Die Nabe

iebe Gemeinde,

an Ostermontag sind wir wieder beisammen, um der Geschichte nachzulauschen, die an Ostern begonnen hat. Wir haben von den Frauen gehört, in der Darstellung nach Matthäus und in der von Markus, nun hören wir von einem Teil der Männer, dies in der Darstellung nach Lukas im 24. Kapitel, die Verse 13 bis 35:

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Wie schwer es doch ist, Vertrauen in die Macht Gottes zu haben! Da haben diese Männer schon von den Frauen gehört, dass Jesus auferstanden ist. Und einige von ihnen gingen sogar hin, um das leere Grab zu betrachten. Aber all das hat wohl nichts genutzt. Denn die Männer können´s nicht fassen und sie haben keinen Mut, daran zu glauben. Deswegen sind sie deprimiert und traurig. Das Osterlicht hat sie noch nicht erreicht.

Vielen Menschen geht das so: sie hören die Verkündigung des Wortes Gottes oder zumindest die Einladung dazu durch die Verkündiger, seinen es die großen Kirchen oder aber durch einzelne Personen. Aber es durchdringt ihre Wirklichkeit noch nicht. Sie bleiben gefangen in ihrer ganz speziellen Traurigkeit. Und die Gründe dafür sind so mannigfaltig, wie wir es aus unserer eigenen Gemeinde kennen. Der Tod eines geliebten Menschen. Die Sorge um die Arbeitsstelle. Der Druck in der Schule. Der Streit unter Freunden. Und die Sorgen haben die Fähigkeit so zu tun, als wären sie das Wichtigste im Leben. Als würde alles sich automatisch an ihren ausrichten. Vielleicht erklärt sich daher die Blindheit dieser beiden Jünger. Da kommt Jesus in Person zu ihnen auf den Weg und sie erkennen ihn nicht! So sehr hat sie die Sorge und Traurigkeit gefangen genommen und geblendet. Gott-sei-Dank kennen wir aber auch das Gegenteil: die unbandige Freunde, das Glücklichsein. Versuchen Sie sich an Ihren letzten glücklichen Moment zu erinnern! Vielleicht als die Sonne endlich durchkam nach diesen langen Tagen der Kälte und der Dunkelheit? Der beginnende Frühling, der bei vielen die Lust am Leben erst wieder richtig weckt? Natürlich oder hoffentlich auch das liebe Wort oder die liebevolle Geste des Partners. Die Freude an den Kindern. Und doch scheinen diese Momente des Glücks immer wieder schnell vergessen und das große „Aber“ schiebt sich davor. Manches davon registriert der Verstand als nicht wichtig im eigentlichen Sinne und doch empfindet das Herz es anders. So etwas kann lähmen und unendlich Energie binden. In der Osternacht und im Hauptgottesdienst haben wir bereits zwei Antworten gehört, wie Matthäus und Markus damit umgehen, welchen Rat sie für uns heute haben.

Lukas will uns heute die dritte geben. Wieder eine eigene, eine ihm spezielle Antwort. Wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, kann man es die „soziale Antwort“ nennen. Er verweist uns auf die Begegnung mit dem Lebendigen selbst. Erst als die Jünger im Ritual des Brotbrechens ihren Meister wieder erkannt haben, konnte die Freude in ihren Herzen Raum greifen und sie mit Mut und Hoffnung zurückschicken nach Jerusalem, um die gute Botschaft unter die anderen Jünger zu tragen. Und diese Begegnung mit dem Lebendigen selbst darf man sogar noch weiter fassen. Denn es geht nicht dabei um eine Erscheinung von Jesus selber, sondern um den Christus im Nächsten. Helmut Thielicke, ein bekannter Theologe, schreibt seine Erfahrung nieder: „Ich habe einmal, kniend im Steppensand, mit einigen Hereros in Südwestafrika das Mahl des Herrn gefeiert. Keiner verstand auch nur einen Laut von der Sprache des anderen. Aber als ich mit der Hand das Kreuzeszeichen machte und den Namen "Jesus" aussprach, strahlten ihre dunklen Gesichter auf.

Wir aßen dasselbe Brot und tranken aus demselben Kelch, und sie wussten nicht, was sie mir alles an Liebe erweisen sollten. Wir hatten uns nie gesehen. Soziale und geographische und kulturelle Grenzen standen zwischen uns. Und doch umschlossen uns Arme, die nicht von dieser Welt sind. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich begann die Pfingstgeschichte zu begreifen. Ich verstand das Wunder der Kirche.“

Es ist, liebe Gemeinde, unter anderen diese Erfahrung des gemeinsamen Mahles, welches seine Deutung in den Wortes Jesu selbst findet. Die Erfahrung haben einst die Emmausjünger gemacht und sie ist heute noch genauso möglich. Die Gemeinschaft unter dem gedeuteten Wort. Z.B. im Gottesdienst, in den Andachten, im Hauskreis, in den verschiedenen Gemeinschaften der Jugend, die wir hier am Ort haben usw. Dort wo mir ein Bruder oder eine Schwester in Christo unter diesem Wort begegnet, mich segnet, mit mir betet, mir mit das Brot teilt, mit mir schweigt, sich mit mir freut. Überall dort begegnet mir Christus selber – er vermittelt sich durch sein Wort. Der Glaube kommt aus der Predigt, sagt Martin Luther. Er kommt aus diesem Hören des gedeuteten Wortes in der Gemeinschaft. Das ist die Emmauserfahrung der zuvor traurigen und später freudigen Jünger und es ist die Antwort des Lukas auf unsere Frage, wie wir mir den Ängsten und Sorgen des Alltags fertig werden können.

Ich will es noch einmal an einer anderen Erzählung verdeutlichen: „Der Abt eines Klosters wurde von Besuchern gefragt: "Wie ist es möglich, dass alle Mönche trotz ihrer verschiedenen Herkunft, Veranlagung und Bildung eine Einheit darstellen?"

Statt einer theoretischen Erklärung antwortete der Abt mit einem Bild: "Stellt euch ein Rad vor. Da sind Feige, Speiche und Nabe. Die Feige ist die umfassende Mauer, die aber nur äußerlich alles zusammenhält. Von diesem Rand des Rades aber laufen die Speichen in der Mitte zusammen und werden von der Nabe gehalten. Die Speichen sind wir selbst, die einzelnen unserer Gemeinschaft. Die Nabe ist Jesus Christus. Aus dieser Mitte leben wir. Sie hält alles zusammen."

Erstaunt schauten die Besucher auf, sie hatten etwas Wichtiges verstanden. Doch der Abt sagte weiter: "Je mehr sich die Speichen der Mitte nähern, um so näher kommen sie auch selbst zusammen. Ins konkrete Leben übertragen heißt das: Wenn wir uns Christus, der Mitte unserer menschlichen und geistlichen Gemeinschaft, wirklich und ganz nähern, kommen wir auch einander näher. Nur so können wir miteinander und füreinander und damit auch für andere leben."

Diese Erfahrung von Ostern, diese Gegenwart des lebendigen Christus, der den Tod besiegt hat, wünsche ich uns allen.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es uns vorstellen können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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