Mit Kindern und anderen Heiligen Vertrauen wagen

An der Hand seines Vaters ist er mit nach vorne in den Altarraum gekommen und nun steht er staunend und hellwach im Kreis all derer, die Abendmahl feiern. Er versteht zwar noch nicht genau, was das heißt „mein Leib, mein Blut“, aber er spürt, dass es um etwas ganz besonderes geht, um etwas Heiliges, Ergreifendes. Und als auch er Brot und Wein bekommt, mitten in dieser Runde, da ist sein Herz ganz erfüllt und sein Gesicht strahlt. Ich werde dieses Anblick nicht vergessen.

„Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.“

Es ist eine große Kinderschar geworden, die sich um den Taufstein herum versammelt hat. Neugierig schauen sie auf die Eltern und den Täufling im Arm, so wie vorhin, als Ramon getauft wurde. Einer taucht einmal kurz die Hand ins Taufwasser. Vielleicht will er wissen, ob das Wasser kalt oder warm ist. Schnell zieht er sie aber zurück; als der Täufling getauft wird, und das Wasser über den Kopf gegossen wird, da sind alle ganz still. Das ist nicht irgendein Wasser. Das ist Taufwasser, Wasser des Lebens und der Vergebung. Das ist Wasser von Gott geschenkt. Das ist Leben von Gott geschenkt und bejaht.

„Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.“

Manche Dinge muss ich nicht erklären und kann ich nicht erklären, manche Dinge muss ich erleben. Kinder sind uns da um einiges voraus. Sie machen vieles einfach. Sie glauben vieles einfach. Sie vertrauen auf das, was ihnen angeboten, erzählt und vorgelebt wird. Wären wir stille, unsichtbare Beobachter in der Christenlehre bei Kerstin Blümel oder auf einer wunderbar wilden und doch auch ernsthaften Rüstzeit mit Morgen- und Abendgebet, dann würden wir staunen über soviel Glauben und Vertrauen.

„Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.“

Aber wir sind ja groß geworden, haben zu Fragen gelernt, zu hinterfragen, wie wir meinen. Das ist ja auch gut so. Ich kann und mag nicht blind vertrauen. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser. Das lehrt uns das Leben. Und wie schnell selbst berechtigte Hoffnungen und realistische Erwartungen enttäuscht werden können, wissen wir alle nur zu gut. Das ist mit dem Glauben nicht anders. Das kindliche Vertrauen erwartet von Gott alles. Ein Kind fragt: wird Gott nass, wenn es regnet. Ein Erwachsener weiß, dass er für vieles selber verantwortlich ist: für den Erfolg in der Schule muss ich lernen, für den Erfolg im Beruf muss ich flexibel sein. Und für den Lebensstandard im Alter muss ich vorsorgen.

Und Gott?

Ja, ich möchte ihn gerne verstehen. Ich möchte begreifen, warum vieles in der Welt so und nicht anders ist. Warum wehrt er nicht den Kriegen, und dem heillosen Treiben der Menschen, die eben nicht für Frieden und Gerechtigkeit, Freiheit und Wohlstand für alle sorgen können, sondern die Welt immer tiefer in den Abgrund reißen? Warum sterben die einen jung, obwohl das ganze Leben noch so hoffnungsvoll vor ihnen lag, und die anderen, alt und lebenssatt, möchten und können nicht gehen?

Gott bleibt uns ein Geheimnis, dem wir uns annähern können, in das wir aber nicht eindringen. Um nicht missverstanden zu werden : mir liegt viel an einem intellektuell redlichem, verantwortlichem Glauben. Denn diese Fragen aus dem Leben werden uns ja gestellt, hartnäckig, beinahe penetrant und das zu recht! Und Glaube ist eben nicht weltfremd, wie uns Christen ja schnell einmal, von denen , die nicht glauben können oder glauben wollen, unterstellt wird. Der Glaube sucht das Verstehen. Aber alles Erklären, alles Ergründen darf nicht zu einem Spekulieren und Philosophieren über etwas Abstraktes, Unwirkliches, Theoretisches verkommen. Wenn ich mir zu viel den Kopf über Gott zerbreche, verliere ich ihn. Je mehr ich von Gott erhoffe und erbitte, je mehr Vertrauen ich investiere, desto näher kommt er mir.

Das Kind an der Hand des Vaters beim Abendmahl hat sich Gott einfach schenken lassen, die Kinder am Taufstein haben das Leben einfach angefasst. Und der Glaube lässt sich einfach in Gottes Hände fallen. Das können wir von den Kindern lernen. Gott will erfahren werden. Gott will mir begegnen und dann erschließt sich mir wie von allein, was wichtig und was richtig ist – im Leben und im Glauben.

Vielleicht ergeht es ihnen ja heute so ähnlich wie dieser Frau: Sie hatte in der Zeitung gelesen, dass im Gottesdienst ein Gospelchor singt. Fröhliche und mitreißende, Menschen in Bewegung setzende Musik verspricht das. Eigentlich ist ihr der Gottesdienst fremd, und eigentlich hat sie ganz andere Sorgen, weil es in der Familie nicht stimmt, weil der Arbeitsplatz bedroht ist und das Geld vorn und hinten nicht reicht. Aber sie will für einen Augenblick mal all das vergessen und der Seele ein paar Streicheleinheiten gönnen, Freude und Optimismus tanken für die nächste Zeit. Und deshalb ist sie in die Kirche gekommen, ohne sich vorher groß Gedanken über Gott und die Welt gemacht zu haben. Sie hört genau zu, wie da von Vertrauen die Rede ist und das von Gott vieles erwartet werden kann, sie hört von den kritischen Fragen, ob nicht der Alltag der Welt gegen Gott spricht, aber all das wird ganz klein neben der Musik, die sie hört. Die Lieder, die alten und die neuen bringen in ihr etwas zu klingen, sie summt mit, sie singt mit und ihre Sorgen verblassen zumindest für diesen Augenblick. Wie tut das gut! Sie fühlt sich erleichtert.

„Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“

Das kann ich nicht erklären, aber erfahren. Hier ist ein Ort, hier ist ein Mensch, bei dem kann ich ausharren, verweilen. Da kann ich erzählen, was in meinem Herzen noch so wild durcheinander geht. Da kann ich meine Gedanken sortieren und Klarheit gewinnen. Da darf ich mit einstimmen in die Lieder, mir Wahrheiten ausborgen, die ich noch nicht bewiesen, die sich aber im Leben anderer längst bewährt haben. Da kann ich mich auf den Weg machen und meine Lasten tragen, weil einer nicht nur seine Lasten trägt, sondern meine mitträgt. Da kann ich auch mal etwas liegen lassen und zurücklassen, vergessen.

Die Ruhe meiner Seele ist das größte Geschenk und der größte Gottesbeweis.

Ja: niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem der Sohn es offenbaren will.

In der Ruhe meiner Seele öffnet sich mir ein Blick in Gottes Herz, erklingt ein neues Lied, weil er Wunder tut, wächst mir Kraft zu für die nächsten Herausforderungen und unvermeidlichen Krisen meines Lebens und wird mein Vertrauen nicht enttäuscht. Ich glaube, also bin ich Mensch mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Ich vertraue, also finde ich Ruhe und Gelassenheit. Ich singe, also lebe ich mit allen Sinnen und allem Verstand. Heute, hier und jetzt, so wie ich bin.

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