Peinliche Ausreden und eine göttliche Einladung

Einer lädt ein, liebe Gemeinde. So erzählt es Jesus in einer seiner Beispielgeschichten. Er lädt ein zu einem Abendessen, zu einem Mahl am Abend, zu einem Abendmahl.
Und niemand kommt. Zunächst.

Aber das war noch kein Grund zur Beunruhigung. Denn es war früher durchaus üblich, der ersten, zeitig erfolgten Einladung, eine zweite hinterherzuschicken, dann, wenn das Fest begann.

Also besucht der Diener des Gastgebers die Häuser der Eingeladenen. Und muss sich dann Entschuldigungen anhören, die schon sehr speziell sind.

Einer hat einen Acker gekauft – und will ihn sich jetzt angucken. Also, wo kommen wir denn da hin?! Erstens hätte das doch wirklich Zeit bis zum nächsten Tag, oder nicht?! Vor allem wäre es dann hell – und zum Zeitpunkt des Abendmahls wird es ja wohl allmählich dunkel werden. Erstens hätte es wohl noch Zeit, habe ich gesagt. Und zweitens – was ist das für ein Mensch, der sich einen Acker kauft, ohne ihn vorher genau zu begutachten? Das ist schon merkwürdig.

Keinen Deut besser ist Kandidat Nummer zwei: Der hat fünf Gespanne Ochsen gekauft und will sie sich jetzt – statt der Einladung zum Abendmahl zu folgen – angucken. Es wird doch dunkel, vergleiche dazu den Mann mit dem Acker. Und wir merken: Anscheinend werden nicht nur Äcker, sondern auch Ochsengespanne gekauft, ohne sie sich vorher anzusehen.

Wie sieht die dritte Entschuldigung aus?

Da hat einer eine Frau genommen. Und wir können es dem Bräutigam schon hoch anrechnen, dass er nicht auch so antwortet wie die ersten beiden. Er nämlich kennt seine Frau bereits. Aber er ist frisch verheiratet – er möchte diesen Abend nicht weg, er will Zuhause bleiben. Für diese Entschuldigung – so merke ich bei mir – habe ich noch das meiste Verständnis. Obwohl – morgen Abend ist ja auch noch ein Tag.

Der Knecht richtet seinem Herrn die Entschuldigungen aus. Und der kann sie sofort einsortieren. Aus ihnen spricht eine große Geringschätzung für ihn und sein Fest.

Was tut er also? Er erteilt seinem Knecht einen neuen Auftrag.

Aber jetzt geht es nicht mehr darum, einen geschätzten Gast zuhause aufzusuchen. Jetzt soll der Knecht Leute von der Straße holen, wahllos, wie es scheint. Arme, Verkrüppelte, Blinde und Lahme – stellvertretend für diejenigen, die sonst keiner einlädt, die man nicht dabei haben wollte. Und nachdem das geschehen ist, gibt es immer noch Platz, immer noch Raum in der Herberge.

Und der Knecht wird noch einmal losgeschickt. Jetzt soll er nicht mehr in den Straßen und Gassen der Stadt schauen. Nein, jetzt soll er noch weiter weg; er soll sich außerhalb der Stadttore begeben und die Menschen von den Landstraßen und Zäunen holen. Wenn wir uns eine Steigerung der Gruppe, mit der keiner etwas zu tun haben will, vorstellen können – hier ist sie: nicht nur arm und krank, sondern auch noch obdachlos und – außerhalb der Stadtmauern – schutzlos!

So also sind die gedeckten Tische und Plätze doch noch besetzt worden. Und der Hausherr will feiern. Bevor es dann also losgeht mit seinem Abendmahl, da hält er noch einmal unmissverständlich fest, dass es ein „zu spät“ gibt. Er sagt nämlich dieses hier: „Ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.“

So, liebe Gemeinde, jetzt haben wir uns diese Beispielerzählung noch einmal vor Augen geführt. Und die spannende Frage ist ja jetzt: Was meint Jesus damit? Was wollen uns diese Worte sagen?

Zunächst einmal: es ist gut, diese Geschichte in ihrem Zusammenhang zu sehen. Sie steht nämlich nicht für sich allein, sondern ist die dritte in einer Reihe von Begebenheiten, in denen es darum geht, wie sich ein Gast und Gastgeber zu benehmen hat.

Sie sind nicht lang, sie sprechen für sich, ich lese sie vor.

Jesus sagte aber ein Gleichnis zu den Gästen, als er merkte, wie sie suchten, obenan zu sitzen, und sprach zu ihnen: Wenn du von jemandem zur Hochzeit geladen bist, so setze dich nicht obenan; denn es könnte einer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann kommt der, der dich und ihn eingeladen hat, und sagt zu dir: Weiche diesem!, und du mußt dann beschämt untenan sitzen.
Sondern, wenn du eingeladen bist, so geh hin und setz dich untenan, damit, wenn der kommt, der dich eingeladen hat, er zu dir sagt: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor allen, die mit dir zu Tisch sitzen. Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.

Hier die zweite Erzählung:

Er sprach aber auch zu dem, der ihn eingeladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn ein, damit sie dich nicht etwa wieder einladen und dir vergolten wird. Sondern wenn du ein Mahl machst, so lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein, dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Jesus diese drei Geschichten von den Gästen und ihrem Gastgeber tatsächlich auch bei einem Essen, zu dem er eingeladen war, erzählt hat.

Die erste Geschichte, Jesu Ratschlag für die Mitgäste, kann ich eins zu eins auf heute übertragen: Besser als weggeschickt zu werden, ist es, vom Gastgeber aufgefordert zu werden, weiter oben an der Tafel Platz zu nehmen.

Ich merke mir: Ehre kann man sich nicht selber nehmen – man kann sie nur empfangen.

Geschichte Nummer zwei wendet sich jetzt nicht mehr an die anderen Gäste, sondern an den Gastgeber. Und damit dann gegen den Klüngel der gut Betuchten, die mit ihren Einladungen nur unter sich bleiben. So nach dem Motto: Ich lade nur Gäste ein, die mich eingeladen haben, weil ich sie eingeladen habe, laden sie mich ein … usw. Auf diese Weise kommen natürlich viele Menschen gar nicht zu einer Einladung. Ja. Aber ich möchte mich doch auch auf einer Feier, die ich verantworte, mit den Menschen umgeben, die mir wichtig sind, oder? Und das sind dann eben Verwandte, Freunde und Nachbarn. Vielleicht haben Sie einen ähnlichen Gedankengang. Aber das ist ein Missverständnis.

Wenn Jesus über Einladungen spricht, dann hat er weniger das gesellige Beisammensein mit Menschen, die ich mag, im Hinterkopf. Wenn Jesus über Einladungen spricht, dann steht das Teilen, das Abgeben im Vordergrund. Und natürlich ist es wichtiger, denjenigen etwas abzugeben, die bedürftig sind als denjenigen, denen es sehr gut geht. Es wird geteilt – und es wird nicht darauf geschaut: Was habe ich denn davon? Weil die, denen ich abgebe, es mir nicht vergelten können. Jetzt nicht – wobei für später durchaus eine Vergeltung in Aussicht gestellt wird.

Ich merke mir: Teilen und Abgeben soll nicht aus Berechnung und Aufrechnung geschehen, sondern aus Güte, um Gottes Willen.

Und jetzt also unsere dritte, bereits ausführlich dargestellte, Geschichte. Das Abendmahl, das große Festmahl, das ist zurzeit Jesu ein weit verbreitetes Bild für das Reich Gottes. Und auf eine Einladung in das Reich Gottes machen sich z.B. die Pharisäer große Hoffnungen. Wenn nicht sie, wer dann?! Sie sind also diejenigen, die in Jesu Erzählung eine Einladung bekommen. Und sie sind damit auch zugleich die Personen, die sich mit fadenscheinigsten und peinlichsten Ausreden um eine Teilnahme am Reich Gottes bringen. Wir erinnern uns: Acker, Ochsengespanne, Frau.

Jesus Erzählung entlarvt sie als diejenigen, denen die innerliche Bindung fehlt. Nach außen hin stellen sie sich so hin, als stünden sie schon mit einem Bein im Reich Gottes – aber innerlich ist es ihnen nicht wichtig genug. Wir haben einen Ausdruck dafür: „scheinheilig“. Und noch ein weiterer Gedanke steckt hier drin: Gott selber – denn niemand anderer ist ja der Gastgeber – lädt ein, wen er für richtig hält. Es mögen nach unseren Maßstäben die Falschen sein, die, denen es nicht zusteht. Aber in Gottes Augen sind sie genau richtig. Das hat etwas Tröstliches. Und eine Einladung zum großen Festmahl, zum Reich Gottes – ich bitte Sie – das ist doch wirklich nicht zu toppen!

Ich merke mir: Gott lädt ein, wen er will. Und es ist gut, der Einladung zu folgen.

Gott sei Dank – er lädt uns ein!

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