Lebenselixier

„Und Gott verliebte sich in das, was Er geschaffen hatte.
Er war verliebt in die Sterne, in Seine Milchstraße, in Seine Sonne, in den Mond und vor allem in Seine schöne Erde. Er war so stolz auf die Erde, dass Er selbst dort wohnen wollte. Doch wie, wie sollte Er dort wohnen?
Eines Nachts hatte Er einen wunderbaren Einfall.
Er beauftragte Seinen Boten Gabriel, zur Erde hinab zu steigen und Lehm zu holen.
Gabriel holte den Lehm.
Gott schuf den Menschen. Ganz nach seinen Vorstellungen.
Er forderte den Geist auf, im Leib Platz zu nehmen.
Der Geist aber weigerte sich. Er hielt es für unter seiner Würde, in einem Leib Platz zu nehmen, der aus Lehm geschaffen worden war.
Gott schickte Gabriel als Vermittler. Gabriel sagte: >Fahre in den Leib! <
Der Geist weigerte sich. >Fahre in Seinem Namen in den Leib!<, sagte Gabriel.
>Da Sein Name fiel, will ich mich fügen<, sagte der Geist.
Da betrat der Geist den Leib des Menschen.
Der Mensch erhielt einen Namen: Adam!
Die Engel brachten ihn zur Erde.“
(Leicht geändert aus Kader Abdolah, Das Haus an der Moschee, S. 132, List Taschenbuch)

Liebe Gemeinde,

so leben wir Menschen auf der Erde, geisterfüllt, aber auch immer wieder geistvergessen, als wären wir nur Lehm und nicht Gottes Ebenbilder. Vom Beginn der Zeit an, so lesen wir in der Bibel, ist Gottes Geist in unserer Welt. Keinen Atemzug könnten wir ohne ihn tun, sein Atem erfüllt jeden Menschen und doch verkennen wir oft die Herkunft unseres Lebenselixiers.
Dass Gott uns so nahe sein könnte, wer denkt da schon daran. So fühlen wir uns mitunter: fern von Gott – in diese große Welt, diesen Kosmos geworfen. Nur manchmal, in ganz besonderen Augenblicken, wird Gottes Nähe für uns deutlich wahrnehmbar, ja, fühlbar.

Gespürt haben Gottes Nähe auch damals die Freunde Jesu. Wenn sie mit Jesus unterwegs waren – schien die Sonne irgendwie anders, da öffneten sich die Herzen, da bekam alles Sinn, da fingen Wunden an zu heilen, da war Gott ganz nahe. Nun aber hieß es, von Jesus Abschied zu nehmen. Kein Wunder, dass Jesus seinen Jüngern beim Abschied noch einmal tröstend versichert, dass sie auch in Zukunft nicht allein sein werden.

Gottes Geist – der Geist des Lebens, der Geist der Wahrheit – er wird kommen – wie er war und ist und sein wird. So wie er schon in den ersten Tagen der Schöpfung diese Welt in Bewegung gebracht hat und Leben hervorgebracht hat – so wie er über den Wassern des Urmeers – schöpferisch diese Welt ins Leben rief, so kennt sein Schöpferwerk auch in Zukunft keinen Stillstand. Dieser Geist, der Gottes Gegenwart in dieser Welt bezeugt, kommt – er ist immerzu im Kommen – und immer noch schöpferisch – seit den Tagen Adams. Er ist gegenwärtig, wenn im Frühling die Natur aufbricht, wenn sich Leben entwickelt, wenn ein Kind im Werden ist und schließlich das Licht der Welt erblickt.

Dieser Lebensgeist aber braucht Raum, viel Platz. Sein Wirken wird sichtbar, wenn wir mit ihm rechnen und offen für ihn sind, dann wirkt er unter uns – unbehindert und frei. Wir können aber auch geistlos leben – den Geist ignorieren, so dass er unserem Bewusstsein nicht präsent ist, dann wirkt er im Geheimen und wir können uns an ihm nicht freuen, und er wirkt nebenan und nicht so stark unter uns. Und dennoch: draußen und drinnen ist er am Schaffen und um uns herum. Gottes Geist wirkt nicht nur in der Natur, er wirkt auch in unseren Herzen und Köpfen, er nimmt in uns selbst Platz. So erinnert Jesus seine Freunde an die Geisteskraft, damit sie nicht verzagt und traurig sind, weil Jesus nun nicht mehr sichtbar bei ihnen ist. Haben wir am vergangen Sonntag Gottes Geist als den Geist der Wahrheit und des Trostes kennen gelernt, so geht es heute um die Liebe, die Gottes Geist bezeugt.

[TEXT]

Liebe und Gottes Wort beachten – das gehört also zusammen, das sind die Planken eines gelingenden Lebens – das sagt uns der Lebensgeist, den Gott in uns wirken lässt. Liebe und Gottes Lebensregeln zu Herzen nehmen – das sind die beiden Seiten eines gesegneten Lebens. Ist es nicht genau das, was wohl jedes Kind braucht, was jeder Mensch braucht. Wohlgemerkt genau in dieser Reihenfolge- Liebe und dann Werte, Regeln, die beherzigt werden wollen. Wer mich liebt, der hält mein Wort, der hört auf es, der achtet es, der richtet sich danach, so sagt Jesus und Gottes Geist bewirkt, dass wir das nicht vergessen.

Zugegeben: wir lassen uns nicht gern etwas sagen. Aber, wie soll Leben gelingen, ohne dass wir beherzigen, was sich als lebensstiftend bewährt hat, was Jesus uns selbst als gelingendes Leben vorgelebt hat. Ich denke, es geht hier nicht um das Abharken von Vorschriften, die wir gefälligst einzuhalten hätten – es geht darum, dass wir Gottes Geist der Liebe in uns Raum lassen und tun, was uns dieser Geist sagt – dann sind wir auf der richtigen Seite. Längst wissen wir, ein Kind, das keine Grenzen kennt, wird ein kleiner Tyrann und ein erwachsener Mensch, der keine Grenzen kennt, wird asozial – zerstört Gemeinschaft. Das aber kann doch im Ernst keiner wollen.

So legt Jesus uns sein Wort ans Herz, seine Lebensmaxime – und wer sollte da nicht an das Wort von der Gottes- und Nächstenliebe denken, das alle anderen Gesetze und Worte vom gelingenden Leben in sich vereinigt? Es ist das Wort, dass in Jesus Mensch wurde und in den vielen Geschichten der Bibel lesen wir, wie Jesus, erfüllt von Gottes Geist – unkonventionell, offen und unvoreingenommen dem Leben Raum gab, seine heilsame Hand jedem Menschen reichte. So feiern wir heute Pfingsten, das Fest des Geistes, das Fest der Inspiration und Kreativität, das Fest der Großzügigkeit und der Güte, das Fest der Liebe. Gott war verliebt in seine Schöpfung – so die Legende – so verliebt, dass er Adam schuf. – Dann kam ein zweiten Adam auf diese Erde, der mit all den Missverständnisse und Irrtümer, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte angesammelt hatten, aufräumte.

Dieser zweite Adam, wir nennen ihn Jesus – er nimmt uns an diesem Pfingstfest an die Hand und führt uns zu Gott zurück – zu dem Gott der Liebe, dem Schöpfergott, der will, dass Leben gelingt. Mögen unsere Herzen für sein Wort offen sein. Dann wird wahr, was heute Charlotte in der Taufe mit auf den Weg gegeben wird: von Gott behütetes Leben – damit verbunden der Auftrag, guter Boden für Gottes Geist zu sein und reichlich Frucht zu bringen. Denn so ist es: Was der Mensch sät, das wird er ernten.

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