Eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Liebe Schwestern und Brüder!

Irgendwie hält uns diese märchenhafte Geschichte von der ausgleichenden Gerechtigkeit, die den zu Lebzeiten armen Lazarus später in Abrahams Schoß, sprich an Abrahams Brust, Trost und Gerechtigkeit finden lässt und über den reichen Prasser die Pforten der Hölle bringt, einen großen Spiegel vor?
Der gute und bitterarme Lazarus kommt in den Himmel, liegt in Abrahams Schoß und der in irdischen Zeiten in Saus und Braus gelebt habende reiche Prasser kommt in den Hades, die Hölle. Recht so!
So scheint der ewige, von der Gesellschaft zementierte Gegensatz von Armut und Reichtum in den Worten des Evangelisten Lukas durch Jesu Wort und Botschaft hier klar geregelt! Hier der sprichwörtliche arme Lazarus, später in Abrahams Schoß als Sinnbild für göttliche und ewige Glückseligkeit liegend und dort der prassende Reiche, in der Hölle schmorend. Die natürlichen Verhältnisse scheinen wenigstens im Reich Gottes gedreht und die Armut wird ausgeglichen. Aber in der Auslegungsgeschichte hat es neben der Bewunderung für die radikale Umdrehung dieses Gegensatzes von Arm und Reich durch Jesu Parteinahme für die Armen, auch eine nicht unberechtigte Kritik gegeben.
Schon die Kommunisten der letzten beiden Jahrhunderte, Karl Marx und Lenin, sprachen in diesem Zusammenhang von Jenseitsvertröstungen, von Opium für das Volk, das die Kirche unter die Gläubigen verteile, um auf ein besseres Jenseits zu vertrösten.

Also ein Märchen mit einem Happyend? Nein vielmehr eine Beispielgeschichte Jesu, welche die Zuhörer dazu anhalten möchte, über das Erzählte nachzudenken!
Der Reiche, der in der Finsternis der Hölle schmort, wird nicht von Jesus verdammt. Jesus stellt nur fest, dass er sich in der Dunkelheit befindet. Als er nun den armen Lazarus sieht, da möchte er auch in Abrahams Schoß sitzen. Wer möchte das nicht?
Doch da ist noch der Spiegel, von dem ich anfangs sprach, und der uns vorgehalten wird:
Wer und wo sind die Lazarusse unserer Zeit? Und ist nicht der eine oder andere Reiche momentan durch die internationale Banken- und Finanzkrise in der privaten Hölle der Pleite und Insolvenz!?
Es gibt Beispiele für die armen Lazarusse und die reichen Prasser, der arm wurde:
Ich sehe zum einen vor meinem inneren Auge arme Afrikaner, die verzweifelt versuchen in überfüllten Schiffen von Nordafrika über das Mittelmeer nach Spanien, auf die kanarischen Inseln oder über die Insel Lampedusa nach Italien zu kommen, in das vermeintlich gelobte Land Europa, das sie nicht haben will. Und wenn sie es schaffen, ohne zu sterben oder elendig im Mittelmeer zu ertrinken, dann werden sie abgeschoben und probieren es wieder, denn selbst Tod und Entbehrung sind allzumal besser als das Elend in Afrika. Das sind arme Lazarusse.
Oder ein anderes Beispiel: Groß ist in der momentanen schwierigen Wirtschaftslage die berechtigte Angst in unserem Land nach einjähriger Arbeitslosigkeit nur noch Hartz IV, d.h. ca 360€ und Nebenkosten zum Lebensunterhalt zu bekommen. Hungern muss dabei keiner, aber der äußeren relativen Armut folgt häufig eine innere Armut von Depression und Lethargie.
Und da gibt es auch noch die finanziell gesehen relative Verarmung vieler wirklich Reicher durch Spekulationen, Zockerei und extreme Verluste an der Börse. Der gottesfürchtige schwäbische Unternehmer Adolf Merckle hat sich deswegen das Leben genommen. Er war Besitzer von Ratiopharm und Heidelberger Zement und hat viele Arbeitsplätze gefährdet. Ähnliches gilt für die Schaeffler-Gruppe und Continental.
Auch vielen Menschen wurden in dieser Zeit Lehman- Brothers-Papiere verkauft, häufig als Rücklage für die Ausbildung der Kinder oder der Absicherung des eigenen Ruhestands gedacht. Ob sich dadurch richtige Armut eingestellt hat, wage ich zu bezweifeln, doch schmerzhaft ist der finanzielle Aderlass bestimmt. Hängt natürlich auch von der Summe des Verlusts ab.

Das Märchen vom armen Lazarus hat in der Realität leider häufig kein gutes Ende. Und der vermeintliche und wirkliche Reichtum scheint momentan auch nicht die Freuden und den Luxus zu generieren, von denen der Text erzählt. Wir haben es schon immer geahnt.
Und so kann die Geschichte auch als ein Beispiel für oder eine Parabel auf den Reichtum dieser Welt und der damit einhergehenden Verantwortung für die Mitmenschen gelten.
Denn der Reiche, der in der Finsternis der Hölle schmort, wird nicht von Jesus verdammt. Jesus stellt nur fest, dass er sich in der Dunkelheit befindet. Als er nun den armen Lazarus sieht, da möchte er auch in Abrahams Schoß sitzen. Wer möchte das nicht!
Und natürlich hat die Geschichte auch einen Impuls und eine Intention, die den Zuhörern etwas vermitteln will.
Der Reiche will seinen lebenden Brüdern die Warnung zukommen lassen, dass das Leben mehr ist als die Frage nach dem Anhäufen von Besitz und Wohlstand.
In diesem Zusammenhang muss natürlich auch erklärt werden, dass es eine Tendenz in der Bibel gibt, vor allem im Lukasevangelium, sich für die Armen und Schwachen zeit seines Lebens einzusetzen. Reichtum wird nicht verteufelt. Der Fehler des Reichen besteht nur darin, dass er sich über seinen Reichtum freut und dabei seine soziale Verantwortung vergisst und dem Gebot der Nächstenliebe nicht nachkommt.
Auch der sog. reiche Kornbauer und der reiche Jüngling sind nicht fähig, von ihrem Besitz abzugeben.

Noch mal, liebe Schwestern und Brüder, Reichtum ist keine Schande. Und im Vergleich zu vielen anderen Menschen in den Entwicklungsländern oder auch in unserem Land sind wir wirklich reich.
Und, nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen- auch, was den Anfang der Predigt angeht- ich sehe mich auch als einen reichen Menschen an.
Keiner von uns ist ein armer Lazarus und auch die wenigsten unter uns leben in Saus und Braus.
Meines Erachtens geht es in der heutigen Zeit, um ein verträgliches Miteinander und eine Aufhebung der unsäglichen Neidkultur, die alle und jeden zerfressen. Außerdem geht es um soziale Verantwortung und um die Verpflichtung, die Eigentum und Besitz mit sich bringen. Und es geht vor allem um Reichtümer, die durch die Fähigkeit des Mitleidens und der Fähigkeit zur Nächstenliebe und Solidarität begründet sind.
Es geht um den inneren Reichtum von uns Menschen, der nicht neidisch über das wenige oder das viele, was andere haben, richtet, sondern dem Gebot der Nächstenliebe folgt, und somit Gottes Gebot folgt.
Auch der arme Lazarus droht dem Reichen nicht.
Letztendlich geht es um eine wiederzugewinnende Kultur der Solidarität und der Nächstenliebe. Dabei müssen wir uns alle an die eigene Nase greifen und vor der eigenen Haustür kehren.

Liebe Schwestern und Brüder, Armut ist keine Schande, sondern ist in unserer Gesellschaft eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Und wenn der Staat oder die Politiker nicht mehr in der Lage oder willens sind dafür Sorge zu tragen, dass sich diese soziale Gerechtigkeit einstellt, dann haben wir Christen die Aufgabe nach dem Gebot der Nächstenliebe zu handeln.
Wenn wir das tun, dann handeln wir für das Reich Gottes, dann schauen wir hin und wieder in Gottes Angesicht, wie es in einem Kirchenlied heißt. Und Gott macht keinen Unterschied zwischen Arm und reich, jeder wird von Gott gleichbehandelt. Das ist die Gerechtigkeit Gottes, für die wir uns einsetzen sollen.
Diese Gerechtigkeit Gottes verwirklicht sich immer da, wo Liebe, Verantwortung für und ein Dienst am Nächsten verrichtet wird. Und damit ist nicht nur die eigene Familie gemeint.

Nach menschlichem Ermessen hätten wir die Gnade Gottes nicht verdient, aber- und das ist das unglaubliche- Gott schenkt sie uns trotzdem in seiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit. Daran erinnert uns immer wieder unser Herr Jesus, der für uns in den Tod gegangen ist, um uns auch im Diesseits zu neuen Menschen zu machen. Und der uns dereinst auferwecken wird vom Tode und in sein Jenseits führt. Und daraus können wir unsere Kraft für den Alltag ziehen, darauf können wir bauen im Leben wie im Tod, denn wer in Christus ist, der empfängt das ewige Leben. Der ist eine neue Kreatur.

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