Eine unglaubliche Geschichte

„Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.“ Das berichten die Frauen den Jüngern, als sie wahrscheinlich noch ganz aufgelöst von der Begegnung mit den beiden Engeln am leeren Grab zurückkommen. Ob sie es wohl selbst schon glauben können, was sie gesehen und gehört haben? Die ZEIT vom Donnerstag – rund 2000 Jahre später – titelt groß: „Die unglaublichste Geschichte der Welt. Nichts klingt unwahrscheinlicher als die Auferstehung Jesu.“ Skepsis klingt da mit und doch auch staunende Faszination. Millionen von Menschen feiern bis heute Ostern – die Auferstehung Jesu.

Die Jünger damals jedenfalls halten das zunächst alles für Geschwätz der Frauen und glauben ihnen nicht (Lk 24,11). Nur Petrus schaut nach und wunderte sich über das, was geschehen war (Lk 24,12) – verstehen kann auch er noch nicht.

Auch den beiden Jüngern, die sich noch am selben Tag aufmachen und nach Emmaus gehen, auch denen wird es nicht anders gehen. Ich lese den ersten Teil von unserem heutigen Predigttext aus dem Lukasevangelium aus Kapitel 24:

[TEXT V.13-24]

Liebe Gemeinde, gehört haben die beiden schon, was ihnen die Frauen erzählt haben, aber angekommen ist das noch nicht. Das, was sie in den letzten Stunden und Tagen erlebt haben wiegt viel schwerer. All ihre Hoffnungen gekreuzigt und begraben. Wie soll es nun weitergehen?

Doch sie verharren nicht resignierend im Stillstand – so wie wir es ja manchmal tun, wenn uns schlimme Nachrichten erreichen, wenn wir gelähmt sind und uns jeglicher Antrieb fehlt. Die beiden machen sich auf den Weg nach Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Das, was sie erlebt haben, hat sie nicht sprachlos gemacht. Während sie miteinander gehen, da besprechen sie alles noch einmal. Sie erinnern sich an das, was war. Vielleicht versuchen sie ja zu verstehen, warum das passiert ist, wozu. Eine Frage, mit der wir uns ja heute auch noch schwer tun.

Auch als sich ein Fremden ihrem Weg anschließt, bleiben sie beim Thema. Sie wundern sich lediglich, dass der nun so gar nicht Bescheid weiß, was passiert ist. Ungläubig fragt Kleopas deshalb: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?

Es hat den beiden wahrscheinlich gut getan, dass sich endlich mal jemand interessiert. Dass sie erzählen können von dem, was sie umtreibt. Dass sie auch ihre Enttäuschung und ihre Zweifel loswerden: Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde.

Diesen Moment fängt Karl Schmidt-Rottluff in seinem Bild (Christus in Emmaus) auf – sie sehen es gleich beim Lied unter der Nummer 99 / hinten auf ihrem Liedblatt. Hinter den beiden liegt schon eine ganze Wegstrecke. Sie haben dem Fremden alles erzählt, was ihnen auf der Seele liegt. Doch dieser Tod am Kreuz hat die beiden gebeugt und bezwungen. Der eine von ihnen – rechts – ist völlig in sich gefallen. Nur mühsam kommt er mit seinem Stock voran. Sein Gesicht ist hart und kantig von Trauer, von Schmerz und Enttäuschung. Auch der linke Jünger geht gebeugt. Seine Arme hängen hilflos am Körper hinunter. Christus geht in der Mitte – als einziger aufrecht. Seine Hand ist erhoben, als wolle er etwas sagen, als wolle er der Trübsal und der Hoffnungslosigkeit Einhalt gebieten. Und dann scheint sich irgendetwas zu ändern. Denn der Jünger, der links geht, hebt den Kopf und wendet sich langsam Christus zu. Er scheint langsam zu erwachen aus seiner Starre.

Liebe Gemeinde, an dieser Stelle setzt der zweite Teil unseres Predigttextes ein:

[TEXT V.25-35]

O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben. Nach den behutsamen Nachfragen ändert sich jetzt der Ton, den Jesus anschlägt. Fast vorwurfsvoll könnten wir heraushören: Ja, habt ihr es denn immer noch nicht verstanden?

Liebe Gemeinde, ob uns heute Morgen dieser Vorwurf wohl auch gilt? Ich glaube, ein bisschen teilen wir schon die Mischung aus Faszination und Skepsis, die im Leitartikel der ZEIT zum Ausdruck kommt: „Die unglaublichste Geschichte der Welt. Nichts klingt unwahrscheinlicher als die Auferstehung Jesu.“ Viel können wir historisch-wissenschaftlich über diesen Jesus von Nazareth sagen – und doch bleibt Ostern ein Geheimnis. Ein Geheimnis, dass sich nur dem öffnet, der glaubt und der erkennt. Ein Geheimnis, das sich dem öffnet, der sich auf den Weg macht und der sich begleiten lässt. Ein Geheimnis, das sich dem öffnet, der es sich immer wieder neu sagen und erklären lässt.

Wohl auch deshalb erklärt Jesus seinen Jüngern einfach alles noch einmal: Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Er sortiert die letzten Tage ein in den großen Zusammenhang der Geschichte Gottes mit uns Menschen, in diese große Geschichte der Hoffnung der Befreiung. Wir heute wüssten nur zu gerne, was damals erzählt und erklärt wurde. Rückblickend sagen die beiden Jünger: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Doch in diesem Moment ahnen die beiden immer noch nicht, wer da mit ihnen geht. Es muss ihnen wie Schuppen von den Augen gefallen sein, als er am Abend das Brot gebrochen hat – an seinen Worten und an seinen Zeichen haben sie ihn dann doch erkannt. In diesem kurzen Moment muss sich für die beiden der Himmel geöffnet haben – ein kurzer Moment, in dem alles offen vor ihnen lag – wie beneidenswert. Erst im Rückblick, als Jesus schon wieder weg ist, da wundern sich beide, dass sie Jesus nicht gleich erkannt haben.

Liebe Gemeinde, obwohl uns diese beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus sicher viel voraus haben, eines haben sie doch mit uns gemeinsam: Sie sind ihren Weg nicht alleine gegangen. Wie oft denke ich manchmal im Rückblick: Da war ich doch nicht alleine, da muss einer mit mir gegangen sein. Wie oft merke ich, dass es mir gut getan hat, mir alles noch einmal von der Seele zu reden. Wie gut, dass einer da war, der mich an die große Geschichte Gottes mit uns Menschen erinnert – der mich herausgeholt hat aus meiner kleinen Geschichte und sie in einen größeren Rahmen stellt. Wie oft bleibt auch mein Begleiter wahrscheinlich auch unerkannt. Doch die Konsequenzen sind spürbar: Wie bei den Jüngern auf dem Bild kehrt plötzlich das Leben zurück. Der Blick richtet sich nach vorne, das Gehen fällt leichter. Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem. Die beiden Jünger scheinen nicht einmal zu Ende gegessen zu haben. Sie stehen auf und wenden sich dem Leben wieder zu. Das ist die Konsequenz von Ostern – wieder ins Leben zurückzugehen. Wie die beiden Jünger den Weg vom Dunkel ins Licht zu gehen, den Weg vom Tod in ein neues Leben.

Die ZEIT hat recht: Das mit Ostern, das mit der Auferstehung ist wirklich eine unglaubliche Geschichte – eine, die ich nur glauben kann. Eine Geschichte, die man mir wohl immer wieder neu erzählen muss. So lange, bis ich sie nicht nur gehört habe, sondern bis sie auch bei mir angekommen ist – bis auch mir die Augen geöffnet werden. Wann das sein wird, das wissen wir nicht, doch wir wissen, dass wir unseren Weg nicht alleine gehen. Wir wissen auch, dass sich der Auferstandene einladen lässt, wenn wir ihn bitten wie die beiden Emmausjünger:

Bleibe bei uns, Herr… Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche. Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt. Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem heiligen Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen. Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes. Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit. (Georg Christian Dieffenbach).

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