Bindungen machen stark

Liebe Gemeinde!

Zauberhafte Gaben

In Märchen und fantastischen Geschichten erhalten Helden gelegentlich ein besonderes Präsent. Ein Geschenk, das ihnen Macht, Schutz oder Glück bringen soll auf ihrem Weg.

Schlagen wir nach bei den Gebrüdern Grimm: Um der Lebenshärte trotzen zu können, bekommen des Schneiders Söhne einen „Goldesel“, den „Knüppel aus dem Sack“ und das „Tischlein deck dich“ nach abgeschlossenen Lehre als Geschenk.

Frodo Beutlin – hier sind jetzt die Tolkien-Fans gefragt – Protagonist im fantastischen Roman „Herr der Ringe“ trägt einen Ring, wodurch ihm übermenschliche Kräfte zuwachsen. Diese sind allerdings eher satanischer Qualität. Und last but least, Harry Potter, Jugendheld der gleichnamigen Romanreihe, erwirbt sich seine Kräfte sehr konservativ auf dem Ausbildungsweg. Ein herkömmlicher Zauberstab und ein Lehrbuch mit lateinisch zu rezitierenden Sprüchen verleihen ihm die notwendigen, übernatürlichen Kräfte.

Und was bekommen wir Christen?

Und was bekommen wir Christen als Geschenk mit auf den Weg durch´s Leben und die Epochen der Geschichte? Die Antwort verrate ich vorweg: Uns ist der Heilige Geist, der Tröster, wie Jesus ihn im Johannes-Evangelium nennt, gegeben. Der Geist der Wahrheit.

Aber wie verstehen wir diese Gabe? Darum soll es gehen. Der Hinweg dazu über die Märchen ist mit Bedacht gewählt. Er soll uns als Folie dienen, als Hintergrund, auf dem wir vielleicht ein wenig besser und schärfer erkennen, was mit dieser besonderen Gabe Jesu an uns gemeint ist.

Einige Fragen sollen uns durch die Predigt führen. Die erste Frage formulieren wir so: Sendet Jesus den Seinen im „Heiligen Geist“ eine Art „Superkraft“, der aus schlichten Menschen zungenrednerisch begabte Glaubenshelden macht, denen weder Gefängnis, Marter oder anderes Unbill Böses anhaben können? Menschen, die solange die Glaubenskraft in ihnen anhält, gesund, stark und unbezwingbar bleiben.

Die zweite Frage geht an Sie, liebe Gemeinde. Erwarten sie nun eine strikte Abgrenzung zwischen den zauberhaften Gaben der Märchen und der Gabe des Heiligen Geistes? Ach, wenn es doch so einfach wäre!

Eines sagen wir allerdings gleich am Anfang klar und ohne Schnörkel: Die Geistesgabe Jesu ist keine magische „Zusatzkraft“, also keine Art „Geheimantrieb“ der Christenheit. Und doch läßt sie sich nicht entmythologisieren, d.h. auf reine Vernunft reduzieren.

Bindungen geben uns Kraft

„Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir.“ Dieser Bibelvers klingt kompliziert und sagt doch etwas Einfaches und Wunderbares zugleich aus: Ich bleibe, so sagt Jesus, in Beziehung zu euch. Wir könnten auch sagen: Gottvater bleibt in Beziehung zu euch durch mich. Oder noch einmal anders: Der „Tröster“, der Heilige Geist „gibt Zeugnis“ von Jesus und seiner bleibenden Bindung an euch.
In Beziehung bleiben, Bindung haben. Das ist der Grundgedanke. Der Heilige Geist ist Ausdruck der Beziehung Gottes zu uns, seiner Bindung an uns. Und diese Bindung macht – sie kann uns stark machen.

Wir wissen doch darum, welche Kräfte uns zuwachsen, wenn uns Bindungen lebenswichtig sind und wir wissen darum, wie uns mit Liebe gefüllte Bindngen stark machen. Das weiß jede Mutter, die um das Wohlergehen ihrer Kinder kämpft. Ich weiß nicht, ob sie den Begriff „Löwenmutter“ kennen. Damit sind Mütter gemeint, die mit aller Kraft für ihre Kinder kämpfen. Bindungen, wenn sie uns denn im Herzen verwurzelt sind, machen uns stark. Es gäbe viele Beispiele dafür, wie uns aus Bindungen Kraft zuzwächst. Im Augenblick der Not spürt man das nicht immer. Dreht man sich im Leben um, heißt es nicht selten nach harten Zeiten: „Ich weiß gar nicht, woher ich die Kraft hatte, dass alles durchzustehen.“

Eines der christlichen Symbole für diese zufliegenden Kräfte ist die Taube als Zeichen des Heiligen Geistes.

Stellen wir eine nächste Frage: Warum verwendet Jesus der Begriff „Tröster“? Ich gebe dazu eine eher philosophisch anmutende Antwort. Derjenige, der tröstet, zeigt einen Weg in die Zukunft. „Es wird schon wieder“, ist das zwar oftmals zögerlich zugesprochene Grundwort des Trostes. Im Trost eröffnet sich Zukunft. Der Tröster sagt: Du bist nicht am Ende. Du bist nicht verloren. Der Tröster verspricht: Ich bin bei dir. Ich helfe dir wieder auf die Beine. Der Tröster sagt: Ich sehe deine Not. Ich sehe aber auch den Weg in die Zukunft. Oder bescheidenen formuliert: Mit dir zusammen suche ich das Tor, dass dir den Morgen, das Leben und die Freude wieder auftut. Heiliger Geist ist der uns von Gott zugesprochene Trost, der Glaube an die Zukunft. Glaube an die Zukunft in dunklen Tagen und Stunden.

Und nun fassen wir beide Gedanken zusammen: Die Bindung an Gott, die Jesus uns erworben, die Jesus uns geschenkt hat, läßt uns Kraft zuzwachsen und hält in unserem Herzen den Glauben an die Zukunft wach.

Hätten wir viel Zeit, dann könnten wir unsere Geschichte, die Geschichte unserer Kirche, die Geschichte der Christenheit durchwandern. Überall würden wir auf Menschen treffen, denen aus der Bindung in Gott Kraft zugewachsen ist. Wir könnten bei den frühen Märtyrern beginnen, könnten Franziskus von Assisi erwähnen, könnten Luthers Namen nennen und auch an Martin Luther King denken. Könnten uns erinnern an die Zeit der Kirche im Dritten Reich. Ausführlicher möchte ich es nicht tun, denn sonst entstünde ungewollt der Eindruck, der Heilige Geist sei eine Gabe an nur wenige, herausragende Personen.

Die Geschichtsbücher haben meist keine Zeile übrig für das „Fußvolk“. Doch unsere Kirche gäbe es nicht, hätten wir nicht all die unzähligen Männer und Frauen, die – selbst in Gott gebunden – diese Bindung an ihre Kinder weitergegeben haben. Zeichen dieser Bindung ist die Taufe.

Bindungen geben unserem Leben Gestalt

Bindungen geben unserem Leben Gestalt. Unter dieser Überschrift steht das letzte Kapitel dieser Predigt.
Bleiben wir bei den guten Gedanken. Der Blick auf die Ehe als Beispiel verdeutlicht, worum es geht. Eheleute schenken sich einen Ring am Anfang ihrer Ehe. Diese Ringe sind meist sehr wertvoll deswegen, weil sie etwas noch viel größeres bedeuten. In der Ehe schenken wir einander das Leben, binden uns im gegenseitigen Treueversprechen.

Aus dem Treuversprechen am Anfang der Ehe fließt eine Gestaltung in die Zweisamkeit. Diese Gestalt heißt: Treue, Vergebung, Fürsorge. Lassen wir es uns von der Bibel sagen, zu welcher Lebensgestalt uns Jesus bringen will.

Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue. (Gal 5,22). Freilich, das sind Schlagworte. Füllen wir sie ein bischen mit Leben.
Aus meiner Bindung in Gott erwächst in mir die Kraft, dem, der es bedarf, den Tisch zu decken. Aus der gleichen Bindung erfahre ich den Willen, mein Leben so zu gestalten, dass ich dem, der nichts hat, gebe aus meinem Überfluß.

So nebenbei bemerken wir, dass Märchen durchaus christliche Tugenden erzählerisch darbieten.

Die Bindung in Gott – auch das sollten wir nicht verschweigen – macht auch kämperisch. Läßt in uns Zorn groß werden auf die, wie Jesus sagt, „weder mich noch meinem Vater kennen.“

Sicherlich, auch das muß gesagt werden: Der schlichte Gedanke, dass uns aus Bindungen Kraft zuwächst, ist für sich genommen nicht christlich. In unseren Tagen wissen wir zur Genüge um Menschen, die aus fatalen Bindungen heraus Zerstörung, Mord und Terror bewirken. Die Bibelkunidgen unter ihnen kennen die zahlreichen Mahnungen, die Geister zu unterscheiden und zu prüfen. Das ist auch in der Kirche notwendig. Denn leider ist es nicht so, dass „Heiliger Geist“ sofort und klar zu erkennen ist.
Also brauchen wir doch noch einen Moment Geduld, über die Formulierung „Geist der Wahrheit“ nachzudenken. In Jesus ist Wahrheit das, was dem Leben dient und das, was dem Leben in Verrantwortung vor Gott gute Gestalt gibt. Hören sie da bitte nichts Engherziges, keine Heiligsprechung bigottischer Kleinbürgerlichkeit heraus.

Die „Früchte des Geistes“ sind auf Frieden aus, nicht auf Zerstörung.

Das elend lange Epos von Tolkien beschreibt ja ausführlich, was geschehen kann, wenn man sich mit einem Ring an die Kräfte des Todes und der brutalen Macht gebunden hat. Wir wissen, wie sehr Menschen auch danach gieren können.

Und der Blick auf den eingangs erwähnten Harry Potter zeigt, wie wichtig es ist, aus welchen Büchern wir unsere Sprache lernen und mit welchen Kräften wir uns verbünden.

Der „Geist der Wahrheit“ ist die Bindung, die uns ins Leben führt. Nicht in die Macht. Und nicht in den Zorn.

Der Tröster, so heißt es an anderer Stelle, wird uns die Augen auftun „über Sünde, Gerechtigkeit und Gericht“. Aus der Bindung in Gott schauen wir leidvoll auf das, was in dieser bindunslosen Welt geschieht. Sehen, wie respektlos man den heiligen Sonntag traktiert. Sehen, wie gierig sich Menschen an Reichtumm verkaufen.

Was wir dagegen tun können? Nein, Zaubersprüche hat uns Jesus nicht überliefert. Der Heilige Gesit macht uns nicht zu Herren dieser Erde, die alles und jedes und vor allem sich selbst in der Hand haben.

Die Gabe des Trösters ist eine „zauberhafte Gabe“, ein Geschenk des Lebens, Bindung in Gott. Ihm gilt es die Treue zu halten in den guten und den bösen Tagen bis dass der Tod uns in ihm das Ziel eröffnet.

Amen

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