Familientag

Himmelfahrt ist kein Vatertag und kein blödes in den Himmel starren. Himmelfahrt ist Familientag in besserem Sinne. An dem Tag findet etwa statt, dass aus den JüngerInnen Jesu eine Familie werden lässt, die 2 Jahrtausende später immer noch lebendig ist.

Kirche lernt, wen sie Himmelfahrt betrachtet und auf jeden Fall könnten auch unsere Familien von Jesus an Himmelfahrt lernen. Er redet freundlich mit den Seinen, zeigt ihnen deutlich seine Liebe und Sympathie, zeigt ihnen auch ihre Grenzen auf und lässt sie allein.

Und genau dieses Allein lassen ist vorbildhaft für uns. Das mutet uns vielleicht seltsam an, in einer Zeit, in der oft von vernachlässigten Kindern die Rede ist und letztens erst drei Kinder in Italien ausgesetzt wurden. Das ist auch schlimm – wie bei Hänsel + Gretel, die ausgesetzt wurden im Wald.

Es gibt schlimme Geschichten, aber nicht nur die, die wir jetzt vielleicht meinen. Und nicht immer sind die Geschichten, die in den Medien breit getreten werden die Schlimmsten.

Es gibt auch schlimme Geschichten von Kindern, denen niemand etwas zutraut, von Menschen, die einander nichts Gutes zutrauen.

Und hier zeigt sich die Bedeutung von Himmelfahrt für christliches Miteinander. Jesus lässt seine JüngerInnen alleine, weil er ihnen etwas zutraut. Er lässt uns ohne seine leibliche Gegenwart weil er das Vertrauen hat, dass wir seinen Heiligen Geist in uns und mit uns zur Wirkung kommen lassen.

Wir wissen sehr genau, dass die Himmelfahrt Jesu erst einmal Angst ausgelöst hat, Angst bei denen, denen er so viel zugetraut hat, obwohl sie ja schon vorher versagt haben. Er kann auch Angst bei uns auslösen, wenn wir hinhören und vielleicht spüren: Das, worum es Jesus in seiner Predigt geht, ist eigentlich eine Zumutung. Mir geht es da wie einem kleinen Kind, das losgeschickt wird, etwas einzukaufen und erst einmal sagt: ‚Das kann ich nicht’. An dieser Stelle entscheidet sich die Zukunft des Kindes und entscheidet sich auch meine Zukunft.

Wenn das Kind von seinen Eltern hört: Wir trauen dir das zu, du kannst das schaffen, wird es losgehen, stolz wie Oskar. Wenn es das nicht hört sondern ‚Verständnis’ heuchelndes: ‚Du bist noch zu klein’, müssen wir uns nicht wundern, wenn wir Menschen haben, die sich nichts mehr trauen, die sich selbst nichts mehr zutrauen. Wenn es Kinder gibt, die keinen Weg alleine gehen dürfen, werden sie auch nicht von Fremden misshandelt – aber vielleicht von ihren eigene Eltern.

So ähnlich ist das auch bei mir. Ich höre den Auftrag Jesu, erinnere mich an den Missionsbefehl, und fühle mich klein und allein gelassen. Aber dann höre ich die großartigen Worte Jesu: ‚ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeuginnen und Zeugen sein.’

Wenn ich diese Zusage höre kann ich losgehen, das Meine tun und das Andere in Gottes Hand legen. Ich denke Barack Obama hat diese Idee zu Grunde gelegt bei seinem berühmten ‚Yes we can’. Wir Menschen brauchen dieses Gefühl, das wir etwas können, das uns etwas zugetraut und manchmal auch zugemutet wird, damit die Welt eine Bessere wird. Ob das nur eine Werbemasche war, wird sich zeigen.

Jesus ist auf jeden Fall kein Spieler, der die Menschen wie Puppen verschiebt und einsetzt. Er will Menschen mit eigenem, freien Willen, mit gutem, wachen Verstand, er will lebendige Menschen, die seine Gemeinde miteinander gestalten. Er will Menschen, die ihre Fähigkeiten benutzen und sich in den Dienst nehmen lassen.

Vielleicht ist das auch das Geheimnis seines Lebens auf erden. er hat sich Menschen nicht nach einem strengen Profiling ausgesucht, hat nicht alle einem Test unterzogen. Er hat sie berufen und Außenstehende hätten dieses Verfahren abgelehnt. Er hat Menschen am Rande gesucht und ihnen etwas zugetraut. Er hat ihnen auch erlaubt Fehler zu machen, ihnen verziehen, dass sie ihn verleugnet oder verlassen haben. Voller Verständnis hat er mit ihnen geredet und trotzdem Neues zugetraut: Sein Wort in die Welt zu tragen. Er lastet ihnen damit eine hohe Bürde auf, in dem er ihnen die Verantwortung dafür gibt, dass das Evangelium zu den Menschen kommt. Vo allem gibt er ihnen kein Handbuch mit auf den Weg, was im Falle eines Falles alles noch zu beachten und zu tun wäre. Er gibt ihnen einen Auftrag und sie dürfen entscheiden wie sie es machen.

So wie ein guter Muttertag nicht bedeutet, dass Kinder alles tun, was ErzieherInnen, Väter und Großeltern ihnen auftragen, sondern dass sie selber überlegen und gestalten. Und manchmal ist der beste Muttertag an dem Kinder ihrer Mutter komplett freigeben. Auch weil sie wissen, dass ihre Mutter ihnen zutraut, dass sie einen Tag gut ohne sie auskommen können.

So ist die Himmelfahrt Christi voller Erinnerung an den Herrn, der uns befreit zu einem neuen Leben, in dem wir selbstbewusst gehen können, weil wir wissen, was uns der Herr alles zutraut.

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