Was soll der Vorwurf eigentlich?

Was für ein merkwürdiges Verbrechen, dessen Jesus für schuldig befunden wurde: „Jesus von Nazareth, der König der Juden.“ Mit großen Lettern prangt der Schuldspruch in verschiedenen Sprachen über dem Kreuz, damit jeder und jede es in seiner eigenen oder in einer ihm vertrauten Sprache lesen kann. Warum nur die ganze Aufregung? Warum nur diese schlimmen Konsequenzen bis zum letzten qualvollen Atemzüge am Kreuz wegen eines solchen „Vergehens“.

Uns beunruhigt doch dieses „Verbrechen“, wenn es denn wirklich eins sein soll, überhaupt nicht mehr. Macht beanspruchen so viele, Macht üben so viele aus, ohne Könige oder ohne ausreichend legitimiert zu sein, aber sterben muss dafür keiner mehr – ganz im Gegenteil: ihr Abtreten,ihr Verschwinden als wirklicher oder als Geldadel von der Weltbühne wird meist noch königlich entlohnt und versüßt. Angst muss doch nur haben, wer um seine eigene, nicht legitime, missbrauchte Macht durch die Ansprüche eines anderen fürchten muss.

Die Römer, die als Besatzer empfunden wurden und mit dem göttlichen Anspruch des Kaisers die religiösen Befindlichkeiten Israels empfindlich störten und verletzten, denn Gott und König war und kann nur einer sein: der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Gott Israels, der die Väter aus der Sklaverei befreit und in das gelobte Land geführt hatte. „Vater im Himmel“ nannte Jesus ihn und lebte, als scheine Gott durch ihn in diese Welt hinein.

Die Frommen, die meinten schon immer alles zu wissen und Gott zu kennen, die mit solchen Störungen ihrer religiösen Gewohnheit und Vertrautheit überhaupt nicht umgehen konnten, die lieber alles in vertrauten Bahnen wissen wollten. Beunruhigt uns aber dieser Mann am Kreuz überhaupt noch? Der Karfreitag gilt landläufig immer noch als der höchste protestantische Feiertag, wohl weil die Reformatoren ihre Theologie, ihr Reden und Predigen von Gott, als Kreuzestheologie verstanden, als Deutung des Kreuzesgeschehens. Für viele heute ist der Karfreitag aber nur noch Eröffnung eines langen, frühlingshaften Osterwochenendes.

Das Kreuz irritiert wohl am Straßenrand, weil es dort von zerbrochenen Hoffnungen, tragischen Lebensgeschichten und jugendlichem Übermut erzählt und wir dabei innehalten und denken: mein Gott…, so jung und schon alles aus und vorbei? Es macht uns manchmal die Sinnlosigkeit dessen bewusst, was in dieser Welt und in unserem Leben so alles passieren kann und wird so zum Sinnbild aller menschlichen Verzweiflung und dem Rest von Gottesahnung, wenn wir zumindest hier noch fragen: warum Gott, warum?

Das Kreuz ziert unsere Grabmäler und markiert die Grenzen menschlichen Lebens : geboren und gestorben und dazwischen Jahre angefüllt mit Leben, mit Freundschaften, mit Wünschen, mit Anstrengungen und Erfolgen. Immer verbirgt sich ein ganzer Lebensroman hinter Stern und Kreuz, zwischen Geburt und Tod. Aus uns vorbei ? Ist das schon das ganze Leben oder gibt es doch mehr als alles ? Anstoß also einmalüber das Leben nachzudenken. Wo aber irritiert uns das Kreuz, das Leben, das Schicksal dieses Mannes von Nazareth noch wirklich?

Vielleicht ja, wenn wir den Machtanspruch Jesu wirklich an uns heran lassen würden. Könige sind nicht nur etwas für die Regenbogenpresse , die mit Glanz und Glamour Licht und Pracht in unseren Alltag bringen. Sie erheben Ansprüche – auch auf Menschen, auf Deutungen, auf Entscheidungen, auf Leben. Wer aber Herr im eigenen Haus und Herr im eigenen Leben sein will, wird sich angefragt, irritiert, abgestoßen fühlen. Was will mir der denn in mein Leben, Denken und Fühlen hineinregieren. Was will er mir mein Bild von Gott korrigieren, den ich mir doch längst bequem gemacht habe, damit er in mein Weltbild passt.
So war die Stimmungslage wohl damals in den Straßen und Gassen Jerusalems und so können die Kreuzigungsschreie eigentlich nicht wirklich überraschen.

Und hat sich daran etwas entscheidendes geändert? Lassen wir Jesus mit seiner Sicht der Dinge, mit seinem Reden von Gott,mit seiner Liebe zum Leben und seiner Einladung zum Aufbruch aus aller Schuldverstrickung im Alltag wirklich zum Zuge kommen?

Für mich ist das mehr als eine rhetorische Frage. Das ist genau der Horizont, vor dem unsere Väter und Mütter – historisch ja nicht unbewanderter als wir – zu der Selbsteinschätzung kamen: nicht die Römer und nicht die religiösen Volksvertreter allein haben diesen Tod zu verantworten: „Ich, ich und meine Sünden (EG 84,1)“ müssen dazu stehen – meine identischen Verhaltensmuster entdecke ich dort am Kreuz.

Ja, mein Leid, mein Elend, meine Verzweiflung, meine größte Not, in der mir das Kreuz Jesus ganz nah bringt – auch du hast gelitten … Aber auch mein Widerstand, das einer sich in mein Leben einmischt, Gutes mit mir vorhat und mich zu Gutem geleiten will wie ein guter Hirte, wenn ich denn nicht immer mein eigener Herr sein wollte ohne dann auch wirklich alle Konsequenzen allein tragen zu wollen. Es fällt schwer, anzunehmen und zuzulassen, dass Jesus es gut mit uns meint und liebevoll und verständnisvoll auf uns reagiert, wenn wir ihn denn Herr in unserem Leben sein lassen. All das ist das Kreuz!

Zwei erfahren das unter dem Kreuz beispielhaft: die Mutter Jesu und der Lieblingsjünger, den man immer für Johannes hielt. Beide verliert Jesus auch mitten in seinem eigenen größten Elend und Unglück nicht aus dem Blick. Er bleibt bei der Mutter in ihrer Trauer um den sterbenden Sohn und bei dem Freund, dem gerade alle Hoffnung und alle Perspektiven mit dem Sterben abhanden kommen. Und damit sind beide Sinnbild für uns, wie wir hier heute am Karfreitag sitzen – geprägt von unserem Leben, von unseren Enttäuschungen, unseren Abschieden und unseren Ängsten.

Stellt euch vor: Jesus, der leidende und sterbende bleibt allezeit aufmerksam für alles, was in uns leidet und in uns stirbt. Und er spricht es an: ich weiß darum. Und er verweist uns aneinander: bleibt nicht allein, sondern steht einander bei, weil ihr so dem Leben gewachsen sein werdet. Unter dem Kreuz mit seinen letzten Atemzügen lässt er erahnen, was er zum Heil und wohl der Menschen zurücklässt in dieser Welt: Gemeinschaft, die Menschen birgt in ihren Ängsten und Nöten, mit ihrer Trauer und enttäuschten Hoffnungen und mit ihrem Lebensmut, der doch immer wieder neue Nahrung braucht.

Maria und Johannes sind wahrhaft der Inbegriff der Kirche, der Gemeinde, der Gemeinschaft der begnadeten und beschenkten Sünder, der nicht allein Gelassenen, die Jesus bis zum Schluss am Herzen liegen. Er kann sterben mit den Worten: es ist vollbracht: er hat alles getan für Menschen, die Augen haben zu sehen und für Gott. Er hat alles gesagt für die, die Ohren haben.

In dem Augenblick, da er stirbt, bleibt mit der Anklage, die eigentlich ein Glaubensbekenntnis ist, die alles entscheidende Frage: Ist und bleibt er auch dein Herr, dein König, der dich herausruft in die wunderbare Freiheit der Kinder Gottes, der dir Auswege aus aller Schuld und Verzweiflung zeigt und dich gerne mitnehmen möchte auf den einen Weg, der nicht im Tod wird stecken bleiben, sondern zum Leben durchdringt?

Unter dem Kreuz lädt er ein, beisammen zu bleiben: siehe, dein Vater,deine Mutter, deine Schwestern und Bruder. Wenn wir dieser Einladung folgen, dann geben wir Gott wahrhaft die Ehre heute und alle Tage.

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