Weg zum Leben

Liebe Gemeinde,

das Osterfest ist unser wichtigstes Fest in der Christenheit. Wir haben ansatzweise die Karwoche, die Woche des Leidens Christi, miterlebt. Der Gründonnerstag etwa als der Tag des letzten Abendmahles mit seinen Freunden. Danach die Auslieferung an seine Feinde am selben Abend. Keiner war da, der mit ihm gewacht und gebetet hätte. Wir selbst haben das Abendmahl gefeiert an jenem Gründonnerstag und danach gesehen, wie leer und einsam der Altar geworden ist. Karfreitag dann als stiller Tag, als Tag der Trauer. Bei uns ohne Abendmahl und ohne Glocken, die Musik ist reduziert. Es sind die Tage der Angst der Jünger, wenn sie fragen: „War das alles? Ist nicht Christus den Tod gestorben und hat uns allein zurück gelassen?“ In der Osternacht dann erleben wir den Einzug des Lichtes: Christus ist nicht tot. „Christus ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Was das für die Jünger, ja für die Christenheit überhaupt bedeutet, ist kaum in Worte zu fassen. Der Tod hat nicht das letzte Wort behalten. Christus ist durch den Tod hindurchgegangen in ein neues Leben als Erstling – wir, die wir auf seinen Namen getauft sind, werden ihm einst nachfolgen. Es ist eine ungeheuer befreiende Botschaft. Früher hat man dieses Befreiende nachgebildet, auch im Gottesdienst. Und Sie kennen es vielleicht selber: ist eine Situation in Angst gefangen und löst sich dann aber zum Guten hin auf, so atmet man nicht nur durch, sondern es löst sich manchmal auch ein Lachen, ein befreiendes, ein aus der Tiefe des Herzens kommendes Lachen. So etwas gab es früher als Osterlachen auch in der Kirche. Man hat den Teufel ausgelacht. Man hat über ihn gelacht. Er, den Christus doch besiegt hat, darf keine Macht mehr über uns haben. Man kann natürlich alte Traditionen nicht einfach so wieder herstellen, aber ich will Sie heute auch daran erinnern, wie wichtig es sein kann, über den, der uns bedrängen will, zu lachen, weil man doch gewiss ist, dass man in Christus Jesus die Rettung gefunden hat. Lauschen wir also einer ersten Erzählung über den Umgang mit dem Tod.

„Markus und Peter haben Nüsse geklaut. Um nicht entdeckt zu werden, schleichen sie in die gerade offen stehende Leichenhalle, um sie zu teilen. Vor der Tür verlieren sie noch zwei ihrer Nüsse. In der Halle dann: "Eine für Dich, eine für mich; eine für Dich, eine für mich", murmeln sie. Der Küster kommt vorbei und hört den Sermon. Ihm sträuben sich die Haare. Er läuft zum Pfarrer: "Herr Pfarrer, in der Leichenhalle spukt es. Da handelt Gott mit dem Teufel die Seelen aus!" Der Pfarrer schüttelt nur den Kopf und geht mit dem Küster leise zur Leichenhalle. "Eine für Dich, eine für mich“ – tönt es weiter von drinnen- „eine für Dich, eine für mich. So, das sind jetzt alle. Nun holen wir uns noch die beiden vor der Tür!"

Trotz Ostern haben die Menschen weiterhin Angst, in unserem Witz sind es sogar zwei, die es eigentlich viel besser wissen sollten. Aber es gehört eben zum menschlichen Dasein, dass die Seite von uns, die an diesem Leben haftet und hängt, so sehr in Angst gerät, wenn dieses Leben bedroht wird. Dass es in unserem Witz gar keine reale Bedrohung gibt, zeigt, wie wenig dieser Umstand dabei oft eine Rolle spielt. Allein der Gedanke hat die Macht, diese Angst auszulösen.

Eine nächste, kurze Erzählung mahnt uns bereits ein wenig, doch genauer hinzusehen und wahrzunehmen, was denn wichtig ist im Leben, worauf es ankommt und worüber man sich vielleicht nicht so viele Sorgen machen sollte. Hören Sie selbst: „Eine Mutter kommt ins Zimmer Ihrer Tochter und findet dieses leer mit einem Brief auf dem Bett. Das Schlimmste ahnend macht sie ihn auf und liest folgendes: Liebe Mammi, es tut mir leid, Dir sagen zu müssen, dass ich mit meinem neuen Freund von zuhause weggegangen bin. Ich habe in ihm die wahre Liebe gefunden, Du solltest ihn sehen, er ist ja so süß mit seinen vielen Tattoos und den Piercings und vor allem seinem Megateil von Motorrad! Aber das ist noch nicht alles, Mammi, ich bin endlich schwanger, und Abdul sagt, wir werden ein schönes Leben haben in seinem Wohnwagen mitten im Wald! Er will noch viele Kinder von mir, und das ist auch mein Traum. Und da ich draufgekommen bin, dass Marihuana eigentlich gut tut, werden wir das Gras auch für meine Freunde anbauen. In der Zwischenzeit hoffe ich, dass die Wissenschaft endlich ein Mittel gegen Aids findet, damit es Abdul bald besser geht, er verdient es sich wirklich! Du brauchst keine Angst zu haben, Mammi, ich bin schon 13 und kann ganz gut auf mich selber aufpassen! Ich hoffe ich kann dich bald besuchen kommen, damit du deine Enkel kennenlernst. Deine geliebte Tochter … PS.: Alles Blödsinn, Mammi, ich bin bei den Nachbarn! Wollt Dir nur sagen, dass es schlimmere Dinge im Leben gibt als das Zeugnis, das auf dem Nachtkästchen liegt. Hab Dich lieb, deine Tochter.“

Die Angst, liebe Gemeinde, das kann man hierbei lernen, ist relativ. Die Tochter aus unserem Witz hat es geschickt angestellt und mit all den schlimmen Ängsten der Mutter gespielt, um dann schließlich die kleinere – das wahrscheinlich schlechte Zeugnis – zu einer Erleichterung werden zu lassen.

Hören wir mit dem Hintergrund dieser beiden, kurzen Geschichten, das Predigtwort für den heutigen Ostersonntag. Wir lesen es im Evangelium des Markus im 16. Kapitel, die Verse eins bis acht:

[TEXT]

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Dieser Stein symbolisiert die große Angst der Frauen. Der Stein ist so mächtig, so groß, so schwer, dass sie ihn gar nicht bewegen könnten. Ganz konkret versperrt er ihnen den Zugang zu dem, wo sie das wahre Leben glauben oder es zumindest, als Jesus von Nazareth noch lebte, gesehen haben. Dieser Mensch, der von Gottes Reich sprach. Der Mensch, der Kranke heilte und die Liebe Gottes zu den Menschen in seiner Person darstellt. Dort wollen sie hin. Aber der Stein liegt im Weg. In unserer Geschichte gesprochen ist es die Angst, dass dieser Stein, diese Trennung von Gott, das letzte Wort behalten könnte. Drei Frauen, selbst wenn sie stark wären, könnten doch den Stein niemals alleine fort bewegen. Auch bei uns gibt es genügend Steine, die wir vor dem Weg zum eigentlichen Leben liegen sehen. Sind es eingebildete Dinge, wie bei der Geschichte vom Küster und vom Pfarrer, oder sind es Dinge, wie bei dem Zeugnis, die uns aber trotzdem so schwer erscheinen, dass sie tatsächlich den Weg zum Leben verbauen können? Wir berufen uns auf Christus und auf diesen Ostertag an jedem Sonntag, damit wir erinnert werden, dass es seit Christi Tod und Sterben keinen Stein mehr geben kann, der den Weg zu Gott versperren kann.

Die drei Frauen leben eine Lösung, die sie vielleicht selbst gar nicht mit dem Verstand erfasst haben. Denn obwohl sie darüber nachdenken, wer diesen Stein für sie wohl wegwälzen könnte und sie also davon ausgehen, dass der Stein noch da ist, machen sie sich trotzdem auf den Weg. Sie gehen mit ihrer Angst dorthin, obwohl sie es besser wissen müssten. Und siehe da: der Stein war schon weggewälzt, die Soldaten spielen keine Rolle – auch sie hindern die Frauen nicht. Und sie dürfen erleben, dass der Weg, an den sie bisher geglaubt haben, in dieser Grabeshöhle kein Ende gefunden hat. Die Person im langen, weißen Kleid sagt zu ihnen: „Jesus ist auferstanden.“ An anderer Stelle heißt es: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Und er sagt noch mehr: „Geht wieder nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen!“ Sie wissen es, Galiläa ist der Ort der Hauptwirksamkeit von Jesus von Nazareth, sein Lebensmittelpunkt, wenn Sie so wollen. Dort hat er die Jünger berufen und mit ihnen gelebt. Der Engel – so wird der Jüngling im weißen Gewand oft gedeutet – sagt nicht, Jesus ist an einem Ort, der ganz neu und anders wäre und den die Frauen noch nicht kennen würden. Nein, er verweist die Frauen auf den Ort ihres alltäglichen Lebens. Dort kann man Jesus finden. Die Frauen und allen, denen diese Geschichte erzählt ist, müssen also dazu lernen. Dieser Weg zu Gott, dieser Weg zum Leben ist wieder offen, Christus lebt, und er lässt sich finden dort, wo ich in diesem Leben hingestellt worden bin. Dort will er mich erreichen, dort kann ich mich an ihn wenden. „Zittern und Entsetzen“ hatte die Frauen daraufhin ergriffen. Es ist ja auch eine ungeheure Aussage, die dort getroffen wird. „Jesus lebt und er will mir begegnen in meinem Leben, im Alltag meines Daseins!“

Es ist das Befreiende der Osterbotschaft, dass durch alle Widrigkeiten hindurch Gottes „Ja“ zu uns in seiner Liebe fest steht. Diese Liebe hat den Tod besiegt und alles, was uns diesem Tod anempfehlen will. Sie überwindet alle Ängste und steht über allen Sorgen. Sie ist uns versprochen, auch am Ende aller Zeit.

Wir sind seit jenem Ostersonntag gewiss: wir können aufatmen und in Freiheit leben zu diesem Christus hin. „Zittern und Entsetzen“ – das wissen Sie – wird uns freilich weiterhin genug anfallen, wie den Frauen aus der Geschichte, aber wir dürfen zu seiner freimachenden Botschaft immer wieder zurückkehren und manchmal können wir sogar lachen über das, was uns Angst gemacht hat. Auch an diesem Osterfest möchte ich Ihnen dazu Mut machen.

Und der Friede Gottes, der auch die stärksten Steine in unserem Leben wegzuräumen die Macht hat, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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