Die verlorenen Geschwister

Die längste Beziehung unseres Lebens ist nicht die Beziehung zu unseren Eltern, die Beziehung zum Partner oder zur Partnerin. Die können 50, 60 und mehr Jahre dauern. Doch noch länger währt die Beziehung von Geschwistern. Sie dauert, wenn wir nicht als Einzelkinder aufgewachsen sind, von der Kindheit an bis ins Alter.
Der große Bruder, die große Schwester ist schon da, wenn wir geboren werden. Und normalerweise sind es die Geschwister, die die Eltern zu Grabe tragen, und dann noch eine ganze Spanne an Jahren vor sich haben. Geschwister kennen sich von klein auf, durchleben Kindheit und Jugend gemeinsam, entscheidende und prägende Lebensphasen gemeinsam. Sie haben 15, 20 oder mehr Jahre zusammen, lange bevor die große Liebe am Horizont auftaucht.
So viel ähnliche Prägungen Geschwister erleben, so unterschiedlich kann ihr Verhältnis sein. Viele sind eng und herzlich miteinander verbunden. Bei anderen ist das Verhältnis distanzierter oder von Rivalität geprägt, manchmal von tödlicher Rivalität wie bei Kain und Abel.
Unsere Geschichte heute ist eine der bekanntesten der Bibel. Auch sie erzählt von zwei Brüdern und dem Verhältnis zu ihrem Vater. Der jüngere will weg. Er geht zum Vater und verlangt Geld, das ihm zusteht. Er zieht zuhause aus. In der Gesellschaft damals war das nicht üblich. Kein Kind ging einfach so weg. Es muß hier schon einen wichtigen Grund gegeben haben. Was ist in dem Jüngeren vorgegangen? Hat er für sich daheim keine Perspektive gesehen? Ist es ihm zu eng gewesen?
Im Zeit- Magazin haben sich kürzlich zwei Brüder Briefe über ihre Kindheit geschrieben. Sie haben sie völlig anders erlebt. Der Grund war ihre Rolle. Der jüngere blieb immer der kleine Bruder. Er erinnert sich: „Überall, wo ich hinkam, warst Du schon gewesen. Man stelle sich vor: Man ist sechzehn und geht in eine Disco, möchte rauchen, vielleicht sogar etwas Verbotenes, Verwegenes tun, Mädchen kennenlernen, kurz: ein Großer sein. Und dann kommt eine schöne Frau durch den künstlichen Nebel auf einen zu und sagt: ‚Du bist doch bestimmt der kleine Bruder vom Tillmann. Ihr seht euch ja sooo ähnlich!’“ (Zeit Magazin 19 / 30.4.2009, S. 11)
Ist es dem jüngeren Bruder in der Geschichte in der Bibel auch so gegangen: dass er immer der kleinere war, und wo er hinkam, war sein Bruder schon da? Konnte das der Grund sein, dass er von zuhause weg wollte. Mußte er so weit weg, wo sein Bruder wirklich noch nicht war und wo er endlich einmal er selbst sein konnte und nicht immer nur „der Bruder von…“?

Wir wissen, wie es in der Bibel weitergeht. Er geriet in Armut, musste schließlich Schweine hüten und hungern, das Allerletzte. Und kehrte zurück zu seinem Vater, in sein Elternhaus. Aber er kehrte damit auch zu seinem Bruder zurück. Die Geschichte zwischen ihnen ist noch nicht ausgestanden. Die Beziehung geht weiter. Denn auch sein Bruder hat seine Geschichte. Es ist die Geschichte des Älteren in einer Geschwisterbeziehung. Die kann sich völlig anders darstellen. Ältere Geschwister berichten oft, dass die Eltern bei ihnen viel strenger und vorsichtiger waren als später bei den Kleinen und dass sie um Freiheiten viel mehr kämpfen mußten . Dabei wird den Großen viel aberlangt: Auf die Kleinen aufpassen, hintenan stehen, Vorbild sein. Sie müssen sich damit arrangieren, wenn ein Geschwisterchen geboren wird und sich auf einmal alles um das Baby dreht. Der ältere Bruder im Zeitmagazin schreibt: „Plötzlich wackelte da einrotznasiges Wesen in … Latzhose durch mein Leben. Es war fünf Jahre nach mir gekommen, aber anstatt sich erst einmal an den Rand zu stellen, war es überall der Mittelpunkt. Es konnte kaum einen Löffel halten, trotzdem war es ihm gelungen, mir eine ganze Welt zu entreißen. Ich lernte: Wenn man nicht klein ist, ist es ein harter Job, Aufmerksamkeit zu bekommen. Man muss sich etwa von einer Wespe stechen lassen. Fortan ließ ich kein Stechinsekt aus.“ (S. 12)

Was wird der ältere Bruder in der Bibel versucht haben, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Später jedenfalls, da war er der fleißige und folgsame, der Vorzeigesohn. Vielleicht war er sogar ganz froh, dass der Kleine sich aus dem Staub gemacht hat, denn dann war er wieder der einzige. Und er musste trotzdem merken: auch in der Ferne war der kleine Bruder immer da. Er nagte am Herzen seines Vaters, während er, der Ältere, zuhause rackerte. Versuchte er, sich die Zuwendung buchstäblich zu erarbeiten?
Als sein Bruder heimkommt und sich wieder einmal alles um ihn dreht, wird er zornig und beklagt sich bitter bei seinem Vater: „So viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut… verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.“

Tiefe Bitterkeit klingt aus den Worten: Dein Sohn, Dein Hab und Gut – nicht mein Bruder. Dass der Jüngere sich mit Prostituierten vergnügt hätte, wird so nicht berichtet. Der aufgebrachte Bruder wirft es ihm vor. Ob es tatsächlich so war? Welche Vorwürfe werden nicht im Zorn gemacht, welche Anschuldigungen, Unterstellungen und Beleidigungen, für die wir uns hinterher bitter schämen und die dennoch nicht rückgängig zu machen sind.
Wir sind gewohnt, diese Geschichte aus der Bibel zu verstehen als eine Geschichte über die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn, dem verlorenen Sohn. Wie Vater und Sohn sich näherkommen, darin spiegelt sich Gott wider.
Aber ich glaube es geht auch um die Kinder, um die Geschwister, die so unterschiedlich sind und die immer noch gegeneinander konkurrieren. Der Vater geht auf beide zu. Er kommt beiden buchstäblich entgegen. Den einen umarmt und drückt er. Er schenkt ihm Zuwendung und Zärtlichkeit. Den anderen, der sich darüber empört, bittet er hereinzukommen. Er befiehlt nicht, wie es damals üblich gewesen wäre. Er bitte. Er schenkt ihm Achtung und Hochachtung. Er nimmt ihn ernst. Ob es das ist, was die beiden brauchen? Ob es sie versöhnen kann mit sich und miteinander? Wir wissen nicht, wie die Geschichte ausgeht. Es ist, als ob sie bei uns weitergehen sollte, die wir sie hören.

Geschwisterzwist, Rivalität und Erbschaftsstreitigkeiten kommen in den besten Familien vor. Es ist nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk, wenn wir uns mit den Menschen verstehen, die Teil unseres Lebens sind. Die wenigsten von ihnen können wir uns aussuchen. PartnerIn oder Freunde können wir frei wählen. Aber wer unsere Geschwister sind, was wir für Eltern haben, welche Kinder wir bekommen, darüber können wir genauso wenig bestimmen wie über ArbeitskollegInnen, NachbarInnen oder wer mit uns im Heim wohnt. Daß wir zueinander finden, ist manchmal ein langer Weg. In der Familie in der Bibel führte er sogar ins Ausland, an das Ende der Welt und zu den Grenzen des eigenen Lebens. Wunden können heilen, wenn wir über Verletzungen sprechen, so wie es – offensichtlich nach langer Zeit – dem Vater und seinen Söhnen gelungen ist. Oft entdecken wir auf solch einem Weg auch neue Seiten an uns. Wir finden neu zu uns, neu zueinander, neu zu Gott. Wir werden frei, wenn wir nicht mehr konkurrieren müssen. Gott wartet auf uns und kommt uns entgegen. Gott umfängt uns zärtlich, damit lebendig werden kann, was bei uns abgestorben und verdorrt ist. Gott holt die beiden Geschwister in der Bibel heim ins Leben und will auch uns zum Leben verhelfen. Und das gilt es zu feiern wie in der Geschichte und wie wir es heute tun.

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