Leere Netze!

Leere Netze, liebe Gemeinde! Der See Genezareth ist tausende Kilometer von Calw entfernt und was sich damals dort an seinem Ufer abgespielt hat, ist lange her. Und doch ist uns diese Geschichte unglaublich nah: Leere Netze!

In wenigen Tagen erhalten die Schüler in den Schulen ihre Zeugnishefte. Da gibt es viel Jubel und Belohnungen für die, deren Erwartungen sich erfüllt haben. Aber auch bittere Tränen. Mancher hat sich bemüht. Hat sich angestrengt. Wollte am Ende auch die Traumnote mit nach Hause nehmen. Aber es hat nicht gereicht. Und nun ist die Enttäuschung vielleicht groß: leere Netze!

Andere haben in den letzten Wochen Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz oder um einen Arbeitsplatz weggeschickt. Nicht nur eine – dreißig, vierzig vielleicht. Aber dann kamen die Absagen: „Wir müssen ihnen leider mitteilen…“ stand da – und dann brauchte man gar nicht mehr weiterlesen. Leere Netze!

Eine Frau war beim Arzt. Routineuntersuchung. Aber der Arzt hat die Stirn besorgt in Falten gelegt, nachdem er die Laborergebnisse angeschaut hat. Sie haben einen Therapieplan besprochen. „Kopf hoch!“ – hat er gesagt. „Wir kriegen das schon hin.“ Und dann ging der Kampf los. Monatelange Therapien musste sie über sich ergehen lassen. Oft dachte sie, sie hält das nicht durch. Aber immer wieder hat sie sich aufgerafft, hat gekämpft. Und am Ende? „Wir können nichts mehr für sie tun!“, hieß es da im Krankenhaus. Leere Netze!

Ein paar kurze Schlaglichter sind das, liebe Gemeinde, und vermutlich könnte jede oder jeder von uns weitere beitragen. Könnte davon erzählen, wie wir uns oft mühen, wie wir uns anstrengen. Und am Ende haben wir nichts in den Händen als leere Netze. Am See Genezareth ist eine große Menge Menschen zusammengekommen. Sie drängen und schieben sich, jeder will nach vorne, um ja kein Wort zu verpassen. Jesus steht um Ufer und predigt. Predigt so, wie nur er es kann. Und alle wollen ihn hören. Da sieht er zwei Boote am Ufer. Und er sieht auch die Fischer, die ungerührt vom Trubel um sie her ihre Arbeit verrichten. So wie jeden Tag. Mit geübten Handgriffen waschen sie ihre Netze. Kein Wort fällt zwischen ihnen. Wozu auch? Die Stimmung ist gedrückt, denn sie haben nichts gefangen in der letzen Nacht. Vergeblich haben sie sich abgerackert. Sie haben nichts, was sie auf dem Markt zum Kauf anbieten können. Sie haben nichts, was sie nach Hause bringen können für ihre Familien. Leere Netze!
Da steigt Jesus in eines der Boote und bittet Simon, mit seinem Boot ein Stück vom Land wegzufahren, damit er leichter zu den Menschen am Ufer reden kann.

„Das hat mir grade noch gefehlt“ – mag Simon gedacht haben. Aber als Jesus den Simon auffordert, noch einmal hinauszufahren ins Tiefe und dort die Netze auszuwerfen – mitten am Tag – da sagt er laut, was er denkt: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen! – Wir verstehen was von unserer Arbeit. Da macht uns keiner was vor. Wir haben uns bemüht, haben alles getan nach allen Regeln der Kunst. Und haben wieder einmal nur leere Netze.“

Aber da ist die Stimme Jesu: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! – Fahr hinaus, lass einmal deine ganzen Vorbehalte und Einwände beiseite. Lass dich auf mich ein. Probier’s einfach.“

Nun wusste damals jedes Kind: Am See Genezareth fängt man nur nachts, wenn es dunkel ist. Mit Lampen locken die Fischer die schön glitzernden Fische zu Schwärmen zusammen. Sie ziehen ihre Netze hinter dem Licht her. So füllen sich die Netze. Nur so. Seit Jahrtausenden hat sich da wenig geändert. Alle wussten es und wissen: am Tag fängt man vielleicht mit Zufall mal den einen oder anderen Fisch. Die Nacht ist die Zeit der Fischer. Wer es trotzdem am Tag versucht, der gibt sich der Lächerlichkeit preis. Der versteht nichts von seinem Handwerk – der muss ein Dummkopf sein.

„Meister wir haben die ganze Nacht gefischt“, sagt Petrus – „aber auf dein Wort hin will ich das Netz auswerfen!“

Das ist unglaublich, liebe Gemeinde! Gegen alle Erfahrung, wider besseres Wissen, ist da einer bereit, über sich selbst hinaus zu gehen. Nur weil Jesus es sagt. So beginnt der Glaube. „Auf dein Wort, Herr!“

Was mag Jesus gepredigt haben an jenem Morgen am See Genezareth? „Kommt her zu mir, die ihr müde seid und ermattet von übermäßiger Last! Aufatmen sollt ihr und frei sein. – Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten, ihnen gehört das Reich Gottes. Freuen dürfen sich alle, die geduldig sind und hoffen – ihnen wird die Erde gehören. Freuen dürfen sich, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Und freuen dürfen sich die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen!“

Waren das seine Worte? Wir wissen es nicht! Aber ganz offensichtlich haben sie Simon so bewegt, dass er auf seine ganze Erfahrung pfeift. Auch wenn die Netze in der Nacht leer geblieben sind, auch wenn sie keinen einzigen Fisch gefangen haben: von dem, was Jesus sagte, blieb etwas bei Simon hängen.

Und so rudert er los! Er und seine Freunde. Sie werfen das Netz aus. Und machen einen übergroßen Fang. So groß, dass die Netze zu reißen beginnen. So groß, dass die Boote zu sinken drohen. So groß, dass sie nur mit Mühe mit diesem Übermaß fertig werden.

Liebe Gemeinde, hier könnte nun diese Geschichte enden. Vermutlich würden wir erwarten, dass Simon sich bedankt für diesen kolossalen Erfolg – und dann mit seinen Freunden loszieht um auf dem Markt das Geschäft seines Lebens zu machen. So könnte diese Geschichte enden –aber sie tut es nicht!

Nicht die leeren Netze haben Simon Petrus aus der Bahn geworfen, sondern die Vollen. Nicht der Misserfolg der Nacht zwingt ihn auf die Knie, sondern der übergroße Erfolg. „Herr, gehe weg von mir – ich bin ein sündiger Mensch!“ – so kann er nur noch stammeln. Ehrfurcht und Schaudern überwältigen ihn. Ergriffen fällt er vor Jesus auf die Knie! Der da in sein Boot getreten ist – so merkt er – der ist mehr als irgendein Wanderprediger, wie sie damals zu Dutzenden unterwegs waren. Jesus, der so von Gott spricht, wie kein anderer – und der Sünder Simon aus Kapernaum: das passt für ihn nicht zusammen.

Aber – und das ist das eigentliche Wunder in dieser Geschichte – viel größer als der spektakuläre Fang: Gott ist anders, als wir es erwarten. Er lässt einen nicht untergehen, wo unsere Schuld und unser Versagen ans Licht kommen. Er schickt uns nicht weg, wo wir meinen, vor ihm vergehen zu müssen.

„Herr, geh weg von mir“ – sagt Petrus. Aber Jesus bleibt! Er geht nicht fort. Er bleibt bei Petrus und den anderen Fischern und macht ihnen Mut: „Habt keine Angst. Fürchtet euch nicht! Du Petrus, du mit deinem leeren Netz, du mit deinem verzagten Herzen, du bist gerade der Richtige.“

Und sie und ich, liebe Gemeinde, wir sind es ebenso! Auf solche wie uns will Jesus seine Gemeinde bauen. Auf immer wieder Angefochtene, auf Zweifelnde, auf Tastende, auf Suchende. Auf Menschen, die nicht nur die Erfahrung von vollen Netzen, sondern auch die vergebliche Ausfahrt kennen. Grade mit denen, grade mit uns will er etwas anfangen! In der christlichen Gemeinde versammeln sich nicht die, die ohnehin schon alles wissen, oder die meinen, schon am Ziel zu sein. Sondern die, die suchen, fragen, sich Gedanken machen über das Leben, über den Glauben – und über den einzigen Trost, den wir im Leben und im Sterben haben – und auf jedem Abschnitt unseres Weges.

Von Schülerinnen und Schülern, die in den nächsten Wochen ihre Zeugnisse bekommen, habe ich zum Eingang erzählt und von Arbeitsplatzsuchenden, die mit Absagen fertig werden müssen. Von Menschen, die sich abmühen, die kämpfen gegen eine Krankheit, gegen den Misserfolg, gegen ungerechte Verhältnisse, usw. – und deren Netze leer bleiben.

Was würde mit ihnen – was würde mit uns geschehen, wenn Jesus in unser Lebensboot tritt, wenn er uns sein gutes, sein tröstendes Wort sagt: „Fahr‘ noch einmal hinaus, begib dich an die Stelle, wo du vielleicht auch Abgründe vermutest, wo du vielleicht auch Misserfolge erlebt hast. Begib dich dorthin und wirf dein Netz noch einmal aus.“ Könnte es dann geschehen, dass wir wie Petrus einen großen Fang machen – den Fang unseres Lebens? Dass sich alle unsere Probleme lösen, das ist uns nicht verheißen. Auch Petrus hat noch manche Schwierigkeiten, Umwege, Rückschläge und Versagen erlebt. Aber er hat zu dem gefunden, der seinem Leben eine ganz neue Richtung, einen ganz neuen Sinn gegeben hat. Er hat zu dem gefunden, auf dessen Wort man sich unbedingt verlassen kann und der nicht enttäuscht. Er hat das Leben selbst gefunden. Petrus ist Menschenfischer geworden. Einer der sich auf den Weg gemacht hat, um mit demselben Wort, das ihn zum Leben gerufen hat, auch andere zu rufen.

Dies Wort will auch uns bewegen. Nicht jeder muss Prediger werden – nicht jede Missionarin. Aber dass in unserem Alltag, in unserem Reden und Tun etwas sichtbar wird von der verändernden Kraft von Gottes Wort, darum geht es. Lassen wir uns also wie die Jünger von Jesu Wort bewegen. Lassen wir uns in die Mitte des Sees, in die Mitte des Lebens schicken. Dorthin, wo er uns gebrauchen will.

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