Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Eine Liebesgeschichte klingt eigentlich anders, romantischer.
Liebe auf den ersten Blick, ein Knistern zwischen den Betroffenenen, ein grenzenloses Vertrauen, ein wagemutiges Aufeinander Verlassen.
So erträumen wir uns die große Liebe unseres Lebens, egal wie oft wir dann doch wieder auf dem Boden der Tatsachen landen und um eine Täuschung ärmer enttäuscht werden.
Aber in unserer Geschichte ist von einem Untermieter die Rede, der einziehen und eine Wohngemeinschaft gründen will. Er will sagen, wo es lang geht,will bestimmen und macht davon die Liebe abhängig. Merkwürdig: da feiern wir Pfingsten und ich frage einmal in die Runde: haben sie denn schon bemerkt, dass sie einen Untermieter haben und lassen sie ihn dann auch sagen, wohin die Reise geht ?
Das wäre doch eine merkwürdige Liebsgeschichte, wenn ich von ihr so wenig mitbekomme, obwohl sie mich doch direkt angeht?
Aber vielleicht muss ich ja auch nur etwas genauer hinsehen. Denn ich gebe gerne zu, dass Pfingsten sich nicht so leicht erschließt wie Weihnachten und Ostern.
Ein kleines Kind, noch dazu in einem Stall in einer Krippe, das hat ohne große Worte etwas anrührendes; Ostern, das Fest des leeren Grabes, berührt tiefste Ängste und Sehnsüchte, weil es Antwort gibt auf die Frage, ob ich denn dem Leben trauen kann oder mich dem Tod beugen muss. Aber Pfingsten?
Pfingsten ist vielleicht das Fest des gefühlten Abstandes: Das ist alles lange her. Jesus war vor zweitausend Jahren, mit der Welt ist es nicht wirklich besser geworden. Und in Berlin fährt demnächst ein Bus mit der (Werbe)Aufschrift umher: „Gott gibt es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht“.
Pfingsten hat durchaus etwas mit dem gefühlten und erlebten Abstand zu tun.
Pfingsten beschreibt die Zeit danach. Nach Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu.
Pfingsten erzählt wie es sein kann, das etwas, das schon so lange her ist, immer noch von Bedeutung ist.
Pfingsten ruft in Erinnerung, dass mit Jesus eben nicht alles aus und vorbei , kein Gras über seine Sache gewachsen ist.
Wir sind äußerlich getrennt durch die Zeit, durch den Abstand, aber innerlich verbunden. Deshalb ist es eine Liebesgeschichte. Denn auch Liebende können über die räumliche Trennung ganz eng miteinander verbunden bleiben auch ohne Handy oder Internet, nur durch die Kraft und den Geist ihrer Liebe.
Womit wir nämlich genau beim Thema wären.
Es gibt eine Kraft und einen Geist der Liebe, der die Verbindung aufrecht erhält, der diese Wohngemeinschaft des Glaubens erst begründet . Das ist der Pfingstgeist, der Geist der Wahrheit, der Tröster und Berater, der Lebensbegleiter oder die Leidenschaft und Begeisterung in mir und zwischen uns, die Grundmelodie der Lieder auf den Straßen Bremens während des Kirchentages, der aus den Herzen und Gesichtern der teilnehmenden Menschen sprach, der Trost, der das Leben getrost aushalten ,annehmen und gestalten lehrt.
Ich gebe zu, dass kann ich nicht erklären. Pfingsten ist womöglich das Fest, das ich unmittelbar erleben muss, dass mich ergreifen muss, damit ich es verstehe.

Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern und er will doch bei ihnen bleiben. Diese Verbundenheit ist der Heilige Geist, dieses einigende Band der Liebe zwischen Jesus und den Seinen, zwischen Jesus und uns.
„Wie kann das sein ?“mag jemand fragen.
„Ganz einfach“ würde ich antworten:
Nimm deine Kinder in die Mitte und erzähl noch einmal die Geschichte von Oma oder Opa, reich das Photo herum, lass alle draufschauen. Dann schließt sich der Graben, dann reißen sie Schleier, dann werden die verschütteten Erinnerungen lebendig, die uns verloren Gegangenen werden ganz gegenwärtig. Erzählungen und Bilder haben solche Kraft.
Und mit den Worten Jesu ist es ganz ähnlich. Die Menschen haben sich diese Worte weitererzählt, sie haben die Geschichten weitererzählt, die sie von Jesus gehört haben. Sie haben sie aufgeschrieben, sie wurden in unsere und in andere Sprachen übersetzt. Wir versammeln und Woche für Woche an vielen Orten um diese Worte herum und erleben, wie eng das Band zwischen Jesus und uns sein kann. Sein Wort – das sind seine Worte und seine Taten, das ist er in Person, das ist sein Trost und seine Ermahnung, sein Zuspruch und sein Anspruch und es ist und bleibt auch der Raum, in dem Gott mir entgegenkommt.
Egal was die rollenden Busse in Berlin verkünden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erfahre ich im Angesicht Jesu, in seinem Leben und in seinem Sterben, in seinem heilenden und helfenden Handeln das wahre und wirkliche Gesicht Gottes. In seinen Worten begegnet mir Gott, in diesen Worten spricht er mich an, durchbricht die Mauern des Schweigens, die wir so oft vermuten, wenn wir rufen: „mein Gott, mein Gott, wo bist du?“ und dann auf Antwort warten.
JA, das sind Glaubenssätze, innere Gewissheiten, die ich nicht mit einer mathematishen Formel nachrechnen, aber mit meinem Leben untermauern kann. Was haben Menschen in der Kraft dieses Glaubens, dass Gott wirklich ist und das er uns wirklich meint, nicht alles bewältigt und getragen. Ihr und unser Leben können davon erzählen, dass da ein Gott ist und diese Welt nicht sich selbst überlassen bleibt.
Wo Menschen mit offenem Hezen und klaren Verstand diese Worte hören und diese Worte leben, da erfahren sie die Wahrhaftigkeit Gottes und die Welt erlebt, wes Geistes Kinder sie buchstäblich sind.
Von solcher Wohn- und Lebensgemeinschaft redet Jesus zu seinen Jüngern und aus dieser Kraftquelle ernährt sich die Kirche Jesu Christi bis heute: von der Kraft und der Lebendigkeit seines Wortes, von der Bindekraft dieser Anrede und von der Gegenwart Gottes in diesem Wort, das nicht wie so oft Menschenworte Schall und Rauch sein kann.
„Was trägt das aus“ mögen jetzt die letzten Zweifler und Kritiker fragen und ich setze glaubensvoll dagegen, wie Gottes Geist und Jesu Worte und Leben Impulse, Himmelsahnungen in diese Welt gebracht haben. Sie mag nicht besser geworden sein, diese unsere alte bewohnte Welt, aber die Spuren der Menschenfreundlichkeit Gottes sind doch nicht zu übersehen. Das hat sich geändert. Den Blick für die Würde und den Wert jedes einzlenen ohne Ansehen der Person hat der Glaube an Gottes Wertschätzung geschärft. Die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit hat er wach gehalten. Daran darf nach 60 Jahren Grundgesetz und nach 20 Jahren Mauerfall auch angesichts der immer noch realen Krisen erinnert werden. Deshalb der Gottesbezug in unserer Verfassung.

Solch Glaube nützt jedem einzelnen.
Das birgt einen unfasssbaren Schatz und endlosen Trost in sich.
Gott schaut mich liebevoll an.
Es gibt einen Grund, dass ich bin. Und der heißt schlicht: Liebe.
Weil Gott mich meint, weil Gott mich anspricht, weil er mich anschaut, darum darf ich getrost gehen und leben und mich auf diese besondere Wohngemeinschaft einlassen.
Öffnen wir uns Tag für Tag für Gottes Liebe, die in Jesu Wort und Leben aufleuchtet und in der Kraft des Heiligen Geistes unser Leben bereichern und unsere Hände erfüllen will. Lassen wir uns durchtragen von solcher Glaubensgewissheit.
Gottes Geist brenne und leuchte in uns und durch uns hindurch. Er erneuere unser Leben, unsere Welt, unsere Kirche und halte uns ganz eng bei dem, der unser Herr und Bruder ist im Himmel und auf Erden: Jesus Christus. Amen

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