Die Gefahr des Geldes

Liebe Gemeinde,

worum geht es heute nicht? Es geht nicht um die Vorstellung einer Hölle – wie es dort aussieht, wie es dort zugeht. Es geht nicht, um die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod, um Bestrafung oder Belohnung. Auch, wenn dieses Bibelwort unheimlich plastisch und anschaulich scheinbar diesen Bereich beleuchtet. Sondern es geht in diesem Predigtwort um den Umgang miteinander, um Reich und Arm – wie sie leben sollten, wenn sie ihren Glauben redlich lebten. Und um die Beziehung zu Gott. Sie haben es in der Lesung aus dem Alten Testament gehört: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Es ist der Anfang des Glaubensbekenntnisses der Juden, des „Schema Israel“, welches wir dort hören. Jesus bezeichnet es an anderer Stelle als das höchste Gebot! Gott allein hat Wirklichkeit – das müssen wir uns auch als Christen immer wieder vor Augen halten. Nichts anderes hat Bestand, nichts anderes hat solche Gültigkeit, dass ich mein Leben darauf aufbauen könnte. Kein Götze, wir haben letzten Sonntag davon gehört, kein totes Ding und mag es noch so verlockend, noch so schön anzusehen sein, kann mir dieses Leben garantieren. Welche Götzen kennen wir? Sie wissen es selber: vor allem das Geld – die Schrift nennt es den Mammon – ist unser größter Götze geworden, dem wir oft genug bereit sind, zu opfern und uns ihm unterstellen.

Weil aber Gott allein Wirklichkeit hat, sollen wir ihn liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all unserer Kraft. Darum, liebe Gemeinde, geht es heute auch in unserem Predigtwort. Um die Art der Beziehung, die wir zu Gott haben. Um die Art der Beziehung, die Gott zu uns hat.

Zwei Formen der Beziehung werden in unserem Predigtwort vorgestellt. Die eine davon wurde in dem Gospel-Klassiker verewigt: „Rock me in the bossom of Abraham“ – auf Deutsch etwa: zieh mich in den Schoß von Abraham. Es ist eine eigentümliche Beschreibung für einen seligen Zustand. In Abrahams Schoß sein, auf Abrahams Schoß sitzen. Für mich am ehesten verständlich, wenn ich an kleine Kinder denke, die Geborgenheit und Wärme suchen oder jemanden brauchen, der sich um ihre Angelegenheiten und Wehwehchen kümmert: sie klettern auf den Schoß desjenigen und schon sieht die Welt wieder ein bisschen besser aus. Es ist eine ganz nahe, innige Beziehung, die dort herrschen kann.

Die andere Beziehung sehen wir in der Ferne, die der reiche Mann zu Abraham hat. Es ist eine nicht ganz klassische Beschreibung der Nicht-Beziehung: „Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.“ – so benennt es das Predigtwort. Eine Kluft, die nicht überwunden werden kann. Sie wissen es, liebe Gemeinde, die Sünde wird so beschrieben: als Trennung zwischen Gott und Mensch. Diese Sünde wird erst in der Taufe aufgrund Christi Tat am Kreuz überwunden. Ein neuer Weg der Beziehungsmöglichkeit wird darin freigemacht. Dass der reiche Mann keinen Namen hat, der Arme aber schon, ist Programm. Denn dort, wo keine Beziehung herrscht, fällt man ins Nichts, ins Boden- und Namenlose. Moderne Theologen haben versucht, die Hölle als Ort der Beziehungslosigkeit zu beschreiben. Eben dort, wo es keinen Namen mehr für die Person gibt, weil es auch keinen gibt, der mich dort ansprechen könnte. Und wieder sehen Sie das Gegenbild, welches wir in der Taufe feiern: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen – du bist mein!“ Der Name unserer Täuflinge wird mit Christus verbunden und – ebenfalls ein biblisches Bild – dann in das Buch des Lebens eingetragen, damit dieser Name nicht vergessen werden kann. Am Ende der Zeit wird dann Gott diese Namen verlesen und so die Menschen retten. Der reiche Mann ohne Namen ist jenseits der Kluft. Er ist bereits im Nichts, weil keine Beziehung ihn ausgezeichnet hätte.

Unser Predigtwort ist nicht zuerst eine Moralgeschichte über den Umgang mit Reich und Arm. Natürlich ist nicht umsonst das Bild des Reichen aufgenommen worden. Es zieht sich durch alle Schriften der Bibel, dass der Mammon mit der stärksten Kraft in der Lage ist, die Menschen zu verbiegen. Sie erinnern sich an die folgende eindrucksvolle Erzählung? "Rebbe, ich verstehe das nicht: Kommt man zu einem Armen, der ist freundlich und hilft, wo er kann. Kommt man aber zu einem Reichen, der sieht einen nicht mal. Was ist das bloß mit dem Geld?" Da sagt der Rabbi: "Tritt ans Fenster! Was siehst du?" "Ich sehe eine Frau mit einem Kind. Und einen Wagen, der zum Markt fährt." "Gut. Und jetzt tritt vor den Spiegel. Was siehst du?" "Nu, Rebbe, was werd‘ ich sehen? Mich selber." "Nun siehst du: Das Fenster ist aus Glas gemacht, und der Spiegel ist aus Glas gemacht. Man braucht bloß ein bisschen Silber dahinter zu legen, schon sieht man nur noch sich selbst."

Dies ist die bleibende Gefahr des Geldes überhaupt. Man muss nicht reich sein, um vom Geld verblendet zu sein. Auch Menschen, die wenig Geld haben, ihm aber nacheifern machen dieses oft zu ihrem Götzen. Dennoch gilt: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“ – so sagt es Matthäus an anderer Stelle. Deswegen, liebe Gemeinde, ist es so enttäuschend, dass in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise so wenige, alternative Vorschläge gemacht und gehört werden. Es wäre zu wünschen, dass es gerade christliche Stimmen sind, die dort den Mut zur Veränderung hätten: weg von dieser Zentrierung auf das Geld, hin zur Solidarität untereinander.

Und dennoch ist das Beispiel des Mammons hier nicht der zentrale Punkt, sondern es wird nur an seiner Darstellung klar, wo das Versagen liegt. Der Mann ohne Namen, reich in dieser Welt, zufrieden mit sich, gekleidet in Purpur und Leinen, blickt den nicht an, der vor seiner Haustüre liegt. Er empfindet ihn nicht als Mitglied seiner Gemeinschaft. Er geht an ihm vorüber, ohne ihn zu würdigen. Er hätte ja nicht gleich alles herschenken müssen, was ihm gehört und so den Ausgleich zwischen Besitz und Nicht-Besitz versuchen müssen. In dieser Welt wird der vollständige Ausgleich eine Utopie bleiben. Jesus sagt: „es wird allezeit Arme unter euch geben!“ Aber er hätte ihn als Mensch ansehen können, sich ihm zuwenden. Und so wäre das passiert, was am schönsten in der Liebesbeziehung zweier Menschen zu beobachten ist. Nämlich, dass Geben und Nehmen ein und dasselbe sind. Schenken und Beschenkt-Werden. Ja, dass ein Aufrechnen nicht nötig ist, weil der Vorrat der Liebe unerschöpflich ist. Der Mann ohne Namen hätte in einer Beziehung selbst eine Ansprache erhalten. Lazarus hätte ihn mit seinem Namen genannt und ihm so ein Gesicht gegeben.

Die Schlussfolgerung des Predigtwortes ist hart. Der Reiche bittet um Wunder, nicht für sich, sondern für seine Brüder, die anscheinend ebenso wie er ohne Namen leben. Der Hinweis auf die Propheten reicht ihm nicht. Nein, ein Toter müsste auferstehen. Aber es wird ihm verwehrt. Sie sollen auf das hören, was jederzeit zu hören war – die Worte Gottes im Munde der Propheten, die predigen, dass „Recht und Gerechtigkeit fließen mögen, wie ein nicht versiegender Bach“. Die Propheten, die dem Menschen sagen, was gut ist: nämlich „Gottes Wort halten und Liebe übern und demütig sein vor deinem Gott.“

Diese Worte gelten uns Heutigen. Zu erkennen, wie Gott selbst auf uns zukommt und uns seine Gemeinschaft anbietet. Antwortend „Ja“ dazu sagen und aus dieser übergroßen Liebesfülle weiter schenken, was wir geschenkt bekommen haben – in einer Gemeinschaft untereinander.

Hören wir es mit anderen Worten zum Schluss noch einmal in einer Geschichte über die Hölle: „Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elija als Führer mit. Elija führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften alle aus dem Topf. Aber die Leute sahen blass, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, dass sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten. Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle. Darauf führte Elija den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie der erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen. Leute saßen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel.“

Und der Friede Gottes, der die Kraft besitzt unser Denken und Handel zu befreien, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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