Erfahrungen durchbrechen

Liebe Gemeinde,

So heilig bin ich nicht…

Mein Eindruck war anders. Er wirkte selbstsicher, ein Schrank von einem Mann. Bestimmt war er hervorragend in seinem Beruf und Sportler sowieso. Als künftiger Taufpate saß er mit am Tisch. „Und sie lesen dann das Evangelium und sprechen das Patengebet“, schlug ich ihm freundlich vor. Mein Satz war kaum zu ende, da hatte er schon einen knallroten Kopf. Er schien förmlich in sich zusammen zu sinken. Seine Lippen bewegten sich stumm, ehe er dann den Satz heraus stotterte: „So heilig bin ich nicht“. „Ach, trauen sie sich nur“, wollte ich ihn ermutigen. „Freilich könnte ich das,“ entgegnete er mir, „aber das passt nicht, Herr Pfarrer. Nein, das machen besser sie. Da vorne (er meinte den Altar) passe ich nicht hin.“ Sein Blick ging unsicher über die kleine, familiäre Runde hinweg. Niemand sagte etwas bis ich ihn erlöste und meinen Vorschlag endlich zurückzog.

Was war geschehen? Ich kann es nur vermuten, aber ich hatte den Eindruck, dem armen Kerl waren in dem Augenblick, als er sich für einen kurzen Moment vor dem Altar stehen und das Evangelium verlesen sah, sämtliche Sünden auf einmal eingefallen. Von der ersten Zigarette über Vollrausch hin zu Begebenheiten, die wir hier besser nicht erwähnen. „Nein, so heilig bin ich nicht“. Heiliges Evangelium und schlichter Mensch – oder soll ich sagen „Sünder“ – passten diesem Paten damals nicht zusammen.

„Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.“

Es ist wohl dieser Vers aus unserer Geschichte, der mir diese längst vergangene Szene wieder ins Gedächtnis gerufen hat. Sie merken daran, wie ich dieses Erschrecken des Petrus auffasse. Er erschrickt über den Aufbruch des Heiligen, des Neuen, der Zukunft in seinem Leben; erschrickt über die Begegnung mit Jesus: „Geh weg, ich bin ein sündiger Mensch“. Auch Petrus brachte sich und Gott, sich und das Neue, sich und Jesus nicht einfach zusammen. Und ich denke, es geht vielen Menschen so.

Nebeneinander

Das Nebeneinander ist uns geläufiger, das Nebeneinander von Heiliger Schrift und Alltag, das Nebeneinander von Kirche und Büro, das Nebeneinander von Gott und Welt. Das Nebeneinander von „Christsein“ und „Mensch in dieser Welt“. Nebeneinander, nicht vermischt. Nebeneinander, nicht aufeinander bezogen.
Haben sie den Anfang unserer Geschichte noch im Gedächtnis? Ja, sie setzt mit diesem Nebeneinander ein. So, wie ich das jeden Sonntag erlebe, wenn ich hier zur Kirche gehe. Ich habe meinen Talar, Gebete und Predigt im Koffer und passiere auf dem Weg hierher das Café gleich an der Ecke. Frauen wischen die Tische. Erste Gäste trinken ihren Cappuccino. Und wir feiern zwanzig Meter weiter Gottesdienst.

Jesus predigt am Ufer des Sees. Nebenan werkeln die Fischer mit ihren Netzen. Kirche und Lebensalltag nebeneinander.

Und dann beginnt es so harmlos. „Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus“. Noch ahnte niemand aus der Schar der Fischer, welche Zukunft sich in diesem Brückenschlag anbahnen sollte.

Durchbreche deine Erfahrungen

Wundergeschichten verblassen zu seltsamem Spektakeln, wenn wir sie zu bildlich, zu „gefilmt“, zu wörtlich verstehn. Wundergeschichten sind zu einer Erzählung verdichtete Glaubenserlebnisse. So auch unsere vom Fischfang.

Ohne Umschweife nenne ich das Glaubenserlebnis, das ich in dieser Geschichte aufgehoben sehe. Ich formuliere es einmal so:
„In der Begegnung mit Jesus kann ich meine Erfahrungen durchbrechen“. Was ich damit meine, verdeutliche ich am Klagesatz des Petrus: „Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nicht gefangen“. Dieser Satz hat tausende von Geschwistern, und jeder von Ihnen, liebe Gemeinde, könnte ein weiteres dazu setzen: „Immer die gleiche Tretmühle“. „Mir gelingt nichts“. „Ich bin am Ende“. „Wie lange soll ich das noch aushalten?“
Es müssen nicht immer die düsteren Erfahrungen sein, die uns einsperren. Manchmal sind wir ja auch anders gefangen: „Ich bin immer erfolgreich“. „Ich habe immer Recht“. „Gib mir Zeit, und ich schaffe alles“.

„Aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen“. Mit diesen Worten öffnet sich Petrus für neue Erfahrungen. Und er kehrt an das Ufer mit großem Fang zurück.

Spielen wir das einmal durch: Angenommen, Jesus würde sie einladen, sich neuer Erfahrung zu öffnen:

Wäre das nichts? „Ich lade dich ein“, sagt Jesus, „aus deiner Einsamkeit aufzubrechen“. Wäre das nicht eine Möglichkeit, seine Erfahrung „Ich bin immer so einsam“ durch einen Besuch zu durchbrechen, sich auf zumachen, andere Menschen zu treffen. In Petri haben wir so viele Möglichkeiten: Unsern Geburtstagstisch, unser „Café Clatsch“, das „Mehrgenerationenhaus“ u.v.a.m. Es reichte ja auch, eine Freundin zu besuchen, jemanden anzurufen. Petrus ging nicht leer aus, als er gegen seine Erfahrung am hellen Tag die Netze auswarf.

Wäre das nichts? „Ich lade dich ein“, sagt Jesus, „aus deiner Trägheit aufzubrechen“. Wäre das nicht eine Möglichkeit, seine Erfahrung „In der Schule schaffe ich nichts“ mit einem eisernen Willen, viel zu üben und zu wiederholen zu durchbrechen. Es ist einfach: Fernseher ausschalten. Computer runter fahren.

Wäre das nichts? Wäre das nicht eine Möglichkeit, unsere Erfahrung „Es dreht sich alles nur um´s Geld“ mit einer neuen Ethik zu durchbrechen, mit einer Wirtschaftsethik, die sich am Wohl des Menschen und nicht nur am eigenen Gewinn orientiert? Ist nicht jeder Mensch von Gott eingeladen, für den anderen und nicht gegen ihn zu leben?

Wäre das nichts? Wäre das nicht eine Möglichkeit, den endlosen Streit mit Geschwistern, Eltern oder sonst wem mit einem lieben Brief, einem Anruf, einer schönen Geste zu durchbrechen. „Seid Botschafter der Versöhnung“, lädt Gott uns ein.

Wäre das nichts? Wäre das nicht eine Möglichkeit, seinen Zwang, immer der Erste sein zu müssen zu durchbrechen im Eingeständnis all der Erlebnisse, die unter diesem Zwang ausgeblendet worden sind. Wir werden tatsächlich reicher als Mensch, wenn wir auch solche Zeiten, wo wir schwach und elend waren, an uns heran lassen. Nicht als Niederlage, sondern als Befreiung, endlich eingestehen zu können, wie sehr ich andere Menschen brauche.

Man mag erschrecken vor solchen neuen Erfahrungen. Sie machen zuerst sehr unsicher. „Geh weg von mir!“ Petrus hatte es mit der Angst bekommen. „So heilig bin ich nicht“, hatte der Kerl am Anfang der Predigt gesagt. Neue Erfahrungen mögen tatsächlich erschrecken. Sie durchbrechen unser fertiges Bild von uns und der Welt.

Aber wie anders sollte Gott uns denn überhaupt begegnen können? Gott wohnt nicht Staubgerüst unserer versteinerten Lebenserfahrung. Gott wohnt nicht im Satz „ Es war schon immer so“. Gott segnet nicht nicht unsere Angst. Gott segnet unseren Lebensmut und beschenkt uns mit reichem Fang an Hoffnung, Kraft und Liebe.

Nicht zu meiner Zeit

„Nein, so heilig bin ich nicht“. Meine kleine Erzählung am Anfang hatte ja kein „Happyend“. Ich müsste lügen, wollte ich behaupten, der Kerl hätte sich dann doch auf Evangelium und Gebet eingelassen im Taufgottesdienst. Damals, als ich nach hause ging, hatte ich so ein bisschen das Gefühl von Niederlage. Warum war es mir nicht gelungen, ihn zu überzeugen? Aber wer weiß, vielleicht ist er schon längst Mitglied in einem Kirchenvorstand oder vielleicht singt er in einem Chor mit? Wer weiß.

Damals, als wir uns begegneten, war für ihn die Zeit wohl noch nicht da, für neue Erfahrungen. Und ich musste mir wieder klar machen: Die Begegnung mit Gott geschieht zu seiner, nicht zu meiner Zeit. Damit will ich den Satz „Durchbreche deine Erfahrungen“ nicht zurück nehmen, ihn aber dennoch in den richtigen Horizont stellen. Ein Wunder geschieht. Wir können es nicht machen.

Wir dürfen aber darauf trauen, wenn wir in Angst zusammensinken, dass Jesus uns zu seiner Zeit aufrichtet und dir sagt: Fürchte dich nicht! Wir müssen nicht alle Menschenfischer werden. Das war das Hauptwort über der Lebenswende des Petrus. Über deiner und meiner in Jesus geschehenden Lebenswende mögen andere Titel stehen: Glückliche Oma. Mann, stolz im Alter. Kind voll Lebensmut. Lachendes Gesicht. Mutig trotz Krankheit. Hoffnung trotzend aller Trauer.

Es kommt ja nur darauf an, dass wir nicht den Glauben daran verlieren, dass Jesus – wieder einmal – in meinen Lebenskahn tritt, mich anspricht, mir einen Auftrag gibt und ich mich in allem Erschrecken darüber, wie schön und anders Leben sein kann, mich von ihm aufrichten lasse: Fürchte dich nicht.

Amen

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