Hochmut kommt nicht vor dem Fall

Liebe Gemeinde,
Der Turmbau zu Babel. Ein fester Begriff in unserer Sprache, denn es ist eine der bekanntesten Erzählungen in der alttestamentlichen Urgeschichte.
Auch die dazugehörige Auslegung kennen Sie bestimmt: Die Menschen werden wegen ihres anmaßenden Verhaltens von Gott bestraft. Sie bauen einen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reichen soll, damit sie genauso groß wie Gott sein können. Doch Gott, der Gute und Gerechte kann das so nicht hinnehmen. Deshalb fährt er vom Himmel herab und bestraft die bösen Menschen mit der Verwirrung ihrer Sprachen und der anschließenden Zerstreuung. Dies soll allen eine warnende Lehre sein, die sich selbst überheben und ihr Tun an die Stelle Gottes setzen. Nun könnte ich eigentlich »Amen« sagen und Sie nach Hause schicken – oder ich biete Ihnen eine ganz andere Auslegung.
Beginnen wir bei den Menschen: damals noch Halbnomaden, hatten sie das ständige Umherziehen satt. Sie beginnen damit, sich an einer geeigneten Stelle niederzulassen. Eine große Stadt soll entstehen. Man erhoffte sich damit Schutz vor Feinden und Sicherheit vor wilden Tieren. Sie wollen sich eine Heimat schaffen und wissen wo sie hingehören. Sie wollten durch ihrer Hände Arbeit etwas aufbauen und stolz auf ihr Werk sein. Ich frage mich: wo liegt das Problem? Was soll daran falsch sein? Dass sie sich so gut verstanden haben? Das kann ja wohl nichts Böses sein. Ich wünschte, wir hätten heute bei uns so eine gemeinsame Vision, ein Konzept und einen Mittelpunkt für unser Leben. Nun kommt allerdings der verhängnisvolle Satz: »Wohlauf, lasst uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht«. Verhängnisvoll deshalb, weil wir ihn vermutlich falsch verstehen. Im Hebräischen Original steht hier eine – übrigens häufig – vorkommende Redewendung, die man für große Übertreibungen verwendet. Man könnte daher im heutigen Sprachgebrauch besser sagen: sie bauten einen Turm, der »sauhoch« ist. Würde ja auch keiner auf die Idee kommen und fragen: »Was? Nur so hoch wie ne Sau? Das ist aber nicht hoch!« Auch hier ein Wort, das zur Übertreibung verwendet wird. Von daher sollte man nicht unbedingt annehmen, die Menschen wollten zu Gott in den Himmel hinauf¬steigen und sich über ihn erheben. Denn das wird auch gar nicht gesagt. Trotzdem fährt Gott vom Himmel herab und bereitet allen Anstrengungen und Mühen der Menschen ein jähes Ende. Die Gemeinschaft wird zerstört, und die Menschen in alle Winde zerstreut. Über diesen Gott kann man sich ärgern. Was haben die Menschen schon verbrochen? Man müht sich ab, und dann wird von »oben herab« alles zerstört. Ist das nicht eine Erfahrung, die wir Menschen immer machen müssen? Man müht sich ab, und dann wird von »oben herab« alles zerstört. Burma fällt mir ein. Der vom Himmel gekommene Wirbelsturm. 95% der Häuser zerstört. Gemeinschaft kaputt. Von den Toten rede ich gar nicht. Man müht sich ab, und dann wird von alles »oben herab« zerstört. Die Familie schafft es endlich, in das eigene Heim zu ziehen. Müh und Arbeit hat es gekostet. Dann stirbt der Partner. Ganz plötzlich. Gemeinschaft zerstört. Träume vorbei. Der Turmbau zu Babel: er ereignet sich jeden Tag, Jahr für Jahr, Zeitalter für Zeitalter.
Gott erscheint uns oft als unverständlich. Täglich erleben wir das. Und nicht nur die Turmbaugeschichte erzählt davon, sondern auch die anderen Geschichten: Kain und Abel zum Beispiel: Warum hat Kain seinen Bruder erschlagen? Weil er böse war? Oder weil Gott ihn vorher ungerecht behandelt hat? Zu Abel war der Herr gnädig, steht da zu lesen, doch Kain sah er nicht gnädig an. Warum, wird nicht gesagt. Es ist einfach so. Kain erzürnte wegen dieser Ungerechtigkeit und erschlug dann seinen Bruder. Gott konnte er ja nicht erschlagen.
Auch die Geschichte von der Sintflut erzählt Ähnliches: dass die Menschen vom Grund ihres Herzens böse sind, das ist nun ja nichts sensationell Neues. Warum dann allerdings alle ersaufen müssen, eine Handvoll Glückspilze aber gerettet wird, das soll mir mal einer erklären. »Noah war ein frommer Mann« hat ein späterer Bearbeiter dann noch schnell hinzugefügt, weil er diese Ungerechtigkeit nicht mehr ausgehalten hat.
Die Geschichte von Turmbau zu Babel erzählt also nicht vom Hochmut der Menschen und Gottes gerechter Strafe. Sie erzählt von den Erfahrungen die wir täglich leider eben auch mit Gott machen.
Trotzdem halten wir an genau diesem Gott fest. Warum? Weil es da eben auch andere Erfahrungen gibt, die wir mit Gott machen: Erfahrungen von Güte, von treuer Begleitung und wundervoller Bewahrung. Davon wissen auch die Erzählungen in der Urgeschichte: Trotz Todesfluch und Vertreibung aus dem Paradies darf der Mensch jenseits von Eden weiterleben. Kain wird verflucht und vertrieben, zugleich aber durch das Kains-Mal unter Gottes besonderen Schutz gestellt. Alles Leben soll durch die Sintflut umkommen, doch mit Noah gibt es für die Menschen einen neuen Anfang. Göttliche Ferne und Härte steht immer gebrochen neben göttlicher Nähe und Güte. Auch bei der Turmbaugeschichte ist das so: Im nächsten Kapitel schon wird Abraham aus der Vielzahl der zerstreuten Völker berufen, und durch ihn sollen sie alle Segen erhalten. Der Neubeginn mit Abraham ist das Gegenstück zur Turmbau von Babel.
Wenn wir heute Pfingsten feiern, dann erinnern wir uns an die besonderen Ereignisse im Todesjahr von Jesus. Auch da wechseln sich Göttliche Ferne und Härte mit göttlicher Nähe und Gnade ab. Der ungerechte Tod am Kreuz mit seinem »mein Gott, warum hast du mich verlassen?«. Dann aber die Gnade der Auferstehung. Und wieder: die Traurigkeit und Gottverlassenheit der Jünger nach Himmelfahrt. Und schließlich die Sendung des Heiligen Geistes, damit der Glaube wieder Kraft bekommt und die Hoffnung einen Namen hat.
Was ich Ihnen heute zum Turmbau zu Babel sagen möchte, ist die Gewissheit, dass wir als Christen immer an Gott festhalten können. Kein Schicksalsschlag, kein Unglück, keine Katastrophe kann so groß sein, dass ich an Gott verzweifeln muss, auch wenn er mir in manchen Situationen hart und fern erscheinen mag. Denn ich darf gewiss sein: am Ende allen menschlichen Leids steht Gottes Barmherzigkeit und Gnade. Sie ist größer als alles andere. Und diese Gewissheit möge Sie in diesen Pfingsttagen und darüber hinaus begleiten. Amen.

drucken