Wenn die Erde bebt und die Welt sich aus den Angeln hebt

Wie ist das wohl, wenn Himmel und Erde sich berühren, wenn Gott sich in seiner Größe, in seiner Macht und Herrlichkeit zeigt, wenn der Tod seine letzte Schlacht geschlagen und verloren hat? Muss dann nicht die Erde beben und die Welt aus den Angeln gehoben werden. „Uns siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab.“

Ostern berühren sich Himmel und Erde. Ostern wird die Welt aus den Angeln gehoben. Ostern haben alle Todesmächte ausgespielt und verloren. Denn der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Ein Beben erschüttert die Welt, ein Beben erfasst die menschlichen Herzen: „fürchtet euch nicht, Jesus ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Vollmundig klingt die Osterbotschaft in unseren Ohren, aber ist das Herz schon voller Freude und voller Staunen oder wenigstens voller Furcht angesichts der Ereignisse, die alles Verstehen und Begreifen bei weitem übersteigen? Was hat euch berührt, als das Wasser während der Taufe eure Stirn befeuchtete, als segnende Hände euch Gottes Nähe versprachen und seine Berührung ausdrücken wollten? Was ist in euren Herzen angekommen, als es hieß: als Gottes geliebte Kinder verlasst ihr in dieser Nacht dieses Haus, beschenkt mit neuem Leben und in die Hand versprochen: ewiges Leben, das den Tod, den wir sterben, verspottet und klein macht?

Die Erde hat gebebt und das Grab gesprengt.

Das ist so ganz anders, als wir es aus Erfahrung kennen. Wenn die Erde bebt, dann bringt sie oft genug wie in diesen Tagen in Italien den Tod. Menschen müssen dann voller Trauer Ostern feiern. Sie haben nicht mehr als die manchmal ohnmächtige, schwache Hoffnung, dass damit nicht alles, was sie lieben, ausgelöscht wurde. Und bange hoffen wir mit ihnen auf die zweite Chance des Lebens, auf Gottes neue Welt, deren Tore mit dem Beben der Osternacht weit aufgestoßen wurden. Ich weiß dabei wohl, dass auch diese Hoffnung auf Vertrauen und gut Glauben hin gesagt ist. Denn wer will das beweisen.

Die Soldaten vor den Gräbern sollte Wache halten, damit nicht der Tote gestohlen und Gerüchte in den Umlauf geraten. So weit war man damals auch schon! Ein Engel verkündet als erster das Unfassbare und Unvorstellbare. Die Frauen sehen und hören ihn. Aber Furcht ist und bleibt in ihren Herzen. Furcht, am Ende doch nur der Möglichkeit zu trauern, beraubt zu sein? Wohin denn gehen, wenn das Grab leer ist? Furcht, dass ihnen letzten Endes doch nur übel mitgespielt wird?

Wie kann man so leichtsinnig in ihrer Trauer mit ihren Gefühlen umgehen? Natürlich wünschen sie sich immer noch, dass alles nur ein böser Traum sein möge, aus dem sie bald aufwachen. Kennen wir das nicht? Und dann wachen wir eben doch nicht auf, weil der Tod nun mal kein Traum, sondern knallharte Wirklichkeit ist. Wer aber sollte so mit ihnen spielen?

Die Ostergeschichte, die nichts erklärt, die nur erzählt, weiß von diesem Beben zu berichten. Ja, die Welt wird in ihren Grundfesten erschüttert, denn nichts wird mehr so sein wie es war und wie es bis in unsere Tage hinein immer wieder erscheint. Der Tod ist nicht mehr der Tod, das Grab nicht mehr dunkle Grabeshöhle und letzter Ort! Ein Licht, ein Blitzlicht leuchtet auf und lässt für einen Augenblick die ganze Welt, alle Wirklichkeit in einem ganz anderen Licht erscheinen: „Das Grab ist leer; Jesus ist auferstanden von Toten.“

Es ist wie in dieser Nacht: da wo das Licht dieser Botschaft einmal brennt, da ist es nicht mehr wirklich finster und dunkel. Sondern ein wärmendes und bergendes Licht macht sich bis in die letzten Winkel unseres Lebens und Herzens hinein breit. „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle wo ist dein Sieg?“ – das muss der Apostel Paulus direkt dem Lobgesang der Engel abgehört haben. Denn genau darum geht es. Diese Erfahrung hebt die Welt aus den Angeln. Tod und Todesmächte haben verloren. Ihr Triumph ist längst keiner mehr, sie sind degradiert, entmachtet, zurechtgestutzt von der vermeintlich letzten Wahrheit eines menschlichen Lebens zum Ort des wunderbarsten göttlichen Geheimnisses, dass unser Leben verwandelt wird, befreit von allem, was bindet und fesselt, was belastet und schmerzt. Es wird ganz leicht und frei: auferweckt und auferstanden, aufgehoben in die unendliche Barmherzigkeit Gottes hinein, mit hineingenommen in das österliche Leben Jesu.

Im Grab ist er nicht mehr. Auf dem Weg ist er. Auf dem Weg, der erst in Gottes Welt sein Ziel findet. Auf dem Weg, den seine Jünger gehen und wo sie ihm begegnen. Ja, noch spüren die Frauen die Furcht, weil sie gerne glauben möchten, aber noch nicht wirklich glauben können. Aber sie spüren auch schon die erwartungsvolle Freude: er geht ihnen voraus, sie werden den Lebendigen sehen, er wird ihnen unvergängliches Leben eindrücklich vor Augen führen. Es ist kein Traum. Der Himmel die Erde berührt, die Welt ist aus den Angeln gehoben. Gottes Ewigkeit ist die lebendige Antwort auf allen Todesschrecken.

Denn: der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja. Er geht vor uns her, wir werden ihn sehen. Halleluja.

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