Flashmob?

Westerland – Nachdem sich seine Freundin von ihm getrennt hatte, hatte ein 26-jähriger aus Busdorf bei Schleswig eigentlich nur eine Party mit 100 Bekannten feiern wollen. Dazu hatte er einen Aufruf auf einer Internetseite gestartet. Die Party folgte dem Prinzip des Flashmob, es gibt also keinen Veranstalter und jeder kann teilnehmen. 5000 Partyfans waren dem Aufruf gefolgt.(KN)

Dies, liebe Gemeinde, las ich in den Kieler Nachrichten vom Montag, 16. Juni. Ich bin zur Party nicht hingefahren. Ich hatte die Internetseite nicht gelesen. Ich hatte Samstag gerade kein Auto. Ich hatte den Seelsorgenotfallkoffer. 5000 Leute aber waren da.

Zur Party, sagen wir es altmodisch, zum Fest, von dem Jesus erzählt, sind auch Gäste eingeladen. Klar, das Internet gab es noch nicht, aber es gab Boten und die haben die Einladung persönlich ausgerichtet. Es gab auch einen echten Gastgeber, der alles vorbereitet hat – man musste sich also nicht darum sorgen, ob gegen 22 Uhr die Getränke ausgehen würden. Alles war gut vorbereitet, so hören wir. Trotzdem: So, wie ich am Samstag, sind viele nicht hingegangen. Mit guten Gründen, wie wir erfahren. Der eine hat gerade ein Stück Land gekauft. Der zweite fünf Ochsengespanne und der dritte war gerade im Honeymoon. Bessere Gründe kennen wir wohl kaum, eine Einladung auszuschlagen.

Gründen der Ökonomie und Gründe der Liebe, sie sind wohl die stärksten, die es gibt. Aus den Lebensumständen der Eingeladenen sehen wir, dass es sich hier um etablierte Leute handelt, um solche, die mit dem Leben klar kommen, ihr Auskommen haben, in geordneten Verhältnissen leben. Die aber kriegen von Jesus heute eine Lektion erteilt. Auf den Punkt gebracht heißt sie: Wer nicht will, der hat schon, du kannst deine Chance auch verpassen.

Der Gastgeber aus der Geschichte lädt nach der Ablehnung eben andere ein, die ursprünglich nicht auf der Gästeliste standen, – und was für Leute!!! – sie gehören nicht zum Durchschnitt der Gesellschaft – sie sind irgendwie anders – Arme, Verkrüppelte, Blinde und Lahme werden genannt – das waren damals die, die sozial nicht abgesichert waren, die nicht so ganz dazugehörten, denen man höchstens mit einer milden Gabe entgegenkam. Es waren also solche, die man nicht unbedingt in sein Haus einlädt, zu seinem Fest. Es waren wohl solche, die heute der Schrecken jeder Polizei sind und den Sicherheitsbedürfnissen jedes Staates entgegenstehen.

Von der Party auf Sylt heißt es: 14 Partygäste wurden zur Feststellung ihrer Personalien in Gewahrsam genommen. Ein Polizist wurde leicht verletzt, 350 Beamte waren im Einsatz. Der Großteil der Besucher fuhr mit dem letzten Zügen zurück auf das Festland. (KN)

Liebe Gemeinde, Jesus erzählt seine Geschichte von der großen Party, dem großen Fest und unglaublich aber wahr: die ordentlichen Leute, kommen verdammt schlecht dabei weg.

Was um Himmels Willen hat Jesus nur, dass er die guten Gründe der anständigen Leute nicht akzeptiert will? Was ist das für ein Fest, bei dem es gefährlich ist, abzusagen – selbst mit den besten Gründen? Schaut man sich den Kontext genauer an, wird klar, es geht hier um die Königsherrschaft Gottes und Gott ist es selbst, der einlädt. Und die, die eingeladen werden, das waren zuerst eine ganz bestimmte Gruppe. Manche meinen, es seinen die Menschen aus dem Volk der Juden, und als die Jesus ablehnten, seien dann alle Menschen eingeladen worden. Nun könnten wir uns beruhigt zurücklehnen. Wir sind schließlich hier.

Wir sind hier in der Kirche – alles in Ordnung, Entwarnung. Doch, ich befürchte, so einfach liegen die Dinge nicht. Ich glaube, Jesus will uns mit seiner Geschichte noch etwas ganz anderes sagen. Die Geschichte erzählt einerseits von der Großzügigkeit Gottes. Zum anderen etwas, wie ein Leben aussehen muss, um die Einladung Gottes nicht zu verpassen – es geht also nicht allein um den Sonntagvormittag, in dem Gottesdienst gefeiert wird, es geht um die ganze Woche, um unser ganzen Leben und darum, wie es gelingt, dieses Leben nicht zu verpassen. Dazu ist es ganz schlau, noch einmal nach Sylt zu schauen – 5000 Leute sind gekommen, sie hatten etwas, was wichtig ist und bleibt, um das große Fest, auch das Fest Gottes, nicht zu verpassen.

Suchen wir nach Merkmalen gelingenden Lebens, so können wir sie an Leuten finden, die sich einladen lassen: Beweglich bleiben und neugierig, offen für das, was kommt, auf die Menschen, die uns entgegen kommen, das ist ein Kennzeichen gelingenden Lebens, sich klar zu werden: alle sind eingeladen, das ist ein weiteres. Alle sind Gott lieb, ungeachtet des sozialen Status, der Religion, der Hautfarbe und was uns sonst noch alles unterscheidet. Nicht wir sind es, die sortieren, wer Gott recht ist, das macht er schon allein. So muss damals die ersten Zuhörer die Geschichte Jesu geärgert haben. Dass gerade die da draußen eingeladen waren – schließlich dachte man, wer da draußen ist, ist selber schuld, hat es irgendwie verdient und Hand aufs Herz, manchmal denken wir doch aus so – Doch Vorsicht, sagt Jesus – irrt euch nicht – schaut zuerst einmal auf euch selbst. Wer sein Leben glaubt, im Griff zu haben, wer sich selbst sichert, wer durch Geld sein Leben fest im Griff zu haben glaubt, wer sich nur noch um sich und sein eigenes kleines persönliches Glück schert, der verpasst Leben im Vollsinn, der muss sich nicht wundern, wenn plötzlich andere zum Zug kommen, mehr vom Leben haben als man selbst. Wichtig ist es, hungrig zu bleiben: auf Leben auf Freude, auf Fest, auf Miteinander, auf Nicht – fertig – sein.

Das Leben, so denke ich, es ist die große Feststafel und alle sollen daran nach Gottes Willen Platz haben. Gerade die, die nicht etabliert und angepasst sind. Wenn sie aber bei Gott Platz haben, dann sollen sie unter uns doch auch Platz finden. Das ist nicht selbstverständlich und war es noch nie.

Ich erinnere heute an Mendelssohn Bartholdy, dessen 200.sten Geburtstag wir in diesem Jahr feiern. Ein Blick in seine Biographie zeigt uns, wie wenig selbstverständlich es sein kann, dazuzugehören. Er stammt bekanntlich aus einer jüdischen Familie und zu seiner Zeit war es eben so, dass Juden bei aller Toleranz, die es durchaus für eine kurze Zeit gab, nicht selbstverständlich zu der bürgerlichen Gesellschaft der damaligen Zeit gehörten – und Hand aufs Herz – wir reden heute doch auch gern von türkischen Mitbürgern und im Grunde empfinden wir sie mit ihrer anderen Kultur und Religion doch auch nicht ganz zu uns gehörig, wie sehr sie sich auch anpassen. Für Mendelssohn war jedenfalls klar, mit dem Außenseitertum soll es ein Ende haben. So ließ er die Kinder taufen. Der Name, der den Kindern dazu gegeben wurde, war ein christlicher und die Idee des Vaters war es, dass der Sohn, wenn er wollte, eines Tages, den jüdischen Namen wegstreichen konnte und so die jüdische Herkunft unsichtbar machen. Es ist anders gekommen. Mendelssohn Bartholdy wurde unter seinem christlich jüdischen Namen berühmt und ist für mich ein Symbol, dass Juden und Christen zusammen gehören. Ich will aber dabei nicht stehen bleiben – Gottes Tafel bietet viele Plätze und ich denke, unser Wissen und unsere Irrtümer, wie wir Gott denken, wird nicht darüber entscheiden, ob wir an der großen Tafel Gottes Platz nehmen. Entscheidend ist, ob wir die Einladung annehmen, die Gott ausspricht – wohl gemerkt, an alle ausspricht, in einer Großzügigkeit, deren ich wahrscheinlich nicht fähig bin.

So lasst uns selbst für Gottes Leben und für seine Güte offen bleiben, offen für das Leben mit seinen vielen Gesichtern und hoffen, selbst an Gottes Lebenstafel willkommen zu sein und viele andere, die mit uns die Luft zum Atmen teilen, genauso.

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