Das Fremde am Auferstandenen – warum Fremde wichtig sind

Liebe Gemeinde,
wieder einmal feiern wir das Osterfest. Jesus ist auferweckt worden in ein anderes Leben hinein, ein Leben, das anders sein muss als alles, was wir kennen. Eine Verwandlung hat stattgefunden. Dieses Neue, diese Fremdartigkeit des Lebens nach dem Tod kommt auch in den Ostergeschichten zum Ausdruck. Da ziehen die Jünger jahrelang mit Jesus herum, sind Tag für Tag mit ihm zusammen – und dann erkennen sie ihn nicht einmal als er auferstanden ist. Sie sind wie blind! Und so geschieht etwas sehr Merkwürdiges: Zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus sind ganz beschäftigt mit der Vergangenheit, mit ihren enttäuschten Hoffnungen, mit ihrer Trauer. Ihre Gedanken kreisen um die letzten Tage und Stunden, um den schrecklichen Tod, um die Angst, die seitdem mit ihnen geht. Einer, der ihnen erst einmal fremd bleibt, stößt zu ihnen dazu. Und er geht mit ihnen noch einmal die ganze Geschichte durch. Erinnern, wiederholen, durcharbeiten, bewältigen, so funktioniert seit jeher die Zeit der Trauer. Sie erzählen und erzählen, vielleicht immer wieder dasselbe, so wie es alle Trauernde dieser Welt tun. Was man noch erleben wollte, was für Pläne man vorhatte, welche Hoffnungen jetzt für immer unerfüllt bleiben werden. Große Hoffnungen waren es: in ihren Augen war Jesus der Nachfolger König Davids, der das Volk und den Staat Israel wieder auferstehen lassen würde, so wie damals zu Davids Zeiten. „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde“, so bringen sie ihre Hoffnung und Enttäuschung auf den Punkt. Stattdessen ein erbärmlicher Tod am Kreuz! Kein Wunder, dass sie blind sind für den, der da mit ihnen geht und ihrer Trauer sein Ohr leiht. So wie ja auch wir blind werden für das, was hier und jetzt dran ist, wenn wir immerzu der Vergangenheit nachhängen mit ihren Verletzungen und Enttäuschungen oder aber der guten alten Zeit, in der alles besser war – vermeintlich oder tatsächlich. Blindheit für das Hier und Jetzt, weil die Seele in der Vergangenheit gefangen ist. Alte Menschen sagen manchmal: „Nach all dem, was ich im Krieg erlebt habe, kann ich nicht an Gott glauben. Dazu habe ich viel zu viel gesehen.“ Traumatische Erfahrungen im Krieg oder auf der Flucht haben Männer und Frauen für viele Jahre negativ geprägt, so dass sie für andere Erfahrungen Gottes verschlossen waren. Auch die beiden Emmausjünger werden die Folterung und den Kreuzestod Jesu wie einen Alptraum erlebt haben, den man nicht einfach abschütteln kann. Und so braucht es ja auch einen längeren gemeinsamen Weg mit dem Auferstandenen, damit sie ihre Seele wieder öffnen können für den Auferstandenen.
Die Blindheit der Jünger, sie hat aber auch noch eine andere Ursache. Der Auferstandene ist nicht einfach wieder der Vertraute, der Gleiche wie vorher. „Rühre mich nicht an!“, sagt er zu Maria Magdalena, die ihn zuerst für den Friedhofsgärtner hält. (Joh 20,17) In anderen Ostergeschichten geht Jesus durch Wände und verschlossene Türen. Das alles ist ein Ausdruck dafür, dass Auferstehung etwas anderes ist als Reanimation, als ein Zurückholen des Lebens, das gewesen ist. Paulus spricht davon, dass ein natürlicher Leib stirbt, aber ein geistlicher Leib aufersteht. Es geht also nicht darum, dass unsere Knochen wieder mit Sehnen, Fleisch und Haut überzogen werden, wie es ein Bild aus dem Propheten Hesekiel vorstellt (Hes 37,1-14). Sondern in der Auferstehung wurde Jesus und werden wir verwandelt. Das bedeutet eine neue Qualität von Leben, von Leib und Seele. Etwas anderes, etwas für uns jetzt noch Fremdes bedeutet dieses Leben. Und dieses Andere, Unbegreifliche stellt das Evangelium dar in der Blindheit der Jünger, die sonst unverständlich wäre.
Bisher hatte der Fremde nur zugehört und durch Fragen die beiden Jünger zum Erzählen gebracht. Dann aber antwortet er: „O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!“ Einen harschen Tonfall schlägt der Fremde jetzt an! Fast wirkt er wie ein Elephant, der durch den Porzellanladen geht! Dass Jesus geduldig zuhört, dass er den beiden zum Seelsorger wird, das habe ich erwartet. Aber was geschieht hier? Statt Worte des Trostes und des Mitgefühls beschimpft Jesus die beiden! „Toren seid ihr!“ Wer dieses alte Wort nicht recht versteht, dem sei’s in heutigem Hochdeutsch gesagt: „Narren seid ihr!“ Oder auf Karlsruherisch: „O ihr Simpel!“ Nicht gerade die Ansprache, die man als Trauernder erwarten möchte! Jesus reißt sie ganz hart aus ihrer Trauer und ihrem Selbstmitleid heraus. Der Fremde setzt einen neuen Akzent, den niemand erwartet hätte. Und dann gibt er ihnen eine neue Perspektive: „Musste nicht Christus dies erleiden?“
Solange sie nur in ihrem eigenen Saft geschmort haben, solange sie nur mit sich selbst beschäftigt waren und um sich selbst gekreist sind, haben sie nur ihre Trostlosigkeit gepflegt.
So geht es uns in der Kirche und in der Gemeinde auch manchmal. Die guten alten Zeiten werden beschworen, und was sich seit damals zum Schlechteren gewendet hat, beklagt. Was es doch damals alles gegeben hat und jetzt nicht mehr da ist, wie viel schöner doch damals alles war. Und wie man wieder dahin zurückkehren könnte, so laufen einige Diskussionen. Auch da könnte man manchmal fragen: Musste es nicht so kommen? Haben nicht auch in der Kirche alle Dinge ihre Zeit? Und darf es nicht auch in der Kirche ein „Aus und vorbei“ geben? Woher kommt es, dass in der Kirche scheinbar alles fortgesetzt werden muss, was irgendwann einmal begonnen wurde? Kaum hat eine Veranstaltung zwei- oder dreimal stattgefunden, schon spricht man von Tradition, und dass das fortgesetzt werden muss.
Jesus musste leiden und sterben um in seine Herrlichkeit einzugehen. Der geistliche Leib setzt voraus, dass der natürliche gestorben ist. Der irdische Jesus musste sterben um als Auferstandener für immer zu leben.
Wie finden die Jünger, wie finden wir ins Hier und Jetzt? Da muss ein Fremder dazu stoßen. Der muss sie herausreißen aus ihrem Kreisen um sich selbst, und der muss ihnen eine neue Perspektive geben. Vielleicht ist das ein Grund, warum in der Christenheit viele Jahrhunderte die Gastfreundschaft hochgehalten wurde. Der fremde Mensch verstört uns durch seine Unwissenheit – er weiß als einziger nicht, was da vorgefallen ist in den letzten Tagen. Er irritiert uns durch seine unerwartete Reaktion: Vorwurf, ja Beschimpfung statt Mitleid. Aber er lehrt uns, unsere Tradition mit neuen Augen zu sehen: „Er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“ Mose und die Propheten, die ganze religiöse Tradition war den Jüngern wohlbekannt. Aber das Wichtigste daran haben sie nicht sehen können, das hat ihnen erst der Fremde aufschließen können. Diese Erfahrung kenne ich auch: ich sehe etwas 1000 Mal ohne es wirklich zur Kenntnis zu nehmen, und dann sehe ich es plötzlich zum ersten Mal wirklich. So muss es den Jüngern auch gegangen sein: Sie lesen oder hören etwas immer wieder, zigmal, aber das Entscheidende überlesen, überhören sie jedes Mal. Bis eines Tages ein Fremder kommt und ihnen die Augen, das Ohr öffnet, das Herz brennen macht.
Das Wunderlichste geschieht aber erst am Schluss dieser Ostergeschichte. Die beiden nehmen den Fremden mit Gastfreundschaft auf, und der Fremde zeigt sich als der Ihre. „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“, so laden sie den Fremden zum Abendessen und zum Übernachten ein. Aus dem Abendessen wurde ein Abendmahl. Er nahm das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da erst haben sie ihn erkannt. Im Abendmahl erkennen sie in dem Fremden ihren Jesus. Wir feiern regelmäßig Abendmahl, weil wir glauben, dass wir da Gemeinschaft mit ihm haben und dass er uns da besonders nahe ist. Wir glauben, dass wir im Abendmahl dem Auferstandenen begegnen.
Im gleichen Moment als die Jünger Jesus erkennen, verschwindet er vor ihren Augen! Seltsam! Was kann das bedeuten? Eines scheint mir klar: als Auferstandener ist Jesus nicht als ein bestimmter Mensch greifbar. Sobald er erkannt wird, entzieht er sich auch wieder. Der Auferstandene kann uns in jedem anderen Menschen begegnen, kann in ihm sichtbar werden.
Aber dann ist er auch wieder weg. Mit manchen Menschen ist mir das so gegangen: als ich sie getroffen habe, hatte ich die Gewissheit, dass Christus durch sie zu mir spricht. Als ich sie beim nächsten Mal traf, da war alles ganz gewöhnlich, da war nichts Besonderes zu spüren. Ich schließe daraus, dass Christus sich mir in anderen, manchmal auch fremden Menschen zeigt, dass er in ihren Worten zu mir spricht. Das geschieht wann und wo er es will. Er bindet sich aber nicht dauerhaft an eine bestimmte Person, um mir zu begegnen.
In jedem Menschen kann Christus für mich sichtbar werden. Vielleicht ist das die stärkste Begründung der Würde des Menschen. Dann ist es aber auch eine starke Empfehlung dafür, mit Anderen, mit Fremden achtsam, würdevoll und erwartungsvoll umzugehen. Amen.

drucken