Eine Männergeschichte

Liebe Gemeinde,

in einem halben Jahr ist Weihnachten, die Kirche wieder richtig voll und vielleicht kennen Sie das: da kommt einem der Gedanke: das ganze Jahr kommen sie nicht, aber zu Weihnachten … Was wollen die da, die kommen nur wegen der Stimmung. Oder kürzlich hörte ich in einer Gemeinde: die lassen ihr Kind auch nur taufen, weils in der Kirche so feierlich ist. Na und die Konfirmanden, wenn sie ihre großen Geschenke haben, sind sie auch weg.

Als ich vor ein paar Jahren angefangen habe, auch Menschen zu beerdigen, die nicht bei der Kirche waren und auch die Angehörigen nicht dabei waren, da hat mir ein Kollege ganz böse geschrieben: die treuen Gemeindeglieder zahlen die Kirchensteuer und du beerdigst die Fremden.

Wir kennen auch das andere. Keiner kommt mehr so richtig. Wie viele wir doch früher waren. Ich habe in der letzten Zeit einige Jubelkonfirmationen gefeiert, da konnte man es an den Jahrgängen sehen, wie die Zahlen zurück gegangen waren.

Und wir spüren: manchmal ist da so eine Bitterkeit – wir kommen das ganze Jahr, kümmern uns um die Kirche und beim Gemeindefest, wo es die Bockwurst umsonst gibt, sind sie alle da.

Das alles erinnert mich sehr an die Geschichte, die wir eben gehört haben. Sie steht im Evangelium, soll also eine gute Geschichte sein, eine, die uns froh macht. Ich kannte sie natürlich, verlorener Sohn, und ich bin sie einfach noch mal durchgegangen. Und ich habe erst mal gemerkt, wie die Ausleger vergangener Zeiten uns auch ein Stück in eine bestimmte Richtung gedrängt haben. Es ist nämlich nicht nur ein Sohn, es ist eine Geschichte von drei Personen. Eine Familiengeschichte sozusagen, oder besser: eine Männergeschichte. Die Mutter kommt leider nicht vor. Da ist ein Sohn, der jüngere, dem wirds zu Hause zu eng. Auf dem Bauernhof, in den Traditionen, wieder nur Landwirtschaft machen, ich will raus. Und ich will mein eigenes Leben finden. Das ist gar nicht so verloren, das ist ja eigentlich normal. Jeder junge Mensch muss mal raus und mal fort. Ablösung nennt man das. Um unabhängig zu sein, lässt er sich alles auszahlen, was ihm zusteht und geht. Er probiert einfach sein Leben. Was ist darin schlecht?

Und dann geht einiges schief. Vielleicht hat er einfach alles vergessen, was er so an inneren Werten mitbekommen hat. Vielleicht wollte er auch alles abstreifen. Er lotet die Grenzen aus, wie es junge Leute immer wieder machen. Der Bruder hat das alles nicht gemacht. Was ist daran besser?

Irgendwann sind die Grenzen erreicht. Er kann nicht mehr. Und er entsinnt sich an Zeiten, wo er Geborgenheit und Liebe empfangen hat. Er ist sogar bereit jetzt, eine andere Stellung im Hause anzunehmen, nicht mehr als Sohn, sondern als Knecht. Hauptsache ich krieg was ab von dieser Geborgenheit. Hauptsache ist spüre ein Stück zu Hause. Und er geht zurück und will sich bei seinem Vater entschuldigen. Er hat schon auf der Zunge, was er sagen will.

So erzählt Jesus diese Geschichte. Er erzählt sie als normale Jugendgeschichte, so wie man es schon verstehen kann. Aber er erzählt sie auch um deutlich zu machen, was sich zwischen Gott und uns Menschen abspielt. Oder, wie Gott ist und wie wir Menschen sind.

Der Vater sieht seinen Sohn kommen. Und er verschränkt nicht die Arme – na da wollen wir mal sehen. Er geht dem Sohn entgegen und bevor der etwas sagen kann, bevor der sich entschuldigen und auf die Knie fallen kann, nimmt er ihn in den Arm. Gott kommt sozusagen aus seinem hohen Himmel und macht die Tür weit auf. Erst jetzt kann der Sohn sein Schuldbekenntnis loswerden. Vater, ich habe gesündigt. Und nun macht der Vater keine große Zeremonie daraus, er sagt auch nicht, mach das nie wieder, sondern er tut etwas.

Er ordnet an, ein Fest zu feiern. Egal was war, jetzt bist du da. Der andere Sohn, der immer schön brav zu Hause war, den Vater unterstützt hat und vielleicht die Arbeit des Bruders mitgemacht hat, der ist sauer. Auf seine Weise sicher zu recht. Oder etwa nicht?

Wir wissen nicht, wie es in der Familie weitergeht. Ob der Sohn bleibt, oder doch sein eigenes Leben – nun gereift – lebt. Was wir wissen ist, dass da ein Vater Gott ist, der den Menschen entgegen kommt und sie bedingungslos annimmt. Egal, aus welchem Umfeld sie kommen und egal, warum sie kommen. Der Vater wusste ja gar nicht, ob der Sohn vielleicht nur kommt, um noch mal Geld nachzufassen. Vielleicht hatte er gehört, wie es dem Sohn geht, er hatte sich nicht eingemischt und ihn seine Erfahrungen machen lassen. Auch so ist Gott. Gott lässt Freiheit, damit Menschen spüren, wie es ohne ihn ist. Gott lässt uns Freiheit. Fehler zu machen. Und er kommt uns entgegen, bevor wir noch ein Wort gesagt haben. Das ein Mensch kommt, das zählt.

Das möchte ich gern auf die Kirche übertragen. Dass wir von Gott lernen, die Türen auf zumachen auch für die, die das ganze Jahr nicht kommen. Auch für die, die in der Notlage sich besinnen und Hilfe suchen.

In einem Familiengottesdienst hatte ein Vater sein Kind in die Kirche gebracht. Die Familie gehört nicht zur Kirche, das Kind machte begeistert beim Anspiel mit. Und der Vater blieb im Gottesdienst. Scheu saß er, fast unbemerkt, hinter einer Säule. Niemand hatte die Tür für ihn aufgemacht, niemand war ihm entgegen gekommen.

Seine Reaktion: ich gehöre eben nicht dazu.

Ich wünsche mir eine Kirche, die es macht wie Gott. Die den Leuten sagt: ich hab dich noch nie hier gesehen, aber schön, dass du da bist. Heute bist du da. Und wenn es gelingt, sogar ohne bitteres Gefühl und ohne Triumpf, dann ist es gut. Jesus sagt: Gott macht es so.

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