Was ist das hier eigentlich: Ein Wunder?

Liebe Gemeinde,

ist ihnen das aufgefallen: Jesus redet zu den Leuten. Offensichtlich so interessant, dass immer mehr Leute kommen, um ihn zuzuhören. Von hinten drücken sie nach, um noch so nahe an ihn heran zu kommen, dass sie verstehen können, was er sagt. Jesus wird geradezu überrannt und ans Wasser gedrückt. Und da bittet er einen der Fischer, die da arbeiten, ihn doch mit dem Boot ein Stück raus zu fahren, damit die Leute am Ufer bleiben und ihn nicht überrennen. So interessant redet Jesus. Aber wir erfahren kein Wort darüber, was er sagt. Ist ihnen das aufgefallen? Hier geht es offensichtlich mehr um das, was Jesus tut. Reden ja, aber wichtig ist das, was man tut. Das ist vermutlich die erste Lehre aus unserem heutigen Predigttext.

Interessant ist auch, was Jesus tut – nämlich völlig Weltliches: Er bittet einen Menschen um seine technische Unterstützung. Leih mir dein Werkzeug, dein Boot, dein Auto. Fahr mich da raus, bitte! Er bietet kein Geld an, wie man denken würde. Er sagt: Ich brauch ein Boot. Du hast eines. Bitte fahr mich raus. Das ist doch etwas grundlegend Menschliches. Wie schwer aber tun wir uns oft damit: Einerseits andere einfach zu fragen, ob sie was für uns tun. Und andererseits, wenn uns jemand fragt, das halt einfach zu machen. Petrus kennt Jesus hier ja noch nicht näher. Es ist ihre erste Begegnung. Petrus muss davon ausgehen, diesen Fremden vermutlich nicht wieder zu sehen. Er wird vermutlich nichts zurück bekommen.

Und trotzdem tut er´s. Und er wartet – geduldig oder ungeduldig – bis Jesus fertig ist mit dem, was er zu tun hatte: nämlich zu den Leuten reden. Dann ist Jesus fertig mit den Leuten. Und es ist, als würde er jetzt überlegen, bei wem er da eigentlich im Boot sitzt: bei einem Fischer. Was interessiert Fischer eigentlich? Vermutlich Fische. Und wieder geht´s ums Handwerkliche! „Lass uns fischen gehen!“, schlägt Jesus vor. „Du, wir haben die ganze Nacht gefischt. Und nichts gefangen!“ sagt Petrus. „Jetzt wär´s mal genug, Meister! – Aber na gut, meinetwegen, Extrafahrt für dich.“

Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken.

Liebe Gemeinde! Was ist das hier eigentlich, was da passiert? Ist es ein Wunder? Ein berufliches Wunder? Wie wenn ein Architekt ein Reihenhaus plant. Und dann klingelt´s an der Tür, einer fragt, ob er mal was faxen kann. Nebenbei sieht er sich die Pläne an. Und dann stellt sich heraus, dass er im Auftrag der chinesischen Regierung unterwegs ist. Und er bestellt, nachdem man etwas fachgesimpelt hat, vorerst 1000 dieser Reihenhäuser für eine neue Trabantenstadt Pekings. Und dann steht man auf, als Architekt, löst sein Büro auf und geht nach China, um ganze Städte zu bauen.

Was ist das hier eigentlich, was da passiert in unserem Predigttext? Ist das vor allem ein Märchen um das Gute, das belohnt wird wie beim Sterntalerkind?: Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. – Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: "Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungrig." Es reichte ihm das ganze Stück Brot, das sie noch hatte. Danach begegneten ihm drei Kinder, die frohren: Dem einen gab es seine Mütze, dem anderen sein Leibchen und dem dritten, ihr Röckchen bis sie gar nichts mehr hatte. Es war schon dunkel geworden, da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein Neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag. In unserer Geschichte ist das Mädchen ein Fischer, der nichts gefangen hat. Und obwohl er selbst kaum was hat, gibt er dem, der ihn bittet: Gib mir dein Boot! Und er gab´s hin. Fahr mit mir fischen! Und obwohl er schon müde war, tat er ihm den Gefallen. Und wie er so aus Gefälligkeit seine Netze ins Wasser warf, zappelten auf einmal lauter silberne Fische im Netz, so viele, dass sie fast sanken. Und sie sammelten sie alle ein – und waren reich für ihr Lebtag?

Was ist das hier eigentlich, was da passiert am See Genezareth? Ist das vor allem eine Anleitung, wie man Erfolg hat im Leben? Du bist ein guter Handwerker: Du hast die nötigen Gerätschaften, die richtige Technik, Erfahrung und du arbeitest mit anderen zusammen. Und trotzdem – der Erfolg bleibt aus, wenn der nicht mit ihm Boot sitzt, der den Erfolg bringt: „Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn.“ Wer nur richtig Christ ist, wird erfolgreich und glücklich sein? Und am Ende belohnt werden?

Was ist das hier eigentlich, was da passiert? Ist das vor allem ein Gleichnis? Ein Gleichnis darüber, wie Kirche entsteht? So sehr man sich auch abzappelt, Menschen für Christus zu gewinnen. Es wird nichts: Die Netze bleiben leer. Christus selbst füllt die Netze. Er führt die Menschen zu sich. Mission gelingt dort, wo wir tun, was er sagt? Was ist das hier eigentlich?

Auf jeden Fall eine Geschichte, in der das Leben eines Menschen völlig neue Bahnen einschlägt. Petrus lässt alles liegen und folgt Jesus nach. Auf jeden Fall ist das hier eine Geschichte, in der jemand sich selbst zurückstellt, einem anderen hilft, mit dem, was er hat. Auf jeden Fall ist das hier eine Geschichte über Misserfolg und Erfolg, die zeigt, das beides letztlich keine Rolle spielt. Denn der reiche Fang wird verlassen, weil etwas anderes wichtiger ist als Erfolg. Und weil dieses andere lebensbestimmend wird. Petrus spürt dieses andere. Es geht im durch und durch. Er fällt Jesus zu Füßen: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang. Es ist, als schieße Simon Petrus die Wahrheit durch Mark und Bein. Die Wahrheit über sich selbst. Und was aus ihr geworden ist im Laufe der Jahre: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“

Spüren Sie sie auch, diese alles verändernde Wahrheit? Spürst du sie auch – wie Simon Petrus? Die Wahrheit, die alles Falsche aufdeckt im eigenen Leben? Die einem vor Augen stellt, wie man sein sollte. Und die Wahrheit wie man aber leider ist – ganz anders als man sein sollte. „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“

Simon Petrus spürt die Wahrheit. Die Wahrheit, die unerträglich wäre, wenn sie uns nicht trotz allem berufen würde: Und Jesus sprach zu Simon: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Schön, dass unser Predigttext so offen endet: Sie folgten ihm nach. Mehr nicht. Was wird aus ihnen? Werden sie wahr? Trägt die Wahrheit? Bleiben sie wahr? Oder werden sie wieder verlogener, sündiger Mensch?

Der Evangelist Johannes erzählt die Geschichte vom großen Fischfang, die wir eben aus dem Lukasevangelium gehört haben, noch einmal – ganz am Ende seines Evangeliums – nicht wie Lukas am Anfang. Bei Johannes haben Petrus und die anderen schon alles durchlebt: Das Hosianna und das Kreuzige-ihn, die schrecklichen Tage des Todes und die Auferstehung. Auf das alles schauen sie schon zurück wie wir. Und dann erscheint ihnen Jesus noch einmal, als sie – trotz Auferstehung – wieder zurückgekehrt waren in ihr altes Fischerleben wie damals, bevor die Wahrheit sie ergriff.

Johannes erzählt: Jesus erscheint seinen Jüngern immer wieder. Immer wieder führt er sich schrittweise zur Wahrheit – ganz weltlich. Er bittet sie um einen Gefallen, und dann um noch einen. Und sie tun ihm die Gefallen – und plötzlich ist sie wieder da, die Wahrheit. Hier, liebe Gemeinde, schließt sich der Bogen der Geschichten vom großen Fischfang: Immer wieder scheint die Wahrheit, die Wahrhaftigkeit in unser Leben. Immer wieder ruft sie uns, bittet uns: Ich brauche das und das. Du hast es. Gib mir es. Ich brauche das oder das. Du kannst es tun. Tu es, bitte. Scheinbar führt der Weg zur Wahrheit nicht übers Denken, nicht über´s Fühlen, sondern über´s Tun. Schritt für Schritt: Dein Boot, ich brauche es. Komm fahr mich. Ach, lass uns fischen gehen. Und dann, erst nach allem die Bitte: Führ andere Leute auch zu mir: Schritt für Schritt: Dein Boot, ich brauche es. Komm fahr mich. Lass uns fischen gehen. Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen: Schritt für Schritt. Die Wahrheit wird nicht geredet, sie wird getan. Und wer andere zur Wahrheit führen will, der muss sie tun: Du wirst Menschen fangen – indem du sie um Hilfe bittest und selbst Hilfe gibst – um meinetwillen.

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