Von der Furcht zur Osterfreude

Liebe Gemeinde,
warum sind Ameisen eigentlich nicht in der Kirche? Wäre doch schön, so viele fleißige Mitarbeiter zu gewinnen. Doch Ameisen sind eben in Sekten.
Mit diesem Morgen endet die Fastenzeit. Sieben Wochen lang haben wir den Leidens- und Sterbensweg Jesu bedacht. Seit Freitag schwiegen Glocken und Orgel. Bis wir heute Nacht die Auferstehung gefeiert haben. Die Welt ist anders geworden, – oder nicht? Ab heute können wir wieder von Herzen fröhlich sein.
Doch mit der Osterbotschaft tun wir uns schwer. Nicht erst seit der Aufklärung, schon in den ersten Anfängen war es schwer die Verkündigung der Auferstehung anzunehmen. Davon berichtet Markus in den letzten Versen seines Evangeliums:
„Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“
Liebe Gemeinde, eben haben wir gesungen: Wir wollen alle fröhlich sein! Und dann hören wir einen Evangeliumstext, der von Trauer und Angst bestimmt ist. Das will so gar nicht passen zur österlichen Freude.
Mancher von Ihnen kennt vielleicht die Tradition des Osterlachens. Im Mittelalter war es in vielen Kirchen üblich, dass die Pastoren die Gemeinde mit mehr oder weniger zotigen Witzen und Schauspielen zum Lachen brachten. Die Reformatoren haben dem einen Riegel vorgeschoben, weil sie Angst vor einer Verflachung der Osterbotschaft hatten. Wenn Sie sich im Internet über das Osterlachen kundig machen, werden Sie diese Haltung vermutlich verstehen. Trotzdem halte ich die Grundidee für richtig. Lachen ist eine gesunde und gute Reaktion. Ein lachendes Gesicht ist eine Einladung zur Gemeinschaft.
Und: kann es einen besseren Grund geben zu lachen als am Ostersonntag? Der Tod ist überwunden. Er hat keine Gewalt mehr über uns. Wenn das kein Grund zur Freude ist, was dann?
Und so hoffe ich, dass Sie heute Morgen fröhlich lachend aus diesem Gottesdienst gehen können, ohne dass wir dabei die Osterbotschaft ins Lächerliche ziehen müssen.
Dazu möchte ich Ihnen von einem ziemlich hoffnungslosen Kandidaten der Theologie erzählen, der in seinem Examen gefragt wurde, ob er denn nicht wenigstens einen Satz aus dem Neuen Testament zitieren könne. Zaghaft kommt die Antwort: „Ja: Freuet euch!“ „Naja und vielleicht noch einen weiteren Satz?“ Da geht ein Strahlen über das Gesicht des Kandidaten: „Und abermals sage ich euch: Freuet euch!“
Und damit sind wir beim Predigttext aus dem Markusevangelium. Gar nicht oft genug kann man den beiden Frauen die frohe Botschaft sagen. Voller Angst wenden sie sich ab. Dabei sind sie die ersten Zeugen des neuen Lebens. Nicht umsonst wurde der Abschluss des Evangeliums später um die Verse 9-16 erweitert. Ein Schüler des Markus ergänzte einige Berichte von Begegnungen mit dem Auferstandenen. Wenn die gute Nachricht damit endete, dass die Frauen niemanden etwas sagen, dann wäre Jesus doch noch gescheitert.
Markus selber hat das Ende bewusst offen gelassen. Er wollte nicht die Auferstehung als historisches Ereignis beschreiben, sondern Jesus las den erwarteten Messias. Doch diese Botschaft anzunehmen übersteigt sogar das Vertrauen seiner engsten Anhänger. Es hat einige Jahre gebraucht, bis Markus sich daran gemacht hat, sein Evangelium zu schreiben. Erst im Rückblick haben die ersten Christen Jesus verstanden. Immer wieder haben sie sich später gefragt, wie es möglich war, dass sie Jesus nicht schon während seines Lebens als Messias erkannt haben. Diese Leitfrage durchzieht dann auch das ganze Markusevangelium: Wie ist es möglich, dass wir Jesus erst verstanden haben, nachdem er nicht mehr in unserer Mitte war?
Und so schickt Markus die Jünger am Ostertag zurück nach Galiläa. Geht hin nach Galiläa, dort werden ihr ihn sehen. So beschreibt Markus vor dem leeren Grab den Entstehungsprozess der Evangelien. Alle vier wurde lange nach Ostern aufgeschrieben. Alle vier Evangelisten haben erst gespürt, dass Jesus nach der Kreuzigung lebendiger und mächtiger war als vorher. Mit großer Dynamik hat sich die frühe Gemeinde entwickelt. Jesus ist bei uns, das haben Tausende erkannt und sich bei Brot und Wein versammelt. Jesus liegt nicht in Jerusalem begraben, sondern er ist lebendiger Mittelpunkt der Gemeinde.
Markus hat dann als erster all das zusammengetragen, was von dem Menschen Jesus bekannt war. Er hat von der Zeit in Galiläa erzählt. Überlieferte Jesusworte gesammelt und zu einem Handlungsablauf zusammen gestellt. Geht nach Galiläa: Dort könnt ihr verstehen, dass Jesus der Messias ist. Als erstes könnt ihr dort aber sehen, dass auch der Kreis der Jünger bis zuletzt die Verheißungen des Alten Testaments falsch gedeutet haben.
Gott ist ganz anders als wir ihn zunächst erwartet haben. Er ist allmächtig, aber er zwingt niemandem seinen Willen auf. Jesus stellt sich an die Seite der Schwachen.
„Wie bringe ich einen Menschen dazu, mich zu lieben, ohne in den freien Willen einzugreifen?“ So fragt Bruce in dem Film Bruce allmächtig. Nach vielen klagenden Gebeten hatte Gott ihm einen Teil seiner Vollmacht übertragen. „Willkommen in meiner Welt“ ist Gottes Antwort. Darum geht es in der Osterbotschaft.
Die Liebe zu Gott und zum Nächsten lässt sich nicht erzwingen. Nur wenn sie von innen kommt, kann sie auch tragen.
„Galiläa“ wird für Markus zum österlichen Zauberbegriff. Seine schriftliche Fixierung all der schönen Jesusgeschichten, die in Galiläa spielen, hat dieses Ziel: In den Bildern der gelebten Solidarität wird man auch dem Auferstandenen begegnen können. Der Auferstandene ist kein anderer als eben der, der in Galiläa unterwegs war.
Jesus aß und trank mit den Zöllnern an einem Tisch. Er suchte den Kontakt mit Betrügern, mit höchst ansteckenden Kranken, mit moralisch verworfenen Menschen. Ohne Berührungsängste nahm er die Spur des Lebens auf und begann zu heilen, was die Krankheit zum Tode in sich trug.
Ostern beginnt da, wo die Sperre gegenüber dem Andersartigen überwunden wird. Wo menschliche Gemeinschaft gewagt wird, um Gräben zu überwinden und Krankes zu heilen.
Die Jünger haben, so erzählt es Markus mit einem starken Messias gerechnet. Er würde, so meinten sie mit jedem Schritt Gottes Allmacht repräsentieren und die Welt auf den Kopf stellen. Das hat er getan, aber gerade dadurch, dass er sich an die Seite der Schwachen stellte.
Liebe Gemeinde, allzu oft werden auch wir Christen als wehrlos und schwach betrachtet, wenn wir versuchen in Jesu Fußstapfen zu gehen. Wie jener LKW Fahrer an dessen Tisch in einer Autobahnrasstätte sich sechs Rocker setzten. Sie versuchten ihn zu provozieren, aber der Brummifahrer wollte keinen Ärger und blieb ruhig. Da nahm einer der Rocker das Bier des LKW-Fahrers und goss es ihm über den Kopf. Der Mann aß weiter als sei nichts geschehen. Da nahm ein anderer seinen Teller und drückte ihm Pommes und Schnitzel ins Gesicht. Der Fahrer stand seelenruhig auf und verließ das Restaurant. Die Übeltäter machen sich lustig. „Da machen wir mit ihm was wir wollen und dieser Idiot wehrt sich nicht mal. Sicher so ein Jesus-Idiot, von wegen andere Wange hinhalten und so.“ Da sagt der Mann vom Nebentisch: „Wirklich ein Idiot. Nicht mal LKW fahren kann er. Jetzt hat er doch glatt die sechs schweren Yamahas da draußen platt gefahren!“
Natürlich hat diese Form der Selbstjustiz nichts mit Christus und unserem Glauben zu tun. Aber es ist auch verkehrt, die Regeln der Bergpredigt als Zeichen der Schwäche zu deuten. Nur wer stark ist und sich von Gott getragen weiß, kann sich selber klein machen, um sein Gegenüber zum Freund zu gewinnen. „Wie bringe ich einen Menschen dazu, mich zu lieben, ohne in den freien Willen einzugreifen?“
Liebe Gemeinde so lassen Sie uns an diesem Ostertag zusammen herzlich lachen. Jesus hat das so gewollt. Seit Ostern macht der Tod den dummen August. Er ist auf sich selbst hereingefallen. Wollte Sieger sein und schaut nun bedeppert aus der Leichenwäsche. Wachen vor dem Grab sollten sein Werk beschützen. Sie fallen in Tiefschlaf. Und weil der Auferweckte lebt, werden die Todeswächter vom Osterlachen geweckt. Es ist zum Kugeln wie der Stein am Grabeseingang.
Vielleicht mögen Sie diesen Ostertag ja gestalten wie Oscar Wilde? Zur Aufnahme in einen Studentenclub sollte er einen Abschnitt aus der Passionsgeschichte aus dem griechischen übersetzen. Leicht und genau begann Wilde zu übersetzen. Die Prüfer waren schnell zufrieden und sagten, es sei genug. Doch es gelang ihnen nicht Wilde zu stoppen: „Oh, lasst mich weitermachen“, bat Wilde, „ich will wissen, wie es ausgeht!“
Jetzt höre ich auf, bevor es mir geht wie dem Kollegen, der geprahlt hat: „Ich habe neulich über eine Stunde gepredigt“. Ein anderer fragt erstaunt: „Da musst du doch völlig fertig gewesen sein?“ „Ich nicht, aber die Gemeinde hättest du sehen sollen.
Ich wünsche Ihnen lieber ein fröhliches Osterfest und ein befreiendes Lachen an jedem Lebenstag. Amen.
Pastor Thomas Gleitz, Stifts-Kirchengemeinde Wunstorf – www.stiftskirche-wunstorf.de

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