Kirche für die Menschen – das Gleichnis von den Menschenfischern

Liebe Gemeinde,

es scheint eine Wundergeschichte zu sein, die wir da gerade gehört haben.

Da sind erfahrene Fischer, gestandene Männer in ihrem Beruf, die haben sich die ganze Nacht lang abgemüht in ihren kleinen Booten auf dem große See Genezareth, – gänzlich ohne Erfolg. Den Männern bleibt nichts als Boote und Netze klar zu machen für den nächsten Versuch in der kommenden Nacht.

Und dann kommt da jemand, der vom Fischfang überhaupt keine Ahnung hat und fordert die Berufsfischer auf, sofort noch einmal hinauszufahren. Am helllichten Tag! Wo doch jeder weiß, dass man nachts zum Fischfang hinausfährt, weil dann der Schatten der Boote die Fische nicht verscheucht.

Und mehr noch: Die Fischer sollen hinausfahren, hinaus auf den See, dorthin, wo er tief ist, wo doch jeder Fischer am See Genezareth weiß, dass man in Ufernähe fischt, wo die Schwärme sich normalerweise aufhalten.

Da ist es schon verständlich, dass Simon fragt, welchen Sinn es wohl haben sollte, sich zu mühen, wo doch kein Erfolg zu erwarten ist.

Und dann: Entgegen aller Erwartung der Berufsfischer dieser im wahrsten Wortsinne überbordende Fang. Mit den Händen sind die übervollen Netze kaum zu bergen, ohne Hilfe geht es nicht. Das ist ein Fang, der das Gewohnte mehr als nur übertrifft, so viel fängt man oft in einer ganzen Woche nicht.

Manch skeptischer Mensch wird an dieser Stelle die Stirn runzeln und den Kopf schütteln und denken: Immer diese Wundergeschichten! Hier wird uns doch wieder ein Märchen aufgetischt. Für wie naiv hält uns dieser Lukas eigentlich?

Aber muss man wirklich gegen ein solches Naturwunder Bedenken haben? Ist es nicht, ganz rational gedacht, im Gegenteil sogar statistisch möglich, dass Ähnliches geschehen ist, irgendwann am See Genezareth?

Jeder Angler kennt diese Situation. Stundenlang sitzt man am Wasser und nichts geschieht. Nicht einmal der kleinste Biss. Und dann, ganz plötzlich und unerwartet, beißt er doch noch an, der große Fisch, den man alleine nur mit Mühe anlanden kann. Ein Wunder? Beileibe nicht. Statistisch möglich, Ergebnis von Ausdauer und Geduld, vielleicht auch von Veränderungen von Luftdruck, Temperatur, Strömung, Licht…

Spätestens jetzt wird deutlich, dass Lukas der jungen christlichen Gemeinde in Griechenland, für die er schreibt, keine Wundergeschichte erzählt. Er will den Menschen nicht erklären, dass sie, wenn sie an Jesus Christus glauben, an einen Gott glauben, der über den Naturgesetzen der von ihm geschaffenen Welt steht. Lukas erzählt die Geschichte vom Fischzug des Petrus als Gleichnis. Simon Petrus und Jakobus und Johannes stehen beispielhaft für die Kirche, für die Gemeinde Jesu Christi und deren Standort und Auftrag in der Welt.

So will unser Predigttext dann auch „von seinem Ende her verstanden werden“. Es geht um das Menschenfischen. Auch hier mag man die Nase rümpfen, ist doch dieses Bild nicht ganz eindeutig, der Vergleich hinkt ein wenig. „Gehen Fische ins Netzt, ist es ihr Verderben, gehen Menschen ins Netz, ist es ihre Rettung – wie wenn Schiffbrüchige aus dem Wasser aufgefischt werden“ (Gottfried Voigt: Der schmale Weg – Homiletische Auslegung der Predigttexte, Waltrop, Spenner, 2002,S. 330).

Aber die ersten Jünger waren nun einmal Fischer und ihre neue Tätigkeit im Dienste Jesu ist der alten am See Genezareth durchaus vergleichbar (vgl. ebd.).

So hat Martin Luther einmal gesagt: „Denn gleich wie das Netz unter das Wasser geworfen wird, so geht die Predigt unter die Leute“ (nach Voigt, a.a.O., S. 333).

So ist das, was Jesus in der Erzählung des Lukas macht und sagt, eine Gleichnishandlung, bei der es um den Auftrag der Kirche gestern und heute geht, um den Dienst an und in der Gemeinde. Dabei stehen Simon Petrus und seine Gefährten gleichnishaft für alle Menschen, die zu dieser Kirche gehören.

Am Anfang der Erzählung versieht Jesus selbst noch einen dieser Dienste an und in der Gemeinde, er versieht den zentralen Dienst: er predigt. Bedrängt von der Menge, die ihn bis ans Seeufer verfolgt hat, besteigt er ein Boot, um vom Wasser aus sitzend die Menge zu lehren. Vom Wasser aus schallt seine Stimme lauter, was er zu sagen hat, wird bis in die letzte Reihe vernehmbar und außerdem ist er auch so viel besser von allen zu sehen.

Lukas erzählt nicht, was Jesus den Menschen zu sagen hatte, darum geht es ihm hier nicht. Es geht um das, was folgt: Auf einmal bittet Jesus den Simon nicht mehr, er befiehlt. „Fahre hinaus…“, befiehlt er ohne jede Begründung, „werft eure Netze aus!“

Keine Begründung, nichts. Nur ein kraftvoller Befehl, hinter dem Jesus mit seiner ganzen Autorität steht. Es ist diese Autorität, auf die sich die Kirche Jesu Christi gründet und die sie ausmacht. Es ist – und das konnten Simon und die anderen Fischer und die übrigen Mensche am See Genezareth damals noch nicht wissen, die junge Gemeinde in Griechenland, für die Lukas diese Erzählung schreibt, aber sehr wohl – die Autorität des Auferstandenen. In Christi Hand liegt alles, was die Kirche ist, hat und tut. Es ist nicht so, dass sie durch ihr Mühen allein überwältigenden Ertrag erzielt, aber wenn sie der Autorität des Auferstandenen folgt, kann es sein, dass sie unter ungünstigen Bedingungen ihre Netze auswirft und, entgegen allen Erwartungen, reichen Ertrag erzielt.

Zurück zu Simon. Man könnte erwarten, dass er überrascht und glücklich und vielleicht mit Worten überschwänglichen Dankes auf den großen Fang reagiert. Uns begegnet aber ein erschrockener, ja erschütterter Mensch. Dieser Mensch hat zuvor die Predigt mit angehört, die Jesus von seinem Boot aus gehalten hat. Dann ist er dem Befehl gefolgt und hinausgefahren auf den See. Dort hat er das Naturwunder miterlebt, das ihn nicht nur körperlich, nein auch seelisch ins Schwitzen gebracht hat. Er steht unter dem Eindruck: „Der und ich, wir passen nicht zusammen, denn er ist das Gegenteil von mir, dem Sünder“ (Voigt, a.a.O., S. 332). Er „…sieht sich in der Begegnung mit Jesus unmittelbar vor Gott gestellt“ (ebd.).

Und Jesus verneint auch überhaupt nicht, dass Simon ein Sünder ist. Er toleriert und akzeptiert diesen Simon Petrus so, wie dieser ist. Er geht sogar noch weiter und nimmt ihm die Furcht, bevor er ihm und den anderen den großen Auftrag gibt. Mit der Autorität des Auferstandenen macht Jesus den Simon zu seinem autorisierten Beauftragten.

Auch Menschen, die Sünder sind, sind in die Kirche berufen. Nicht nur, weil sie des Heils bedürfen und der Vergebung, nein, auch weil sie selbst Heil bringen und Vergebung verkündigen sollen. Für Jesus ist kein Mensch zu gering, als dass er nicht in der Kirche wirken soll und seine Berufung finden. Niemand muss meinen, man könne nur dann Beauftragter Christi in der Kirche sein, wenn man selbst ohne Makel ist. Welcher Mensch ist frei von Sünde?

„Die Kirche ist nicht das Unternehmen sündig-frommer Menschen, sondern Jesu Christi Unternehmen“ (Voigt, S. 333). Und so hängen Wohl und Wehe und Auftrag der Kirche nicht davon ab, dass Menschen, die in ihr wirken, tugendhaft und standhaft, seelisch gefestigt und gleichsam selbst Heilige sind. Diese Erkenntnis entlastet und ist Ermutigung zugleich.

Und so brechen dann auch die ersten drei Jünger auf in die Nachfolge. Sie nehmen ihren Auftrag an. Und dieser Auftrag beinhaltet mehr, als in Jesus nur ein nachahmenswertes Vorbild zu sehen. Wenn wir heute davon reden, man müsse Jesus Christus nachfolgen, dann laufen wir schnell Gefahr, Nachfolge zu reduzieren auf diesen Aspekt des Nacheiferns: anderen Menschen begegnen, wie Jesus es getan hat, Nächstenliebe, wie Jesus sie getan hat, auf Gott vertrauen, wie Jesus es getan hat, und in allem schwingt eine gewisse Beliebigkeit mit, meint man doch, selbst definieren zu können, wann und auf welche Weise dieses Nachfolgen sich ereignet.

Wahre Nachfolge, von der in Vers 11 unserer Gleichniserzählung die Rede ist, umfasst aber mehr. Sie basiert auf Gehorsam. „Die drei (Simon, Jakobus und Johannes, Anm. d. Verf.) haben Jesus nicht frei zum Vorbild erwählt, sondern er hat sie … berufen … Jesus ist in Simons Boot gestiegen, als sei es ganz selbstverständlich, dass er darüber verfügt. Jesus, der Rabbi, hat in den Fischereibetrieb eingegriffen und Simon und seinen Leuten eine Anweisung gegeben, als hätte er dazu ein Recht, und Simons Widerspruch – fachlich durchaus begründet – wird zurückgenommen in den Gehorsam hinein: ‚Aber auf dein Wort will ich das Netzt auswerfen.’ Und dann hat Petrus den Auftrag … erhalten, ohne dass er gefragt worden wäre, ob er zu dergleichen auch bereit ist.“ (Voigt, S. 333).

Diskussionsloser Gehorsam, weil die Nachfolgenden, Simon Petrus, Jakobus und Johannes, die jungen Gemeinden damals, als Lukas schrieb, und ebenso die christliche Kirche heute nicht auf eigene Faust, in eigenem Namen und eigener Verantwortung handeln, sondern weil er, Jesus Christus, durch sie handelt. Zu keiner Zeit geschieht Nachfolge losgelöst von Jesus Christus. Zu jeder Zeit tut Jesus Christus sein Werk durch die Nachfolgenden, sie tun dieses Werk in ihm.

Gleich, ob sie die Orgel schlagen im Gottesdienst,gleich, ob sie das Küsteramt ausüben, gleich, ob sie sich um die Liegenschaften der Gemeinde kümmern oder die Menschen, gleich ob sie predigen, pflegen, besuchen, Kinder oder Alte betreuen, spenden, den ökumenischen Kontakt pflegen, diakonisch handeln, ihre Stimme erheben als Christenmenschen in der Welt…
Nicht aus eigenem Antrieb, sondern durch Gottes Heiligen Geist geleitet, Menschen fischend in Jesu Auftrag, weil er, Jesus, in den und durch die Menschen wirkt.

Deshalb diskussionsloser Gehorsam, aber nicht als unterdrückend empfunden oder gar als gedankenloser blinder Gehorsam, sondern als befreiend erlebt, „unter einem inneren fröhlichen ‚Ich-kann-nicht-anders’“ (ebd.).

Sie brachten ihre Boote ans Land – das Alte zurücklassend, auf Jesu Geheiß diskussionslos einen neuen radikalen Anfang wagend, folgten sie ihm nach.

Machen wir es wie sie.

Amen

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