Sieg der Liebe

Es gibt Momente, da ruhe ich in mir selbst. Alles ist klar. Ich bin mit mir selbst und der Welt im Einklang. Es gibt aber auch die anderen Momente. Die Momente in denen ich aggressiv oder Traurig bin, wütend oder deprimiert.

Das hat manchmal kleine Ursachen, manchmal auch schwerere. Egal ob ich mich aufrege, weil ein Stuhl wackelt oder betroffen bin, weil eine Mutter hadert über den Tod ihres 40-jährigen Sohnes. Das ist ja eigentümlich, dass derart unterschiedliche Dinge doch ähnliche Reaktionen bei mir hervorrufen: Wut, Ärger, Depression.

Und was ich dann auch oft feststelle: Die Reaktion einfach still zu werden, zu beten und dann zu handeln, findet oft nicht statt. Ich könnte wüten, um mich schlagen, oder meine Gefühle in mich hineinfressen. Aber darüber zu reden – mit Gott und mit Menschen, das dauert eine ganze Weile.

Vielleicht auch deswegen gibt es diesen Sonntag Rogate, der mich erinnert, dass ich zu jeder Zeit mit Gott reden kann – und mit den Menschen, die er mir schenkt. Daran will Jesus mich auch erinnern in einer Rede, die Johannes überliefert hat in seiner etwas komplizierten Sprache.

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Gerade im Johannesevangelium steht der Verlust des Tempels immer im Hintergrund. Nicht als wirklicher Verlust, sondern als Wandel. Johannes hat sein Evangelium vermutlich um das Jahr 100 herum geschrieben. Er hat Quellen zusammengetragen, gesichtet und sortiert. Für ihn war Jesus eine alte Geschichte, die sich verwob mit dem, was nach Karfreitag Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten geschehen ist. Aber da war Einiges passiert. Der Tempel war zerstört, der jüdische Glaube seines Heiligtums beraubt und Feindschaft war entstanden zwischen Juden und Christen, zwischen Kirche und Synagoge.

Der Verlust des Tempel war kein direkter Schade für Johannes. Er hat auch die positive Chance gesehen: Unsere Gottesbeziehung ist in Jesus direkt geworden. Der christliche Glaube konnte darum auf die Bindung an den Tempel verzichten, musste aber auch deutlich erkennen, dass die Bindung an Jesus Christus genauso gefährdet ist wie dieser Tempel, von dessen Zerstörung noch Ruinen bis heute zeugen. Die Klagemauer ist weltweit bekannter Ort des Gebets, geradezu Stein gewordenes Zeugnis des Sonntags Rogate.

Darum hat der Evangelist Johannes aus seinen Quellen diese Abschiedsreden Jesu zusammengestellt, weil er ganz konzentriert uns – seiner Gemeinde – mitteilen wollte, was wesentlich ist: Durch Jesus haben wir direkten Zugang zum Vater. Wir sind seit Himmelfahrt erwachsene Christinnen und Christen, wir brauchen keine Bilder mehr und keine Priester mehr, die uns Gott zugänglich machen. In Jesus Christus hat Gott sich uns offenbart. Von seinem Leben her können wir unser Leben neu spüren.

Darum erzählt Johannes auch weniger von den Wundern Jesu und mehr von der Art und Weise, wie er Menschen angesprochen hat, wie er sich Menschen zugewendet hat, wie er sie getröstet hat und ihnen Tröstung versprochen hat.

Freude, Friede, Angst sind zentrale Begriffe diesen Textes und seiner Botschaft. Es lohnt sich unseren Abschnitt vom letzten Vers her zu verstehen: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Die Welt ist von Gott geliebte Welt, auch dort, wo sie kaputt ist, auch dort wo sie Angst einflößt, auch dort wo wir meinen das Ende dieser Welt sei herbeigekommen.

Das lässt sich besser verstehen, wenn man die Ängste der Gemeinde kennt, für die Johannes sein Evangelium schreibt. Das sind Menschen, die die ersten Christenverfolgung schon erlebt haben oder gerade erleben. Das sind Menschen, die damit leben müssen, dass ihr Glaube auch Bedrohung mit sich bringt. Zu ihnen redet Jesus, wenn er ihnen Angst prophezeit.

Angst gehört zum Leben des Menschen und zum Leben der Gemeinde, weil Glaube immer etwas Zerbrechliches ist und bedroht bleibt. Der von außen und innen bedrohten Gemeinde wird das Kommen Christi zugesagt. Jesus verlässt die Schwestern und Brüder an Himmelfahrt – aber er lässt sie nicht im Stich, er sendet ihnen Trost und Hilfe. Er schickt seinen Frieden.

Und er schenkt uns zum Beten seine Namen und sein Gebet. Er soll das Gespräch mit dem Vater erleichtern, weil wir in Jesus den Vater kennen.

‚Habe Mut, ich habe die Welt überwunden’, spricht Jesus mir zu: Ich muss mich nicht mehr als Weltüberwinder aufspielen. Ich darf damit leben, dass ich das Meiste nicht im Griff habe und darf meine Rolle in meinem Leben suchen und finden. Ich darf darum beten, dass mich der Herr Jesus Christus dabei unterstützt, weil er das Leben neu erfunden hat, die Welt überwunden hat.

Es geht ums Beten und es geht um Jesu Verheißung: Nicht auf seine Fürsprache beim Vater sind wir angewiesen, sondern der Vater liebt uns und will uns helfen. Wir werden erleben müssen, dass uns das Leben ans Leder geht: Zerstreuung, Zerstörung von Gemeinde und Glauben, Angst in der Welt und vor der Welt. Gerade dann will der Glaube helfen, der nicht die Weltflucht verkündet, sondern die Überwindung, die schon geschehen ist, den Sieg der Liebe.

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