Urlaub

I. Textlesung

II. Sie alle kennen Urlaubsprospekte, glänzende Ansichten von Meeren und Stränden und schön gelegenen Hotels.
Das Bild dieses Textes könnte gut dafür verwendet werden:
Ein fruchtbarer Weinberg, schön gelegen an den Hängen des Karmel, des israelischen Berges beim heutigen Haifa. Weinstöcke, prall behangen mit Reben, kurz vor der Ernte, ein Land, in dem es leben und genießen lässt.
Mit diesem Bild aus dem Alltag seines Landes beschreibt Jesus das Leben mit ihm, einfach in der prallen Sonne bleiben, abhängen wie Reben und nichts tun, Urlaub eben.
Jesus ist der Weinstock, er wird die Wurzeln tief genug in die Erde treiben, damit sie genügend Wasser aufnehmen können, um die Trauben der Reben reifen zu lassen. Er stellt die Verbindung zum Winzer, Gott, dar und der Winzer um im Bild zu bleiben, macht dann den Rest. Er schneidet die Seitensprosse ab, damit sie den Wert des Holzes nicht beeinträchtigen, er reinigt den Weinstock vom Laub und sorgt damit für Durchlüftung und eine einfache Ernte der Trauben und die trockenen und abgestorbenen Reben verbrennt er.
Normale Winzertätigkeit, die aber für das Überleben des Weinstockes nötig ist und für eine gute Ernte.
Und wenn dann die Ernte kommt, müsste man das Bild fortführen, dann sammelt der Winzer die Trauben ein oder lässt sie sammeln und macht einen guten Wein daraus, aus dem man die Sonne und die Düfte des fruchtbaren Bodens schmecken und riechen kann.
Und dann, na klar, kommt sicherlich das ein oder andere Fest, ob in einem Dorf am Karmel oder bei einer Hochzeit in Kana oder anderswo.

III. Wenn das alles so klar und einfach ist, warum dann aber dieser Text, warum dieser Aufruf „Bleibt“? Wenn es so klar ist, dass außerhalb des Weinstocks für die Reben kein Leben möglich ist, wie kommt denn da einer auf die Idee, sich von diesem Weinstock zu lösen? Das kann ja nur schief gehen.
Handelt es sich hier bei dieser Urlaubsstimmung um einen schönen Schein, um eine zerbrechliche Idylle oder ist hier gemeint, was gesagt wird: Wer in mir bleibt, bringt viel Frucht und dann könnt ihr bitten, was ihr wollt, es wird euch geschehen. Ihr müsst nichts dafür tun.
Johannes ruft seiner Gemeinde eine Situation ins Gedächtnis, die mit Urlaub wenig zu tun hat. Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Endgültig. Seine Nähe, seine leibhaftige Gegenwart wird bald nur noch Geschichte sein. Noch ist alles nah und klar, aber bald wird die Erinnerung zu kämpfen haben um die Intensität des früheren Lebens. Er wird gehen und sie sollen bleiben, wo sie waren und nicht fliehen in ihr früheres Leben, ins Ausland. Sie sollen weiterhin das gefährliche Leben im Dienst des Wortes Gottes beibehalten. Die Christen werden es nicht leicht haben, die Gemeinde des Johannes, mindestens 60/70 Jahre nach dem Tod Jesu weiß das aus eigener Erfahrung.
Um die Erinnerung lebendig zu halten, braucht es eine starke Sprache und eindrückliche Bilder, die den Geschmack des früheren Lebens wieder aufleben lassen.
Und so greift Johannes hier auf ein Bild zurück, das alle, auch die Gegner, mit Jesus verbunden haben. Jesus war dafür bekannt, dass er Wein und gemeinsames Essen zu würdigen wusste. Das Thema Askese hatte er in den 40 Tagen in der Wüste abgehandelt. Fresser und Weinsäufer, dieses Schimpfwort war über ihn im Umlauf.
Hier nun wird das Bild vom Weinstock zum Bild des Lebens mit ihm.

IV. Schauen wir uns den Text mithilfe von drei Wörtern genauer an.
Bleiben und Frucht bringen und weggeworfen werden.

1. Beginnen wir mit den ersten beiden: Bleiben und Frucht bringen:
Wer in mir bleibt und ich in ihm und meine Worte in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Die Rebe lebt vom Saft, der aus den Wurzeln des Weinstocks zu ihr kommt. Und wenn der Saft in ihre Adern fließt und die Sonne scheint, dann kann sie gar nicht anders, dann wird sie Früchte tragen. Das ist nicht ihr Verdienst. Es geschieht einfach. Mühelos. Nichts, was man dagegen tun kann, nichts, was man dafür tun muss. Eine Beschreibung christlicher Existenz:
Sie ist nicht von Bitterkeit und Anstrengung gezeichnet, sie klagt nicht: Das wird zuviel. Sie jammert nicht: Wo sind die anderen alle? Sie kämpft nicht um ihren Platz in der Welt. Oder um mit Luther zu sprechen:
Darum soll man lernen, die Werke nicht anzusehen wie die Kuh das Tor ansieht, sondern aus was für einem Herzen und Person sie ergeht. Geht es in Christus, so lass das Werk so groß oder klein heißen, wie es will, es heißt gute Frucht; denn was in ihm bleibt, das muss viele Früchte bringen und alle solche Werke heißen eitel köstliche Trauben.
Die Gemeinde ist einfach da. Und das reicht. Wenn der Saft der Worte Jesu in ihr Gehör findet, dann entsteht das Leben, das diese Worte meinen, von selber. Kein konservatives Bleiben ist hier gemeint, sondern das pralle Leben, das ohne Mühe anziehend wirkt und erfüllt und Bewegung und Wachstum und fruchtbare Taten von selber folgen lässt.
Also doch Schluss mit der Urlaubsstimmung? Doch wieder auf Ergebnisse blicken und zum Handeln aufrufen?
Nun vielleicht wird es ein Urlaub, in dem man nicht nur einfach am Strand liegt. Wenn dieser Lebenssaft zu kreisen anfängt, dann zieht es einen hoch und man steht auf und blickt sich um und nimmt wahr und dann spürt man, wohin es einen zieht.
Denn das Wort, in dem die Jünger bleiben sollen, das sie in sich aufnehmen sollen, ist, wie es kurz nach unserem Text heißt, die Liebe. In ihr sollen die Jünger bleiben, um in Gott zu bleiben. Und damit ist klar, dass dies nichts Statisches ist, sondern eine Kraft, die einen öffnet, auf andere zugehen lässt, ob man will oder nicht.
Und es kann dann sein, dass man einen berühmten griechischen Tempel links liegen lässt und da ein Feldweg ist, zu dem es einen zieht, ohne dass man genau sagen kann, warum. Und wenn man den geht, dann begegnet man vielleicht unverhofft Menschen, die sehen nicht besonders attraktiv aus, aber die laden einen vielleicht, ein Platz zu nehmen an ihrem Tisch und man teilt Brot und Wein und allerlei anderes. Und das wird dann ein Urlaubserlebnis, das garantiert unvergesslich ist und stärkt, wie keine Sehenswürdigkeit es kann.
Das Bleiben in Jesus setzt uns in Bewegung. Diese Bewegung zieht uns an Orte, wo Früchte wachsen und reifen können. Und die Mühelosigkeit ist ein Zeichen dafür, ob es ein Wirken in Gott, in Jesus ist oder nicht, die Mühelosigkeit und, wie es der 73. Psalm sagt, das Glück, Gott nahe zu sein. „Dir nahe sein, das ist mein Glück.“, heißt es da.
Das entspricht zwar zur Zeit nur hin und wieder meinem eigenen Handeln hier in der Gemeinde, aber es gibt Momente, die dieser Beschreibung ähneln, ein Familiengottesdienst letzte Woche im Grünen Dreieck etwa, der mir leicht von der Hand ging und bei dem alle, Erzieherinnen, Kinder und ihre Eltern offen und leicht mitgefeiert haben, das war schon so ein Moment, von dem ich denke, davon brauchen wir mehr.
2. Soweit ist alles schön und gut. Doch die Sonnenseite dieses Textes hat wie alles auch eine Schattenseite. Keine Sorge, ich will die Urlaubsstimmung jetzt nicht gewaltsam zerstören, aber wenn sie eben keine zerbrechliche, weltfremde Idylle sein soll, dann müssen wir auch die andere Seite des Textes ernst nehmen, die Reben, die keine Frucht tragen, weil sie sich lösen vom Stamm des Weinstocks, die Verbindung zum Lebenssaft unterbrechen.
Wer nicht in mir bleibt, heißt es da, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.
Der Strafgedanke dahinter, unsere Assoziation an Inquisition und eine Hölle, die ewiges Feuer bereitstellt für die unverbesserlichen Sünder sind kulturell und theologisch Vergangenheit.
Und doch, genauso schnell, wie Urlaubsstimmungen verblassen, genauso schwer hat es dieses Leben, das Jesus vermittelt, sich in unserer Wirklichkeit zu halten.
Es ist schwer zu bleiben in unserer Zeit.
„Viele Menschen halten es in Deutschland nicht mehr aus. Rund 150.000 gehen jedes Jahr ins Ausland; es gibt Fernsehserien, die über die Auswanderer berichten.
Und auch in unserem Land verlassen Menschen ihre Heimat, ziehen vom Osten in den Westen, vom Norden in den Süden, der Arbeit hinterher. Von den Menschen anderer Kontinente ganz zu schweigen.
Wenn Beziehungen nicht mehr stimmen, wenn Ehen kriseln, dann geht einer, zieht aus.“ (Güntzel Schmidt, Göttinger Predigten, Internet)
Im Religionsunterricht bleiben oder nicht, das bleibt für viele Kinder und Jugendliche in Berlin nun wieder eine ernsthafte Frage. Bringt es soviel, dass es das wert ist, zwei zusätzliche Stunden, während die anderen schon Hausaufgaben machen können und früher ins Schwimmbad kommen?
Bleiben ist nicht einfach. Bleiben hat oft alles gegen sich. Und das weiß Jesus, der gehen wird, weg von seinen Jüngern und von ihnen verlangt, dass sie eben nicht fliehen, sondern zusammenbleiben, wie das auch Johannes verlangt von seiner Gemeinde.

V. Wo bleibt da die Mühelosigkeit, wo bleibt da das Glück des Lebens in einem fruchtbaren Weinberg?
Johannes, wer immer er war, beschwört seine Leute durch die Worte Jesu, durch die Erinnerung an das Leben Jesu, das immer wieder festliche Momente bereit hielt: Ihr könnt bleiben. Nichts ist Vergangenheit, alles, was war, geschieht auch jetzt. Jetzt ist Jesus da in der lebendigen Gegenwart seines Geistes, jetzt wie auch früher leben wir von seinem Wort, jetzt wie auch früher gibt es gute Gründe sich von Gottes Liebe ziehen zu lassen und zu vertrauen, dass Leben entsteht, in der Ausweglosigkeit, der Menschen viel zu oft ausgesetzt sind, in der Angst um die Zukunft, die keiner wegreden kann, in der Überlastetheit, die das Leben vieler vergiftet.
Jetzt ist es Zeit sich zu öffnen und sich ziehen zu lassen, wohin der Geist Gottes uns treibt und da, wo wir dann, wenn auch manchmal überrascht landen, an den Rändern des öffentlichen Lebens vielleicht, bei dem, was nach Ansicht der Gesellschaft doch nichts bringt und wofür wir uns doch Zeit nehmen, bei denen, die es brauchen und daher offen dafür sind, mit uns zu wachsen, da sind wir Zuhause in aller Brüchigkeit und Unvollständigkeit unseres Lebens. Da sind wir in der Liebe, die trägt und einlädt, ihr zu trauen und damit sind wir in Gott.
Werfen wir das nicht weg, sondern halten wir uns daran. Lassen wir uns von Gott auf seine Wege ziehen und merken, dass wir am richtigen Platz sind daran, dass uns die Kraft geschenkt wird, diesen Platz einzunehmen. Einfach so, mühelos trotz der Anstrengung, wenn steile Wege zu bewältigen sind.
 Vertrauen wir darauf, dass uns das, was wir in Jesu Namen bitten, auch geschehen wird.
Die Sonne scheint auf uns. Glücklich in der Nähe der liebenden Kraft Gottes genießen wir den Wein des Lebens und tun nichts, nur das, wohin die Liebe uns zieht. Urlaub eben.

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