Das Höchste christlicher Existenz

Liebe Gemeinde,

„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Dieses Bibelwort aus dem 2. Korintherbrief steht über unserem heutigen Sonntag „Jubilate“, der benannt ist nach dem Beginn des 66. Psalm: „Jauchzet Gott, alle Lande!“. Jubilieren, Gott jauchzen, sich freuen darüber, dass wir mit dem Tod und der Auferstehung Jesu teilhaben an dieser Neuschöpfung, das ist wahrlich ein österliches Thema!

Wir dürfen uns daran festhalten, dass wir tatsächlich Teil dieses neuen Geschehens sind und weiter werden, wenn wir glauben und getauft sind. Das hilft, in dieser Welt zu bestehen und es hilft, wenn wir Orientierung suchen, wie wir uns in dieser Welt verhalten sollen. Uns steht dabei keine wissenschaftliche Beschreibung im herkömmlichen Sinne zur Verfügung. Sie kennen es: heben wir ein Kind aus dem Taufwasser, so sieht es genauso aus wie vorher. Und doch glauben wir, dass in dieser Taufe etwas mit dem Kind geschehen ist. Weil wir keine wissenschaftliche Beschreibung für diesen Vorgang haben, leben wir von den Bildern, die Menschen gewählt haben, um ihre Erfahrungen mit Gott auszudrücken. Ein solches Bild hören wir nun in unserem Predigwort für den heutigen Sonntag. Es ein Bild, das die Menschen der damaligen Zeit gut verstanden haben und der Evangelist Johannes hat es deshalb mit Bedacht gewählt. Hören wir die Worte aus seinem Evangelium im 15. Kapitel, die Verse eins bis acht:

[TEXT]

Der Weinstock und die Reben – ein Inbegriff für das Leben und die Freuden des Lebens. Damals wie heute. Wer sich einen Weinstock leisten konnte, der war ein geachteter Mann. Das Genießen der Früchte galt als ein Zeichen guten und gesegneten Lebens. Johannes verdichtet dieses Bild auf zwei konkrete Aussagen hin, die in der Logik der Natur des Weinstocks liegen. Die Reben sind abhängig vom Weinstock selber. Eine Frucht ohne Stamm oder Ursprung kann es nicht geben. Die Traube alleine wird keinen Bestand haben. Sie braucht etwas, was gewissermaßen von außen Kraft und Lebensenergie zuführt. Das leuchtet jedem ein. So auch ihr, sagt Christus: ihr braucht mich, damit ihr euer Leben als Geschenk und vollendet leben könnt. Das Bild reicht noch weiter: der Weinstock selber braucht den Weingärtner, damit nichts verwildert oder umkommt. Damit Pflege herrscht und Ordnung. Das ist Gott-Vater, der seinen Weinstock dieser Welt gegeben hat und dafür sorgt, dass er die Bedingungen zum Gedeihen bekommt. Christus ist in Gott geborgen. Wir sagen heute: Christus ist Gottes Sohn und damit Gott selbst. Wir haben also die Herkunft des Weinstocks fest vor Augen. Wer sich an ihn wendet, wird die Möglichkeit zum vollendeten Leben erhalten.

Aber nicht nur die Herkunft, sondern auch das Ziel dieses bildlichen Weinstocks wird uns angegeben: „dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt!“ Das Sein in Christus dient also dem Lobpreis des Schöpfers selber. Hier muss notwendigerweise das Bild enden. Wir Menschen bauen Wein an, um ihn später zu verwerten: ihn zu trinken etwa. Hier im Bilde ist das Fruchtbringen als solches schon genug. In der gebrachten Frucht, im vollendeten Leben in Christi Macht, ist das Ziel der Rebe und des Weinstocks selber erfüllt. Gott zu dienen, ihm zu danken, ihn zu loben. Es ist das Höchste der christlichen Existenz.

Und hier sei gleich ein Gedankenriegel vorgeschoben: es wird eben nicht das gerechte Tun gegen den Lobpreis gerechnet, so als ob es nur eines von beiden geben könnte. Nein, das eine ist im anderen verborgen und aufgehoben. Ja, es kann das eine ohne das andere in Wahrheit nicht bestehen.

Prüfen wir unser Tun darauf hin, ob es im Herzen davon berührt ist, als wahre Christusfrucht den Vater zu verherrlichen: Hören Sie das folgende Beispiel!

„Als man das Münster zu Freiburg baute, fragte man drei Steinmetzen nach ihrer Arbeit. Der eine saß und haute Quader zurecht für die Mauern der Wand. "Was machst du da?" "Ich haue Steine."

Ein anderer mühte sich um das Rund einer kleinen Säule für das Blendwerk der Tür. "Was machst du da?" "Ich verdiene Geld für meine Familie."

Ein dritter bückte sich über das Ornament einer Kreuzblume für den Fensterbogen, mit dem Meißel vorsichtig tastend. "Was machst du da?" "Ich baue am Dom."
Erst in der dritten Antwort spürt man etwas von dem Sinn der Arbeit, vom sinnhaften Tuns dieses Handwerkers. Und obwohl die anderen beiden Handwerker auch richtig und ehrlich geantwortet haben, so ist doch ihr Denken enger, wenn Sie so wollen: mehr auf sich bezogen.

Der Blick von sich selber weg, hin auf den, der uns geschaffen hat, gibt unserem Dasein Weite und Sinn. Deswegen ist das Christentum niemals Einzelkämpferdasein, sondern Gemeinschaft, die in vielfältiger Beziehung untereinander besteht. Gemeinschaft, die wir auch im Gottesdienst sichtbar leben, indem wir gemeinsam Gott loben und ihm danken. Wer nur um sich kreist, nur für sich denkt, nur handeln kann, wenn alles nach seiner Nase läuft, der läuft Gefahr, sich selbst als Person zu verfehlen. Die Rede von der verdorrten und alsbald brennenden Rebe ist keine Androhung von Gewalt, die von Gott her als Strafe auf den nicht gehorsamen Menschen zukäme. Nein, es ist eher eine Warnung, was passieren kann, wenn man sich dieser Einheit, für die der Mensch bestimmt ist, nicht bewusst wird. Es ist wie mit dem folgenden Mann, der im Schneesturm unsere Geschichte umkommt:

„Als ich mit einem Tibetaner im Gebirge im Schneesturm wanderte, sah ich einen Mann, der im Schnee den Abhang hinuntergestürzt war. Ich sagte: "Wir müssen hingehen und ihm helfen." Er erwiderte: "Niemand kann von uns verlangen, dass wir uns um ihn bemühen, während wir selber in Gefahr sind umzukommen." "Immerhin", antwortete ich, "wenn wir schon sterben müssen, ist es gut, wir sterben, während wir anderen helfen." Er wandte sich ab und ging seines Weges. Ich stieg zu dem verunglückten Mann hinunter, hob ihn mühsam auf meine Schultern und trug ihn bergan. Durch diese Anstrengung wurde mir warm, und meine Wärme übertrug sich auf den vor Kälte steifen Verunglückten. Unterwegs fand ich meinen früheren Begleiter im Schnee liegen. Müde, wie er war, hatte er sich niedergelegt und war erfroren. – Ich hatte einen Menschen retten wollen, aber ich rettete mich selbst.“
Es entlastet, liebe Gemeinde, zu wissen, dass diese Einheit, um die es im Bild vom Weinstock geht, zugleich von Gott geschenkt wird. Gott schenkt diese Einheit – sie ist von uns nicht zu erarbeiten oder durch sonstige Tätigkeit zu erlangen. Sie ist bereits jetzt in jeden von uns gegenwärtig. Wo? Wir können sie finden in den gesegneten Momenten unseres Lebens. Bleiben wir beim Gottesdienst: im Sakrament des Abendmahles, wo wir Christus schmecken und wir sein Wort leibhaftig erfahren. Im Segen am Ende des Gottesdienstes: „Der Herr segne dich und behüte dich …“. Im Zuspruch nach dem Sündenbekenntnis: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Es sind die Momente, in denen wir erleben, dass wir leben dürfen, ohne vorher eine Gegenleistung erbracht haben zu müssen. Momente des geschenkten Lebens – um seiner selbst willen. Das gottesdienstliche Geschehen bildet dieses nur ab, aber mit ein wenig Demut ist es dadurch auch erfahrbar. In unserem weitern Leben wird uns davon geschenkt: in der Liebe, dem stärksten Bild für Gottes Wirken, erfahre ich, wie wenig ist leisten kann, um mir eine Liebe zu verdienen. Kein Geld, kein Gold, kein Heldenmut kann sie zwingen: Liebe wird mir – geschenkt. Es sind Momente des geöffneten Himmels, die Sie dort erleben. In diesen Momenten spüren Sie die Kraft Gottes am deutlichsten, am stärksten. Sie fühlen, wie sie Sie durchfließt und wie Sie selbst daraus Ihre Kraft schöpfen können. Wer wäre noch nicht über sich hinausgewachsen, wenn ein Mensch, den man selber liebt, zu einem sagt: „Ich liebe dich!“?

Nehmen und Geben. Schenken und Beschenkt-werden bilden dort eine Einheit. Es ist wie mit unserem Weinstock, wie mit Gottes Liebe. Legen Sie, liebe Gemeinde, den Finger auf diese Erlebnisse in Ihrem Leben und lernen Sie daran, Ihrem Leben den Sinn auch zuzusprechen – zu bekennen – , aus dem heraus es entstanden ist! Danken Sie Gott für dieses Leben – für diese Momente wahren Lebens in Ihrem Dasein auf dieser Erde! Und Sie werden diese Einheit auch für sich erspüren und erfahren.

Christus hat den Tod besiegt und damit alles, was uns auf Dauer diese Einheit hätte stehlen können. Im vollkommenen Leben – nach unserem irdischen Tod – werden wir sie uneingeschränkt erleben und nicht nur stückweise erahnen, wie wir jetzt nur beschränkt dazu fähig sind. „Jubilate“, „Jauchzet Gott, alle Lande!“, denn: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Und der Friede Gottes, der uns trägt und erhält, wie nichts anderes dazu in der Lage wäre, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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