Die letzte Hand auf dem Stapel

Liebe Gemeinde!

Als Kinder haben wir ein Spiel gespielt: Hände stapeln. Abwechselnd ist der eine oder der andere dran. Wer keine Hand mehr frei hat, darf die unterste herausziehen. Das ganze wird immer schneller, bis es in ein fröhliches Chaos mündet. Dieses Spiel wird auch in einer gar nicht so lustigen Form gespielt. Davon erzählt ein Volkslied [vermutlich kenne ich es aus dem „Zupfgeigenhansl“]:
„Wenn hier ein Topf mit Bohnen steht und dort ein Topf mit Brüh,
dann lass ich beide Töpfe stehn und tanz mit mein‘ Marie.
Und wenn Marie nicht tanzen will, dann weiß ich was ich tu:
Ich steck sie in den Hafersack und bind ihn oben zu.
Und wenn sie dann noch schreit: Ach guter Mann mach auf!
Dann bind ich ihn noch fester zu und setz mich oben drauf.“

Es gibt noch eine etwas andere Fassung desselben Liedes
[vgl. www.beepworld.de/members/nostalgie/xxx.htm]:
„Kleiner Schelm bist du! Weiß du, was ich tu:
Ich steck dich in den Hafersack und bind ihn oben zu.
Und wenn du dann noch schreist: Ach bitte, lass mich raus!
Dann bind ich ihn noch fester zu und setz mich oben drauf.“
Und ich stelle mir vor, dass Marie es ihrem kleinen Sohn vorgesungen hat, wenn er mal etwas wild war… Auf den Tag hat sie gewartet, an dem sie oben sitzt und einem kleinen Jungen Angst machen kann. Der Sohn sucht sich später dann wieder eine Marie … und so geht es immer weiter. Und was ich am Beispiel der Machtkämpfe zwischen Männern und Frauen geschildert habe, gilt ähnlich für andere Unterdrückungs-verhältnisse. Manche Diktatoren haben ganz klein angefangen, Entbehrungen und Demütigungen erlebt. Nicht immer kommt jemand von unten so weit nach oben. Aber die meisten von uns haben wenigstens die Möglichkeit, nach dem Radfahrerprinzip „Nach oben zu buckeln, nach unten zu treten“.

Der Ober sticht den Unter. Ich sehe vor mir einen Turm aus Hafersäcken, der bis in den Himmel reicht. Was könnte diesen Turmbau zu Babel zum Einsturz bringen, damit alle frei werden?

Ich lese den Predigttext: Mk 16,1-8

[TEXT]

Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? So fragen die Frauen auf dem Weg zum Grab. Ostern lässt sich nicht herbeizwingen, durch die Kraft der Wünsche, der Fantasie. Vielleicht erwarten wir, dass Gott den Turm von oben her zum Einstürzen bringt. Stattdessen identifiziert sich Gott mit Dem ganz unten. Gibt dem Schwächsten die Kraft, nach oben zu drücken, aufzustehen. Und alles gerät ins Wanken. Die Frauen bekommen Angst. Vor lauter Entsetzen und Schrecken erzählen sie nichts.

Das sind ja schöne Osterzeuginnen! Erst einmal sind es Frauen, deren Zeugnis vor Gericht damals nichts galt. Und dann noch behalten sie vor lauter Angst die aufgetragenen Worte für sich.

Seltsamerweise ist gerade deshalb das Osterevangelium nach Markus so glaubwürdig. Denn wenn jemand es hätte erfinden wollen, hätte er doch lieber voll geschäftsfähige Männer zum Grab gehen lassen. Und selbstverständlich hätten sie tapfer den Schrecken überwunden und prompt Bericht erstattet. So hätte ein ausgedachtes Osterevangelium ausgesehen. Dagegen merkt man Mk 16 die Nähe zu einem tatsächlichen Geschehen an.

Also, die Schwäche wird zur Stärke. Die Verhältnisse und Wertungen werden auf den Kopf gestellt. Es ist deshalb auch berechtigt, dass Frauen immer wieder Kraft und Selbstbewusstsein geschöpft haben aus der Tatsache, dass sie als erste die Osterbotschaft gehört haben. Der ganz unten ist aufgestanden. Nun darf auch Marie nach oben drücken und aufstehen.

Und die Männer, Petrus und die andern Jünger, dürfen Umwege machen. Galiläa – das bedeutete für sie, wieder ihren Beruf auszuüben, als Fischer. Dort erlebten sie die ersten Erscheinungen des Auferstandenen, von denen auch Paulus weiß. Und auf die der Engel hinweist: sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Wahrscheinlich haben diese Jünger nach Rückkehr aus Galiläa den Frauen von den Erscheinungen erzählt und von ihnen dann erst die Sache mit dem leeren Grab gehört. Beide hatten den Eindruck: das passt zusammen. Beides zusammen ist überzeugend. Also, wahrscheinlich ist die Osterbotschaft entstanden, indem die Männer und die Frauen aus dem Jüngerkreis unabhängig voneinander eine Erfahrung machten. Ein schönes Zeichen für die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche.

Die Osterbotschaft ist keine Geheimsache geblieben. Doch die verschiedenen Zeugnisse vom Ostergeschehen zu vergleichen ist immer noch spannend, wie bei Geheimdienstinformationen. Vor allem aber ist ihr Inhalt brisant. Es könnte manchen Herren lieber sein, wenn er geheim bleibt. Denn wenn Menschen die Angst vor dem Tod verlieren, im Namen von einem, der ganz unten war und wieder aufgestanden ist – wer weiß, wen sie dann noch alles nicht mehr fürchten!

Der Tod legt immer als letzter seine Hand auf den Stapel. Er sorgt dafür, dass der Turm nicht in den Himmel wächst. Er behält den Daumen drauf. Er ist der oberste Herr und Unterdrücker. Die mittelalterlichen Totentanz-Darstellungen zeigen Menschen von unterschiedlichem Stand und sozialer Stellung, die alle mit dem Tod tanzen müssen. Der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti hat darüber nachgedacht: macht der Tod wirklich alle gleich? Was ist mit der Beerdigung, dem Grab? Und wenn der Tod alle gleich macht, wem nützt die Aussicht auf eine ausgleichende Gerechtigkeit nach diesem Leben? Ist sie ein willkommenes Mittel, um die Machtverhältnisse auf der Erde zu zementieren?
Ich lese zum Schluss 2 verschiedene Gedichte von ihm zu diesem Thema:

das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer

das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben im teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern

aber es kommt eine auferstehung
die anders ganz anders wird als wir dachten
es kommt eine auferstehung die ist
der aufstand gottes gegen die herren
und gegen den herrn aller herren: den tod
K.Marti, Zart u. genau, Reflexionen, Geschichten, Gedichte, Predigten, Berlin 1985, S.232.
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme,
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer.

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer.

Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren.
K.Marti, zit. n. „Gottesklang. Das kleine Liederbuch“, Kirchentag Stuttg. 1999, Kreuz Verl., Nr.11, S.21.

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