Krise und Hoffnung – Abschiede und Beten

Liebe Mitchristen,

Die Zeit in der Jesus bei seinen Jüngern ist neigt sich dem Ende zu. Am kommenden Donnerstag feiern wir Christi Himmelfahrt, eine Woche darauf Pfingsten. Jesus wird nicht mehr da sein. Abschiede müssen gestaltet werden. Aber Abschiede sind natürlich immer auch mit Wehmut verbunden. Das ist so, wenn wir einen lieben Menschen verlieren und das ist so, wenn wir andere Abschiede halten, einen Ort verlassen müssen, eine jahrzehntelange Gewohnheit aufgeben müssen und vieles mehr. Jesus schlägt uns einen Umgang mit solchen Abschieden vor. Hören wir noch einmal auf das Evangelium, das wir vorhin schon einmal gehört haben, es schadet nicht diesen Text zweimal aufmerksam zu hören.

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Liebe Gemeinde, ist das die Lösung? Ist das die Lösung, die uns Jesus anbietet, einfach so mit dem Vater zu reden? Rogate! Betet!

„Not lehrt beten!“ heißt es. Ich weiß, dass dies stimmt. Persönliche Not bei Krankheit, beim Verlust eines Menschen. Sie lehrt uns neu zu besinnen. Sie lehrt die Kontaktaufnahme mit Gott. Das ist meine Lebenserfahrung. Ich vermute durchaus auch ihre.

An wen sollten sich denn die Jünger auch wenden, wenn Jesus sagt, dass er bald nicht mehr da sein wird? An wen soll man sich wenden? Zum alten Tempelkult wollten oder konnten sie nicht mehr zurückkehren. Mit Gott unmittelbar sollen sie sprechen, ihn nicht gnädig stimmen durch Opfer. Jesus hatte durch die Tempelaustreibung klar gemacht, dass er das so ja nicht mehr wollte. Unmittelbar soll die Beziehung zu Gott sein und dennoch, der Abschied von Jesus fällt schwer.

Abschiede fallen schwer.

Liebe Mitchristen, von vielen Dingen werden wir uns wohl verabschieden müssen in den nächsten Jahren. Der Wohlstand der 60er, 70er und 80er Jahre wird zu Ende gehen. Der Schuldenstand unserer Regierung beläuft sich demnächst auf 2 Billionen Euro. Jeder weiß, dass solche Schulden nicht mehr zurückzuzahlen sind. Es sind Schulden, die nachfolgende Generationen belasten werden in einem noch nicht absehbaren Maß. Wir werden Abschiede nehmen müssen von manchem. Viele müssen schon Abschied nehmen, von ihrem sicheren Arbeitsplatz zum Beispiel. Von dem Wissen, oder der festen Ahnung, die vor 20 Jahren noch geherrscht hat, dass man seine Arbeit wird tun können bis zur Verrentung. Das hat sich geändert. Die flexiblen kommen durch die Krise, die anderen landen in Hartz IV? Kann man es sich so einfach machen?

Abschied werden wir nehmen müssen von manchem liebgewordenen Wohlstand, der jährlichen Urlaubsreise, dem großen Fest zu einem familiären Anlass vielleicht.

Ob ich zu schwarz male. Eine Landrätin sagte einmal zu mir: „Ein Pfarrer muss das Positive sagen.“ „Ja, aber er darf auch nicht das Blaue vom Himmel herunter lügen“, meine ich.

Ist das nun die Lösung, was Jesus vorschlägt? Direkt mit Gott darüber sprechen? Viele werden sagen: In unserer Krise, wo war denn da Gott? Mir hat er nicht geholfen! Und tatsächlich wird dann Kirche mit Gott gleichgesetzt und ich ärgere mich auch über Gottesdienste anlässlich von Werksschließungen und frage mich, wo war die Kirche denn vorher? Warum hat niemand in diesem Werk nach den Kirchenleuten gefragt. Warum wurde christliche Ethik nicht gelebt. Hinterher zu klagen ist dann einfach.

Vielleicht, wenden Sie ein, dass unsere Situation ja doch ein wenig anders ist als die der Jünger damals. Natürlich ist sie das, eine Abschiedssituation ist sie dennoch.

In solchen Situationen benötigen wir Hoffnung, eine begründete Hoffnung. Wir brauchen keine Vertröstung, kein: „es wird auch wieder besser!“ Wir brauchen eher so etwas wie einen doppelten Boden. Eine Situation in der wir wissen, man kann nicht tiefer fallen, man wird irgendwie aufgefangen.

Bei vielen von uns ist das die Familie. Es sind Menschen, die da sind und einem helfen, ganz egal wie schlecht es einem geht. In vielen Familien bei uns im Ort funktioniert dies noch.

„Auf alle Fälle führt die Hoffnung weiter als die Furcht.“ sagte Ernst Jünger (1895-1998), dt. Schriftsteller. Es leuchtet uns ein. Zu hoffen ist allemal besser als zu verzweifeln.

Und in 1. Korinther 13,13 heißt es: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen

Hoffnung, Glaube und Liebe gehören doch zusammen. Die kann man nicht trennen! Paulus hat das gewusst. Und, so hoffe ich jedenfalls, auch der Glaube kann da helfen. Der Glaube bringt kein Geld und keinen Arbeitsplatz, das weiß ich auch. Aber er bringt Hoffnung und Liebe mit sicher. Genauso wie die Liebe Glaube und Hoffnung mit sich zieht. Es hängt alles zusammen. Wir Menschen sind mehr als nur einlinig gebaut, wir sind komplex. Und deshalb benötigen wir neben dem, was wir zum Leben brauchen auch diese drei, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Es hängt alles zusammen. Wir hängen alle zusammen. Wenn wir dem Bild vom Leib und den Gliedern glauben schenken, dann wissen wir, dass jedes Glied am Leib mitleidet, wenn es einem schlecht geht. In Abschieds- und Krisenzeiten muss sich dieses Bild bewähren, wenn es stimmt. Wenn wir als Christen nicht zusammenstehen, dann stimmt dieses Bild nicht und dann hat unser Glaube keine Alltagstauglichkeit. Dann müssten wir uns auch von ihm verabschieden.

Eigentlich, liebe Gemeinde, war unser Ausgangspunkt ja das „Betet“! Nun weiß ich natürlich auch, dass viele Menschen das Beten verlernt haben, vielleicht nie gelernt haben. Und wie soll man etwas anwenden, wenn man es nicht kann? Zu beten bedeutet nämlich auch weitaus mehr als nur da zu sitzen und sich zu versenken. Wir halten das Fürbittgebet im Gottesdienst, das unsere Blicke auf uns selbst und auf unsere Mitmenschen, auf die Situation der Welt lenkt. Wir beten das Vater Unser als Basisgebet unseres Glaubens. Es beinhaltet alles Wichtige. Wir beten zu Tisch, weil wir wissen, dass wir nicht alles nur unserer menschlichen Arbeit verdanken, sondern auch der Güte Gottes. Beten lehrt uns von uns selbst weg zu schauen, auch ein bisschen Abschied zu nehmen von unseren eigenen Vorstellungen. Beten lehrt uns auf uns, den nächsten und Gott schauen. Deshalb war es Leuten wie Benedikt von Nursia wichtig zu beten und zu arbeiten. Es muss etwas passieren mit dem Gebet. Gebet muss eben auch gelebt werden. So könnte es gehen.

Liebe Mitchristen, in all dem was wir erleben, in unserem komplizierten Leben in einer unglaublich komplizierten Welt lernen wir Werte wieder zu schätzen. Glaube, Liebe und Hoffnung sind biblische Impulse hier richtig zu handeln. Was dem Glauben, der Liebe und der Hoffnung zuwider handelt ist nicht gut.

Und das Beten steht ganz in dieser Linie. Beten lehrt uns hören auf Gott und handeln vor Ort und in der Welt. Wenn wir das beherzigen wachsen wir zu einer Gemeinschaft zusammen, die eine Gemeinschaft in der Gegenwart Gottes ist. Abschiede kann diese Gemeinschaft nicht vermeiden, aber sie kann sie tragen helfen.

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