Sag mir wo der Himmel ist

Jubel ist doch eigentlich völlig fehl am Platze.
Abschied verlangt andere Emotionen: Tränen, Rat- und Mutlosigkeit, ungläubiges Kopfschütteln, was auch immer.
Wenn beim Abschied gejubelt wird, dann gibt das – zumindest in unserem Alltag – zu denken. Wen sehen wird denn schon gerne gehen … die ach so geliebe Verwandschaft oder die lieben Kollegen ?
Aber es bleibt unbestritten: dieser Tag, diese Geschichte, dieser Abschied enden mit Jubel. Das ist Christi Himmelfahrt.
Eine zwangsläufige und notwendige Zäsur im Leben der Jünger und im Leben der bald wachsenden jungen Kirche. Sie lebt aus dem Glauben an die Auferweckung Jesu Chisti von den Toten, sie besingt den Sieg des Lebens über alle Todesmächte, aber sie kann nicht mehr sehen, wie der Auferstandene in die Mitte tritt, wie er leibhaftig den um den Tisch Versammelten das Brot bricht oder seine Seite und Wundmale den Zweifelnden hinhält. Wir sind die Kirche, die Generation d a n a c h
Wir leben von dem Zeugnis, das von Generation zu Generation weitergegeben und weitergeglaubt wird, ohne zu sehen, wissen den Auferstandenen in Gottes Ewigkeit und mitten unter uns. Aber wir sehen ihn nicht, wir wandern nicht mit ihm am Ufer des Sees Genzareth umher oder begegnen ihm in Galiläa. Und dennoch spüren wir wie ein Brennen in unserem Herzen: er lebt, er ist da, auch wenn er nicht hier ist. Wie soll ich die Hineinverwandlung Jesu in Gottes Welt und Gottes Wirklichkeit, auf die wir alle einmal zugehen, denn beschreiben oder gar erklären, wenn nicht mit Bildern.
Und genau das tut Lukas unspektakulär und damit wird dann gar nicht so sehr der Abschied wichtig als vielmehr die Gewißheit, dass die Verbundenheit bleibt.
Der wirklich schmerzhafte Abschied war das Kreuz. Himmelfahrt ist Jubel angesagt, denn jetzt wird deutlich wohin die Lebensreise geht: direkt in den Himmel, direkt in Gottes Gegenwart.
Manchmal fällt mir dieser Glaube ganz leicht.
Wenn ich an einem Sommertag auf der Butterblumenwiese liege und den strahlend blauen Himmel über mir sehe, wenn Sehnsucht von meinem Herzen Besitz ergreift, dann spüre ich in der unendlichen Tiefe des Himmelblaus auch die unendliche Weite und Größe Gottes.
Dann weiß ich zwar, dass ich ihn dort oben nicht antreffe, wenn ich gen Himmel reise, aber ich ahne, dass mir Gottes Himmel offen steht. Ein strahlend schöner Sommersonnentag ist meinem Herzen der schönste Gottesbeweis. Darum kann ich auch gar nichts dagegen einwenden, wenn sich heute unzählige Familien auf den Weg ins Grüne machen und sich daran erfreuen, dass es den Himmel auf Erden längst gibt. Noch schöner ist es, wenn Menschen so wie wir sich dabei auch noch Zeit nehmen, dass zu feiern, was uns allen einen geliebten und gern angenommenen Feiertag beschert: dass Jesus Christus dem Himmel freie Bahn geschaffen hat. Wenn wir auch durch unseren Menschenbruder Jesus an unseren Vater im Himmel denken, dann darf uns dieser Tag auch gerne als Vatertag dienen. Und wenn wir voller Freude im Herzen einstimmen in den Jubelruf: „Jesus Christus herrscht als König“, dann ist selbst gegen einen wahrhaften Herrentag nichts einzuwenden.
Wenn allerdings dunkle Wolken den Blick in den Himmel verbergen und mich hinunterziehen und hinunterdrücken, wenn mir der Himmel auf den Kopf zu fallen droht, dann ist es schwer an den Himmel zu glauben, an Gottes Güte festzuhalten.
Es ist ja eben nicht jeden Tag Sonnenschein und der Regen fällt aus diesen Wolken nicht nur als befruchtender, befeuchtender Landregen, sondern manchmal auch sintflutartig mit großer Vernichtungskraft. Dann will der Himmel geglaubt werden. Ich weiß ja, dass er da ist, nur dass mein Blick auf ihn eben verstellt ist. Über den Wolken ist die Freiheit nicht nur grenzenlos, sondern die Kraft der Sonne und des Lichtes auch ungebrochen. Gottes Himmel bleibt offen für mich und für dich, für uns alle. Dafür steht Jesus Christus ein. Und damit wir das nicht vergessen, gibt es dieses himmlische Fest.
Es besteht also bei aller Not und allem Leid gar kein Grund zur Klage, sondern lediglich zum Jubel: den Himmel kann uns nichts und niemand mehr rauben.
Jesus lässt seine Freunde, also auch uns, nicht mittellos zurück, sondern bestens ausgestattet und ausgerüstet. Seinen Segen hat er auf sie gelegt.
Welche Kraft darin liegt, den Segen auf sich ruhen zu wissen, kann ich nicht erklären. Das muss ich spüren und sehen. Vielleicht in den Gesichtern der Konfirmanden am vergangenen Sonntag, denen der Segen für ihre Lebensreise zugesprochen wurde, in der Liebe der Eheleute, die besonders im Wonnemonat Mai nicht ohne Segen das gemeinsame Leben wagen wollen oder in der Freude der Kinder, die im Abendmahlskreis mit dem Kreuzeszeichen auf der Stirn gezeichnet, anvertraut und also gesegnet werden.
Der Segen ist ein Schutzraum, in den ich eintauche, ist ein Schatz, der mir Wege in das Leben ermöglicht, ist die Erfahrung getragen zu werden, wenn meine eigenen Füße versagen. Der Segen ist eine Kraft, die mich durchhalten lässt, wenn ich ausgebrannt bin und der Akku leer ist.
Das Wissen: „getragen von Gott und der Liebe anderer Menschen“ (Margot Käßmann) kann man Segen nennen. Und wenn ich mich umschaue, dann ahne ich, dass ich hier zu Hause bin inmitten einer Schar der Gesegneten des Herrn.
Im Evangelium wird das ganz konkret . Dabei deutet Lukas hier nur an, was er später als das Wesen, wir würden heute sagen das Profil, der jungen Gemeinde beschreibt. Sie erleben Gemeinschaft, besonders Gemeinschaft im Glauben. Die Einsamkeit der Trauer und die Zerrissenheit der enttäuschten Hoffnung haben sie endgültig hinter sich gelassen. Gemeinschaft ist eine der stärksten Segenskräfte. Aber es ist auch eine der schwierigsten Aufgaben, beieinander zu bleiben. So verschieden wie wir Menschen nun einmal sind, so vielfältig wie unsre Ansichten, Träume und Ziele im Leben sind, ist es manchmal ganz schwer, einander nicht aus den Augen zu verlieren oder einfach als Mensch, als Person stehen zu lassen. Dabei gibt es einen ganz einfachen Weg, wenn die Schritte der Menschen erst einmal umkehren und zurückkehren in den Alltag nicht nur in Jerusalem, sondern auch in Templin und Umgebung:
Lukas entdeckt die Freunde Jesu allezeit im Tempel und im Gotteslob und später trifft er sie täglich in den Häusern beim Gebet und Brotbrechen und er beobachtet, wie anziehend diese Form der gelebten Gemeinschaft ist. Und die jungen und alten Männer und Frauen, die seit gestern in Bremen Kirchentag feiern, werden wieder erzählen, dass sie sich genau diese Gemeinschaft auch zu Hause wünschen.
Sie lässt sich zwar nicht mitnehmen vom Berg der Verklärung, den wir Kirchentag nennen, aber wir könnten ja miteinander etwas davon an den Sonntagen in unseren Kirchen und in unseren Gottesdiensten erwarten, vielmehr noch einfordern: lebendige Gemeinschaft, geschwisterlicher Umgang miteinander.
Das hat alles ganz viel miteinander zu tun: Himmel und Freude, Lobgesang und Anbetung, Gemeinschaft und Segen.
Lob und Gesang verbindet, macht Gott groß in unserer Mitte, lässt den Himmel unter uns aufleuchten, weckt Freude und hilft Trauer und Angst zu überwinden. Das ist schon der Himmel auf Erden : nicht alleingelassen zu sein und einander zum Segen werden zu können.
Wie muss es dann aber erst in dem Himmel sein, zu dem Jesus Christus uns den Weg bereitet hat , der ihn aufgenommen hat und in den er uns ziehen will ?
Bis wir diesen Himmel endgültig sehen dahin heißt es allerdings auch für uns weiter: anbeten, mit großer Freude zurückkehren zu den Orten, von den wir gekommen sind, beieinander bleiben und Gott preisen.
Aber,liebe Gemeinde, das ist auch schon ganz schön viel Himmel. Amen

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