch auf dem Boot, mit Jesus allein. Voller Verwunderung sehen wir, wie er sich ihm geradewegs vor die Füße wirft und zu ihm sagt: „Herr, geh weg von mir. Ich bin ein sündiger Mensch.“ Diese Szene habe ich nie verstanden und deshalb eigentlich immer gerne übersprungen. Muss das denn sein, dass Petrus sich hier so selber erniedrigt? Will Jesus das überhaupt? Hätte es nicht gereicht, wenn Simon sich einfach bei Jesus bedankt und ihm zum großen Festschmaus einlädt?

Der Erzähler sagt erklärend, ein Schrecken sei ihm in die Glieder erfahren. Worüber mag Petrus wohl so erschrocken sein? Gewiss ist es dieses Wechselbad der Gefühle gewesen, das Simon so zitternd gemacht hat: erst die große Leere und Niedergeschlagenheit, dann auf einmal die Überfülle – das war einfach zu viel für ihn. Doch noch mehr geht es hier wohl darum, dass Simon angesichts dieser überwältigenden Erfahrung über sich selbst erschrocken ist. Habe ich nicht mein Leben lang geglaubt, dass alles, Erfolg und Misserfolg, von meinen eigenen Bemühungen und Anstrengungen abhängt. Habe ich Gott nicht viel zu wenig zugetraut – viel zu wenig mit ihm gerechnet? Wie beschämend ist es auf diesem Hintergrund, dass Gott mich nun so unerwartet und übermäßig reich beschenkt. Das kann ich doch garnicht annehmen, das habe ich doch eigentlich garnicht verdient … So, oder ähnlich, stelle ich mir die Gedanken vor, die in Simon abgelaufen sind. Und vielleicht kommt uns auch das bekannt vor: dass wir da, wo uns – selten genug – für einen Augenblick die Fülle des Lebens begegnet, auf einmal die Erfahrung machen und erkennen, dass wir damit gar nicht angemessen umgehen können. Könnte es das sein, was Simon meint, wenn er zu Jesus sagt: „Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch“?

Doch Jesus lässt den Simon nicht lange allein mit seinem Erschrecken über sich selbst. Er legt ihm – so sehe ich’s jedenfalls vor meinen Augen – vielmehr die Hand auf die Schulter und spricht dieses erlösende: „Fürchte dich nicht.“ Und damit holt er ihn wieder heraus aus der Lähmung, in die er nach dem überwältigenden Fischfang erneut zu geraten drohte. Ja, auch das lehrt die Geschichte: man kann von der Erfahrung unerwarteter Fülle, mit der man nicht mehr gerechnet hat, genauso gelähmt sein, wie zuvor von ausbleibenden Erfolgserlebnissen.

Aber soweit lässt es Jesus mit Simon Petrus garnicht erst kommen. Stattdessen befreit er ihn von seinem Schrecken und setzt die dahinter verborgene Energie frei, indem er ihm einen neuen Auftrag gibt: „Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Und dann geschieht das eigentlich noch Unglaublichere: Petrus und die Seinen ziehen ihre Boote an Land, lassen alles liegen und stehen – die Boote, ihre Netze, nicht nur die Fischernetze, sondern auch ihr soziales Netz, Freunde, Familie, und nicht zuletzt den soeben gemachten Fang – und ziehen mit Jesus davon, um künftig nicht mehr Fische zu fangen, sondern Menschen zu gewinnen für Jesus und seine Botschaft.

Worüber soll man mehr staunen am Ende dieser Geschichte: über den unglaublichen Fischfang, der nun fast unbeachtet zurückbleibt, oder über diese große Wende im Leben der Fischer, die dieses Erlebnis ausgelöst hat?

Spätestens an dieser Stelle zeigt sich noch einmal: in dieser Geschichte steckt mehr, als sich in Urlaubsfotos festhalten lässt. Sie wurde erzählt, um uns mitzureißen und aus der Zuschauerrolle herauszuholen. Es geht hier eben nicht um ein „event“, über das morgen die Bildzeitung berichtet. Es geht um eine existentielle Erfahrung, in die wir mit hinein genommen werden sollen. Unsere Enttäuschung, Müdigkeit und Resignation kann sich wie bei Simon Petrus und seinen Freunden verwandeln in unerwartete Fülle, wenn wir auf Jesu Wort hin die Netze auswerfen und darauf vertrauen, dass Gott sie füllen wird mit seiner eigenen Hand – dass darum Erfolg und Misserfolg nicht allein von uns abhängt. Wie entlastend kann das für uns sein, wenn wir in dieser Weise zwar unsere Arbeit gründlich und gewissenhaft tun – aber das, was am Ende daraus wird, Gott überlassen können. Und was für den richtigen Fischfang gilt, das gilt auch für die Menschenfischerei, das gewinnen von Menschen in der Nachfolge Jesu. Jesus erwartet nicht von uns, dass wir aufgrund unserer eigenen Anstrengungen und Bemühungen die Netze füllen, sprich Menschen gewinnen. Jesus erwartet nur, dass wir im Vertrauen auf sein Wort die Netze auswerfen, auch und gerade da, wo wir nicht erwarten, dass uns ein Fisch ins Netz geht.

Nehmen wir also dieses Wort mit und lassen uns davon bewegen wie Petrus. Trauen wir uns, unsere Netze noch einmal auszuwerfen, auch wenn wir die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen haben. Die Verheißung dieser Geschichte gilt auch für uns, für jeden und jede von uns: dass die Netze von Gott gefüllt werden, in dem Moment, wo wir uns vertrauensvoll auf sein Wort verlassen.

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