Gnade dem Gott

Liebe Pfingstgemeinde,

gestern haben wir den Geburtstag der Kirche gefeiert. Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes kamen Menschen aus allen Völkern zusammen und bildeten die erste christliche Gemeinde. Heute geht es in unserem Predigttext um die Grundlage der christlichen Gemeinde: was ist ihr Fundament? Was braucht sie, um im Sinne Christi leben zu können? Ich lese dazu Mt 16,13-19:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, „Du bist Petrus, zu deutsch, der Fels, auf den ich meine Kirche bauen will. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Das, liebe Gemeinde, ist DER Text, dessen Auslegung bis heute Evangelische und Katholische Kirche trennt – zumindest was die katholische Amtskirche betrifft. Denn sie sagt: Die Päpste sind die Nachfolger Petri, was Jesus hier dem Petrus sagt, gilt den Päpsten und nur ihnen. Binden und lösen, Sünden behalten und vergeben, den Himmel öffnen oder verschließen liege nur in ihrer Hand und in der Hand derer, die sie dazu beauftragen. Wem nicht durch den Papst selbst oder durch von ihm Beauftragte das Schlüsselamt aufgetragen wurde, der hat es auch nicht. Der kann nicht von Sünden freisprechen. Der kann nicht den Himmel aufschließen, der kann letztlich kein Abendmahl einsetzen, der kann nicht in der Vollmacht Handeln, die Jesus, dem Petrus gegeben hat: in Gottes Vollmacht. Und in letzter Konsequenz kann er deshalb nicht Kirche Jesus Christi, Kirche Gottes sein. Das hat Herr Ratzinger erst kürzlich wieder betont: Die Evangelischen Kirchen sind in den Augen der katholischen Amtskirche deshalb keine Kirchen, weil sie nicht glauben, dass der Papst der einzige rechtmäßige Nachfolger Petri ist. Das ist die entscheidende Frage nicht nur über einen Streit unter Theologen, sondern über unser Heil! Wer vertritt Jesus Christus auf Erden, solange er nicht selbst bei uns ist? Wer hat seine Vollmacht, für uns den Himmel auf oder auch zuzuschließen. Ganz deutlich gesagt: Wer hat die Vollmacht, darüber zu entscheiden, ob wir in den Himmel kommen oder nicht?

Ein sehr spannender Text also, unser heutiger Predigttext. Wir sollten ihn uns sehr genau ansehen. Denn hier geht es um alles: um unser Heil und das Heil der ganzen Welt.

Alles beginnt mit einer Frage. Christus fragt: Für wen haltet ihr mich? Als Antwort kommt nun allerlei. Vor allem ein Prophet sei Jesus, sagt man. Aber was ist ein Prophet, könnte man weiter fragen. Wer bin ich für euch, fragt Jesus. Und Petrus bringt es auf den Punkt: „Du bist der Messias, der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Oder: Wer Jesus sieht, der sieht Gott. So wird es Jesus einmal selbst sagen. Wir können die Antwort des Petrus deshalb in unsere Worte fassen: In Christus begegnet uns Gott selbst.

In Christus begegnet uns Gott selbst. Ob wir Gott erkennen oder nicht, ist der entscheidende Punkt. Hier knüpft Jesus an und sagt: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“

Wer Gott erkennen soll, dem muss Gott selbst begegnen. Man kann sich von anderen Vieles sagen lassen. Man kann sich sagen lassen, Jesus sei ein Prophet, Elia, Jeremia oder jemand anderes. Man kann sich auch sagen lassen, er sei Gottes Sohn. Aber da bleibt immer das sei. Er sei Gottes Sohn, sagt man. Aber was glaubst du? Es macht einen großen Unterschied, ob wir etwas gesagt bekommen oder ob wir es glauben, ob es Teil unserer Persönlichkeit wird, weil wir es selbst erlebt haben. Die persönliche Begegnung mit Gott kann durch keinen Menschen und keine Lehre ersetzt werden: Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

Das muss eine Kirche sehr bescheiden machen. Wir können zwar das Evangelium verkündigen. Wir können zwar jedem Menschen dieser Welt erzählen, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist – wie wir es gelernt haben. Aber ob wir das glauben, ob diese Überzeugung, Teil unserer Persönlichkeit wird, ob sie für uns und andere Wahrheit wird oder nur reproduziertes Wissen bleibt, das liegt in keines Menschen Hand. Dazu braucht es Gott selbst. Dazu muss Gott selbst uns begegnen. Wir müssen Gott selbst erleben, wie alles, was in uns wirklich Wahrheit werden soll, höchst persönlich erlebt sein muss. Petrus ist Gott begegnet in Jesus Christus. Petrus hat nicht von anderen gelernt wie man es im Religions- oder Konfirmandenunterricht auswendig lernt, dass Jesus Gottes Sohn zu nennen ist. Nein, Petrus hat Gott erlebt in diesem Menschen Jesus von Nazareth.

DAS zeichnet Petrus aus in dieser Geschichte. Er hat persönlich Gott erlebt. Nicht aus zweiter Hand, sondern ganz direkt. Er baut nicht auf etwas auf, was vielleicht schon selbst auf etwas aufbaut, und von dem er gar nicht weiß, ob es letztlich überhaupt eine Grundlage hat. Er mauert nicht einfach weiter an einem Gebäude, von dem er gar nicht weiß, ob das ganze Ding überhaupt richtig aufsitzt. Nein, er hat Gott persönlich erlebt. Nicht aus dritter, zweiter oder erster Hand. Da war überhaupt keine Hand, durch die ihm Gott gereicht worden wäre. Da war Gott selbst.

Darauf und nur darauf kann man wirklich aufbauen. Das ist das Fundament des Glaubens, der Fels, auf den die Kirche aufgebaut sein soll: Die Begegnung mit Gott selbst. Petrus ist Gott in Jesus begegnet. Immer wieder begegnen Menschen Gott. Christus hat diesen Begegnungen einen Namen gegeben: Tröster nannte er sie oder Heiliger Geist: Gott und Mensch – unvermittelt, direkt, persönlich. Das ist Heiliger Geist.

Im Heiligen Geist fallen sie zusammen: Gott und sein Ebenbild: Gott und Mensch. Wie Gott und sein Spiegelbild: Sie reden, sie denken, die fühlen, sie handeln und wirken gleich. Wer das eine sieht, sieht den anderen. Wer das Ebenbild Gottes sieht, sieht Gott.

So durchsichtig für Gott muss die Kirche sein, wenn sie wahre Nachfolgerin Petri sein will. Sie ist es immer dort, wo Menschen in ihr nicht Kirche erleben, sondern Gott. Überall wo Menschen direkt und unverstellt Gott begegnen, da öffnet sich der Himmel, da geschieht das, was wir den Heiligen Geist nennen. Da ist es einerlei, ob diese Menschen Petrus, Paulus, Elia, Jeremia, Kevin oder Nicole heißen. Da ist es einerlei, wer sie geweiht, getauft, konfirmiert oder gefirmt hat. Das ist es einerlei, ob sie evangelisch, katholisch oder sonst was gelernt haben. Denn da hat Gott SELBST ihnen den Himmel aufgeschlossen. Und gnade Gott dem, der es wagt, ihnen den wieder zuschließen zu wollen.

Wo wir nicht Kirche erleben, sondern Gott selbst begegnen. Da wird das Fundament des Glaubens gelegt. Eines Glaubens, dem der Christus die Vollmacht Gottes gibt. Eben weil dort nicht Menschen oder Kirchen sprechen, sondern Ebenbilder, Spiegelbilder Gottes – so durchsichtig, so durchlässig für Gott, dass sie selbst gar nicht mehr sichtbar sind, sondern nur noch der, der durch sie handelt: Gott selbst in all seiner Macht.

Das Wunderbare an den Worten des Petrus ist ja, dass durch sie nicht Petrus spricht. Petrus, der Hitzeblitz, der Verleumder, der Angsthase. Sondern dass in diesen Worten Gott selbst spricht wie bei der Taufe Jesu: „Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn“. Hier in den Worten des Petrus erkennt Gott sich selbst in seinem Ebenbild Jesus und lässt Petrus daran teilhaben.

Hier öffnet sich der Himmel, das Paradies. Denn hier stehen wieder zwei Menschen wie Adam und Eva. Nur diesmal heißen sie Jesus und Petrus. Sie sehen sich an und was sie sehen ist wunderbar: Ebenbilder Gottes. Menschen wie Gott sie schuf und gemeint hat. Sie sehen sich an. Und was sie sehen ist wunderbar: Gott. „Das haben dir nicht Fleisch und Blut offenbart, sondern unser Vater im Himmel.“

Hier muss keine Vollmacht mehr übergeben oder übertragen werden. Hier ist sie bereits in all ihrer Kraft am Werk und hat Himmel und Paradies aufgeschlossen. Wo sich der Himmel öffnet und wir einander als Ebenbilder Gottes erkennen, wie sich Jesus und Petrus erkannten, da stehen wir in einer Linie mit beiden. Und gnade dem Gott, der uns die Pforte des Himmels wieder verschließt und uns das Ebenbild Gottes in unseren Mitmenschen verzerrt.

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