Er ist in uns und wir in ihm

Liebe Gemeinde

Jesus, der wahre Weinstock. Es war meine erste Predigt als Vikar, die ich vor 12 Jahren gehalten hatte. Und damit hätte ich es kaum besser treffen können, denn schließlich hatte es mich damals in ein traditionelles Weinanbaugebiet verschlagen. Jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster sah, lag da der Sickerhäuser Weinberg direkt vor mir. Es war immer wieder ein toller Anblick, und mir wurde klar, warum sich schon König Ahab im Alten Testament unbedingt den Weinberg seines Nachbarn Nabot unter den Nagel reißen wollte. Zwar verstehe ich bis heute nicht viel von Weinbergen, Winzerei oder ähnlichen Dingen. Doch für die Form seiner Frucht, ein gemütlicher Schoppen Frankenwein am Abend bin ich immer noch recht empfänglich.

Worum geht’s? Jesus verwendet das Bild von Weinberg und Weinstock, Rebe und Traube. Es ist ein Vergleich aus seiner damaligen Welt. Wir verstehen ihn sicher, auch wenn wir nicht aus Mainfranken stammen. Der Weinstock ist Jesus selbst, sein Vater ist der Weingärtner. Gott, der Vater, hat seinen Sohn Jesus, den wahren Weinstock mitten auf unsere Erde gepflanzt. Die Reben schließlich, das sind seine Jünger, also wir.

Soweit ist das Bild mit seiner Rollenverteilung klar. Schwierig wird es aber, wo das Verhältnis zwischen den einzelnen Akteuren bestimmt wird, also zwischen Gärtner, Weinstock und Reben. Dabei kommt auffällig oft das Wort »Bleiben« vor. Immerhin Siebenmal. Für uns wirkt der Begriff »bleiben« wohl eher langweilig. Heute ist eher Gegenteiliges gefragt wie »ungebunden«, »unabhängig« oder »flexibel«. Ein weiteres Wort, das im Ohr bleibt, ist das Fruchtbringen: »wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht«, doch worin das Fruchtbringen genau besteht wird nicht gesagt.

Um die Rede besser verstehen zu können, müssen wir den Kontext betrachten. Die Rede vom Weinstock ist ein Teil der großen Abschiedsreden, die Jesus im Johannesevangelium über viele Kapitel hinweg an seine Jünger richtet, um sie auf seinen Fortgang vorzubereiten. Man kann sich vorstellen, dass die Stimmung unter den Jüngern nicht gerade toll war. Trennung steht bevor. Abschied. Die gemeinsame Zeit geht zu Ende. Sie sollen im Stich gelassen werden. Ratlosigkeit, wie es weitergeht. Was hält uns jetzt noch zusammen? Alles war doch ganz auf seine Person ausgerichtet. Fällt die Gemeinschaft jetzt wieder auseinander?

Doch die Rede vom Weinstock und den Reben muss den Jüngern geholfen haben, die Zeit ohne ihn zu bewältigen. Jesus war gegangen – doch die Erinnerung an ihn und an das, was er gesagt hatte, ist geblieben. Über viele Generationen hinweg, bis heute. Und es war vor allem der Gottesdienst, in dem die Erinnerungen lebendig blieben. Doch was bedeutet es im praktischen Leben heute, das »Bleiben in Christus« und das anschließende »Fruchtbringen«?

Zuerst einmal kann festgestellt werden, dass »bleiben« eigentlich nur der kann, der irgendwie schon »da« ist. Die Rede ist also an Solche gerichtet, die sich bereits Christen nennen, die also bereits entschieden haben. Kein plötzlicher Beginn, sondern der Verlauf eines langen Weges. Die Jünger waren längst im Glauben, als Jesus seine Abschiedsreden an sie gerichtet hat. Auch wir sind schon lange im Glauben unterwegs. Warum sonst sollten wir an diesem Morgen hierher gekommen sein? Für die meisten von uns war es doch auch ein langsames Hineinwachsen in die Tradition unseres Christlichen Glaubens und seiner ortskirchlichen Praxis. Nun sind wir da und wollen auch bleiben. Doch dieses »Bleiben« soll kein Stillstand sein, kein Verharren in alten Strukturen, sondern Bewegung, Veränderung, Wachsen. Und jeder weiß: ein Bleiben ist erst einmal ein Durchhalten. Schon das ist von Dynamik geprägt. Man denke nur an die Momente, wo der Zweifel groß ist, und Anfechtungen uns bedrängen. Deshalb die Mahnung und das Versprechen: »bleibt in mir, und ich in euch«. Die Kraft, im Glauben zu bleiben, wird uns der Weinstock Jesus geben, wenn wir an ihm bleiben. Und dann tragen wir Frucht. Doch was ist das, Frucht tragen? Auf keinen Fall kann es etwas sein, was worin wir uns äußerlich von Nicht-Christen unterscheiden. Sittliches Verhalten, gute Werke, Nächstenliebe – all das gibt es auch in anderen Religionen. Und aus unserer Geschichte wird man wohl kaum behaupten können, dass wir Christen die besseren Menschen auf der Welt sind. Das Fruchttragen scheint also keine äußerlich erkennbare Leistung zu sein. Doch irgendetwas muss es ja doch sein, wenn so betont davon gesprochen wird.

Nun, wir sind hier zum Gottesdienst versammelt. Das ist bemerkenswert. Gottes-Dienst, wörtlich: Dienst für Gott. Wir dienen dem Weingärtner Gott am Weinstock Jesus Christus. Wir feiern Gottesdienst, wir loben und preisen Gott. »Denn darin wird mein Vater verherrlicht« spricht Jesus im letzten Vers »dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger«. Natürlich darf das Fruchtbringen nicht auf den Gottesdienst hier in der Kirche allein beschränkt sein. Gottes-Dienst – wörtlich verstanden als Dienst für Gott – kann es in vielen Bereichen des Lebens geben: in der Mitarbeit in der Gemeinde, beim Besuch eines Kranken, beim Lesen in der Bibel, beim Gespräch mit einem nahen oder fernen Bekannten, kurz: überall dort, wo der Glaube zu einem Dienst für Gott Gestalt annimmt. Und die Kraft dazu gibt uns der Weinstock. Ohne ihn können wir diese Frucht nicht bringen. Deshalb die Mahnung: »Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen werden und verdorrt«. Das sind deutliche Worte, die aber die Ernsthaftigkeit der Situation unmissverständlich machen. Wer nur äußerlich zur Gemeinde gehört, ohne in Christus zu sein, der verdorrt. Weil Christus ein fruchtbarer Weinstock ist, hängt eine ganze Menge von seinen Reben ab, also von uns. So brauchen nicht nur wir den Weinstock, auch der Weinstock und der Weingärtner, sie brauchen uns. Ohne die Frucht der Reben ist der Weinstock wertlos, niemand mehr würde sich für ihn interessieren. Alle Mühe, alle Arbeit und alle Hingebung, die der Weingärtner in den Weinstock investiert hätte wären dann umsonst gewesen. Ohne uns gelingt das Gleichnis nicht. Jeder wird gebraucht, jeder ist fest mit dem Weinstock verbunden. Das sollte uns Kraft geben. Auch wenn Jesus nicht mehr irdisch unter uns ist, und wir ihn nicht direkt sehen können, so wissen wir doch: Er ist in uns und wir in ihm. Mit dem Wort vom Weinstock und den Reben hat uns Jesus das Versprechen gegeben, dass die Gemeinschaft mit ihm auch nach seinem Tod bestehen bleibt. Wer in ihm bleibt, wird von ihm getragen wie die Rebe vom Weinstock. Und das sollte uns dazu begeistern, in das Lob zur Ehre Gottes einzustimmen, von dem dieser Sonntag heute seine Namen hat: Jubilate! Jauchzet Gott alle Lande! Lobsinget zur Ehre seines Namens.

drucken