Auch das Denken kann dienen

Manchmal wird man von einfachen Meldungen elektrisiert. Da plädiert die CDU für die schnelle Abschaffung des Solidaritätszuschlages. Klar Steuern sparen kommt gut an – auch bei mir. Aber die Abschaffung der Solidarität, da muss ich kauen, gucken, wie viel mehr ich auf dem Konto habe, wenn es die Solidarität nicht mehr gibt.

Klar weiß ich, dass dieser Zuschlag etwas zu tun hat, mit Eingliederung neuer Bundesländer, die vor 20 Jahren die Wiedervereinigung in Gang gebracht haben.

Und trotzdem Solidarität abschaffen? Und dieser Zuschlag trifft eigentlich nur die mittleren und höheren Einkommen, nicht die Armen, ist also wirklich solidarisch.

Wie gesagt: Manchmal wird man von einfachen Meldungen elektrisiert – und denkt sich Dinge, die nicht direkt dazugehören. Vielleicht auch weil man sich gerade mit dem heutigen Predigttext befasst:

[TEXT]

Zwei Teile hat diese Rede Jesu. Die erste ist unerwartet: Gott wird gelobt, weil er seine Wahrheit nicht offenbart hat den Weisen und Klugen und stattdessen hat er sie den Anderen, die hier ‚Unmündige’ genant werden, offenbart. Das kann uns tief treffen, wenn wir diese Worte ernst nehmen. Entweder haben wir die Wahrheit Gottes verstanden, dann sind wir Unmündige oder wir sind weise und klug, dann haben wir Gott nicht verstanden. Und für diesen Konflikt dankt Jesus. Müsste er nicht eher Gott daraus einen Vorwurf machen, dass die Weisen und Klugen derart diskriminiert werden. Und überhaupt: Immer diese Pauschalierungen.

Ich glaube so einfach ist dieser Strich, den Jesus zieht, nicht zu akzeptieren. Aber ernst zu nehmen ist er doch. Gottes Wahrheit entzieht sich oft menschlicher Logik – und das wird in Jesus besonders deutlich und hat darum zu allen Zeiten Menschen polarisiert.

Es geht darum, dass denen, die vor der Welt nichts gelten, seine vordringliche Mission gilt. Er ist für alle Menschen da, aber er wendet sich in besonderer Weise denen zu, die Zuwendung brauchen, den Zöllnern und Sündern, den Samaritern und heidnischen Hauptleuten, den Kranken und Armen, der auspowerten Landbevölkerung und den unterdrückten Frauen.

Ihnen gilt in besonderer Weise sein Heilandsruf, der den zweiten Teil unseres Textes bildet, diese Seligpreisung von Mühseligen und Beladenen, die in besonderer Weise von Jesus eingeladen werden.

Der erste Teil ist liturgisch geprägt. Ein Gebet, in dem sich Jesus als der erwiest, der in enger Verbindung mit dem Vater steht. Der zweite Teil, der so genannte Heilandsruf ist ein Wort der Einladung an die Menschen, die ihre Last nicht tragen können. Sie sollen erquickt werden. Dieses schöne alte Wort heißt nicht, dass ihnen alles abgenommen wird. Keinem Menschen ist wirklich geholfen, in dem wir ihm alles abnehmen. Manche Eltern meinen wirklich, sie würden ihren Kindern helfen, wen sie ihnen alles abnehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Aber Jesus will, dass die Mühseligen und Beladenen erquickt werden, erfrischt werden, dass sie ihre Last leichter tragen können.

Darum lädt Jesu seine JüngerInnen ein, seine Lasten mit zu tragen. Gemeinde kann wachsen, Leben kann schöner werden, wenn Menschen in Jesu Nachfolge lernen, Verantwortung für die Mühseligen und Beladenen zu übernehmen. Er lädt uns ein in seinem Reicht mitzuarbeiten, als seine StellvertreterInnen.

Dieser Heilandsruf ist der zentrale Text im Matthäusevangelium mit Verbindungen zum Vaterunser und zum Taufbefehl. Es geht um die mikroi, die Kleinen, die Elenden. Es geht um die Menschen, auf die andere mit Fingern zeigen und deren Gefühle mit Füßen getreten werden. Es geht um die, an denen niemand Interesse hat, die allen gleichgültig sind. Es geht um die Menschen, die zerbrechen könnten an den Lasten ihres Lebens.

Das Joch ist ein landwirtschaftliches Gerät. Tiere tragen es, um eine Last zu tragen oder zu ziehen. Die Wasserträger früherer Zeiten trugen auch ein Joch. An der Wasserstelle wird es abgelegt, um sich erquicken zu können. Manchmal kommt dann einer, während ich mich erfrische, der mir hilft, meine Lasten zu ertragen.

Das könnte ein Weg werden, wenn wir Menschen mit ihren Lasten anschauen und ihnen helfen, ihnen etwas abnehmen oder nur ihnen zuhören.

Das Wunderbare ist die Aussage Jesu: Ich bin sanftmütig und demütig und ihr könnt von mir lernen – und: es kann schön werden, wenn wir das Joch Jesu tragen lernen. Ich muss zugeben, dass dieser Satz mich erst einmal stutzen lässt. Sanftmut und Demut lernen, in einer Welt, in der Sanftmut lächerlich ist, in der man stark bleiben muss, sich durchsetzen soll. Demut ist für viele Unterwürfigkeit.

Nach einem innehalten spüre ich aber, wie wohltuend es sein kann, wenn ich mir nicht jede Provokation zu Herzen nehme, wenn ich lerne zu ertragen, dass es Menschen gibt, die mich nicht mögen und ihnen trotzdem freundlich entgegen trete.

Klugheit und Weisheit führen nicht zum Ziel, sie können zur Sackgasse werden, wo sie sich verselbständigen. Wo sie zu absoluten Größen werden. ‚Auch das Denken kann dienen’, so hat Helmut Gollwitzer einen wichtigen Aufsatz überschrieben. Jawohl, darum geht es, unsere Klugheit und Weisheit nicht an der Kirchentür abzugeben wie Hut und Mantel, sondern sie zu gebrauchen, in den Dienst zu nehmen für die Gemeinde Gottes, für das Wort Gottes, uns mit allem, was wir sind und können der Nachfolge zur Verfügung zu stellen.

Alle Weisheit dieser Welt taugt nur so weit wie sie uns hilft, Jesus als den Herrn zu erkennen und seinem Wort zu dienen und die Kleine groß zu machen.

Demut und Sanftmut ist der Mut, sich nicht immer und überall durchzusetzen, sondern die stark zu machen, die in dieser Welt als schwach gelten.

Sanftmut und Demut heißt die Solidarität nicht zu einer hohlen Phrase verkommen zu lassen, sondern sie zu Leben als Liebe zu den Kleinen.

Gottes freie Gnade gilt den Mühseligen und Beladenen. Gott hat eine Schwäche für die Kleinen Leute.

Er sendet seinen Geist in seine Gemeinde, damit denen geholfen wird – und uns will er dazu gebrauchen.

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