Wo nehmen wir den Stern her?

Wo nehmen wir den Stern her? Diese Frage eines zeitgenössischen Weihnachtsliedes,

liebe Gemeinde,

hätte heute Nacht die Frage der drei Weisen sein können, plötzlich hatte der Himmel über Gaza so anders ausgesehen. Je näher sie kamen, desto verwirrender. Beängstigendes Krachen und Explodieren hörten sie anstelle der andächtigen Stille vor nächtlichem Stern. Ja, der Stern war nicht mehr zu erkennen, dafür vor jedem Krachen viele Leuchtgebilde mit langem Lichtschweif. Palästina in Flammen. So hatten sie sich die Begegnung mit dem Friedensherrscher nicht vorgestellt.
Wo nehmen wir den richtigen Stern her?

Auch wir kommen immer wieder durcheinander zwischen der Botschaft unseres Glaubens und er Realität des Lebens.
„Wo nehmen wir den Stern her?“ könnte daher unsere Frage sein, wenn wir die altvertraute Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland hören, die man später zu Königen gemacht hat.
Wo nehmen wir den Stern her, einen Stern der uns leitet, einen Stern, der uns aus dem Alltäglichen herausreißt, einen Stern, der uns Orientierung, Halt, Vision gibt, einen Stern, der Aufbrechen lässt zu neuen Ufern, einen Stern, der uns das Wesentliche finden lässt, als Licht auf dem Wege? Wo nehmen wir den Stern her?
……….
Über unserem Ort, in der Laterne unseres Kirchturms hängt ein besonderer Weihnachtsstern. Ich habe ihn die ganzen Tage immer wieder anschauen müssen. Er ist mir zum Symbol geworden. Es ist ein Stern ohne Kometenschweif, kunstvoll gefertigt von Menschenhand, ein Herrenhuter Stern, aufgehängt am höchstmöglichen Punkt im Turm. Wir können eben keine Sterne an den Himmel heften und schon gar keine Sterne vom Himmel holen. Wir müssen sie befestigen, festmachen:
Menschliche Sterne also,
Menschen als Sterne.
Menschen, die uns zu Jesus führen.

Da haben wir doch schon eine Antwort auf unsere Frage, wo den Stern hernehmen?
An viele Menschen in unserer Lebensgeschichte können wir denken, von denen uns bewusst ist, dass sie uns geprägt haben im Glauben, uns ein Leitstern waren. Großeltern vielleicht, Eltern, Lehrer, Pfarrer, andere. Manche haben uns positiv geführt, manche haben uns geprägt und vorwärtsgebracht, indem wir uns von ihnen abwandten. Sterne auf dem Weg zum Glauben.

Und dann gibt es herausragende Persönlichkeiten, die Leitstern für eine ganze Generation waren. Für meine Generation waren das: Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King. Oder heute: Mutter Theresa, unumstritten war sie ein Stern, der zum Glauben aufrief und zur Liebe, in ihrer bescheidenen Hingabe.
Menschliche Sterne, die heute zu Christus führen. Wohlgemerkt, sie sind nicht das Ziel, sie führen zum Ziel, wie einst der Stern von Bethlehem. Damals wie heute findet der Weg sein Ziel, wenn Menschen an der Krippe knien.

Aber ich denke nicht nur an die großen Namen. Zu denken ist auch an die Menschen, die uns zum Leitstern werden,
einfach, weil sie uns begegnen,
einfach, weil sie da sind,
einfach weil sie uns brauchen.
Menschen, wir also auch, werden dadurch heute noch zu "Weisen", zu klugen Leuten, die wissen, wo das Wesentlichste im Leben zu finden ist.

Es gibt eine Geschichte von einem vierten König. Er hieß Nicanaor. In der Bibel wird von ihm nicht berichtet, lediglich Legenden ranken sich um ihn. Er hat den Anschluss an die drei anderen verpasst, weil ihm dauernd was dazwischen kommt. Am Ende kniet auch er – nicht vor der Krippe, aber vor dem Kreuz. Mit dreißig Jahren Verspätung.
Die Menschen, die Nicanor begegneten, seine Leitsterne, zunächst als lästige Verzögerer zu sehen, die ihn aufhalten und den Anschluss verpassen lassen, einfach, weil sie ihn gebraucht haben und er sich gebrauchen ließ, und sich nicht entzog. Sie waren wirklich Leitsterne. Sie haben ihn konsequent auf den Weg Jesu gebracht. Es ist rührend, zu verfolgen, wie sein Weg eigentlich als der Weg Jesu selbst beschrieben wird.

Da müssen wir natürlich besonders hinschauen, oft sehen wir diese Bedeutung anderer Menschen als Stern für uns nicht, zum Beispiel, wenn wir einen sogenannten Penner vor uns haben, oder jemand, der uns um Beistand bittet, um ein Wort, um unsere Zeit, um unsere Hand. Lassen wir uns erinnern, dass Jesus sogar noch weiterging, wenn er uns die "Geringsten seiner Brüder" vorstellte. Er sagte sogar, dass sie mehr sind als Leitsterne, nämlich: "ICH begegne euch in ihnen".

Wo nehmen wir den Stern her? Sterne gibt es genug, menschliche Sterne halt. Aber was kann ein Stern für einen besseren Dienst leisten, als "Licht auf dem Weg" zu Christus zu sein, wie der Stern von Bethlehem.

Eindeutig und zusammengebündelt wird das alles im göttlichen Wort der Bibel. Die Worte der Schrift leisten uns auch den Sternendienst. Leitend auf dem Weg, sagen sie uns, wo es langgeht. Auch sie wollen wie ein Stern vor uns hergehen. Nur ziehen sie oft unbeachtet ihre Kreise, wie die richtigen Planeten. An einem schönen klaren Abend schaut man schon einmal hinauf, erkennt den großen Wagen, mit Chance auch den Polarstern, oder den Orion. Die Sterne ziehen sonst unbeachtet, die Welt geht ihren Weg, auch ein Komet rüttelt nur auf, wenn er der Erde zu nahe zu kommen droht. So geht es oft mit den Worten Gottes auch.

Die Menschen von Bethlehem verpennen alles, die eigentümliche Konjunktion eines besonderen Himmelskörpers, die Weissagungen der Schrift, die Barmherzigkeit, Herberge zu geben. Sie verpennen alles. Nähe zum Geschehen hilft nicht automatisch zu größerem Durchblick.

Man muss schon hinschauen lernen auf die Leitsterne, die uns geboten sind, und hinhören, als besondere Form des inneren Sehens, hinhören, was ihnen von diesem Kinde gesagt war .

Gottesworte sind wie Sterne auf dem Lebensweg, die ihre Leuchtkraft nie verlieren, in keiner Lebenssituation.

Wenn ich zu diesem Altar schaue, an dem ich konfirmiert wurde, denke ich an den mir zugesprochenen Konfirmationsspruch aus dem Johannesevangelium:
Christus spricht: ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben…..
Wie dieses Wort sprach in mein jugendliches Ungestüm,
wie es sprach in der Unsicherheit von Entscheidungen,
wie es sprach angesichts des Todes,
wie es Neuanfang versprach, angesichts von Verlust und Enttäuschung,
wie es Mut machte, nach einem Versagen,
wie es Wege öffnete und andere verschloss.

Oft habe ich seine Sprache erst im Nachhinein bemerkt. Aber es hat mich in die richtige Richtung gezogen. Leitstern zu Christus.
Jedes Wort der Schrift, jeder Gottesdienst lässt uns sagen: Wir haben seinen Stern gesehen.

Gehen und schauen müssen wir selbst. Das kann uns keiner abnehmen. Es soll uns schon ein wenig Warnung sein, was uns als Motiv der Geschichte von den Weisen begegnet, aber ebenso aus der Geschichte mit den Hirten. Die meisten haben den Stern übersehen. Für die stellte sich die Frage, wo nehmen wir den Stern her? gar nicht. Wenn da nicht die kleine Schar der armseligen Hirten gewesen wäre und die Weisen von fernher. Eher huldigen die Fremden von fernher und die Unbedeutenden, Namenlosen dem HERRN, als sein Volk.
So ist es ja auch geblieben.

Aber wir sind dabei. Heute haben wir seinen Stern gesehen und gehen ihm neu nach. Und vielleicht sind wir auch bereit, auf einem anderen Weg heimzugehen, weil es gilt, sich neu zu ordnen, geprägt von dem göttlichen Kind und seiner Botschaft. Auf einem anderen Weg nachzudenken und die Worte im Herzen zu bewegen. Damit die anheimelnden Bilder von Krippe, Hirten und Königen und Stern nicht nur in den alljährlichen Weihnachtsschrein gestellt werden, sondern die Figuren zu Menschen aus Fleisch und Blut werden, die uns begegnen im stinknormalen Alltag und wir mittendrin und wir uns gegenseitig erinnern an den HERRN, der Weg und Wahrheit und Leben ist.

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