Das ist Ostern

Liebe Gemeinde,
wie sich doch alles im Lauf von knapp zweitausend Jahren verschoben hat. Wir kommen in die Kirche und singen selbstverständlich "Wir wollen alle fröhlich sein" und reden von der Auferstehung, als wäre das die normalste Sache von der Welt. Aber genau genommen: normal ist das nicht. Es gibt Leute, die sagen: dass Jesus gelebt hat und ein guter Mensch war, das ist o.k. Aber das er auferstanden ist, das geht mir zu weit. Normal ist das nicht. Andere sagen wieder: also wenn das nicht ist und wenn es nicht so passiert ist, wie es drin steht, dann brauch ich gar nicht glauben. Beides kann ich zunächst mal hören.

Und dann nehme ich meine Bibel in die Hand und lese aus dem ältesten Evangelium, wir haben ja vier, die zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben sind, die Ostergeschichte. Und da erstaune ich, denn in unseren schönen Liedern und Gebräuchen kommt diese Geschichte gar nicht vor. Wir haben uns mit Ostern und Auferstehung so einfach eingerichtet und merken gar nicht mehr, was da damals los war. Nur wenn dann unsere Zweifel mal hochkommen oder andere uns anfragen, dann ahnen wir: normal ist das nicht.

Da gehen also drei Frauen zum Grab. Sie wollen den Jesus, wie es üblich war, salben. Eigentlich war es Unsinn, denn das Grab war zu und den Rollstein kriegen auch drei Frauen nicht weg. Irgendwas treibt sie trotzdem. Wie das im Leben so ist, gegen alle Vernunft treibt uns was an. Und tatsächlich, der Stein ist schon weggerollt. Mich wundert, dass das die Frauen nicht wundert, denn sie gehen gleich rein in die Grabkammer.

Und dann der Schreck. Jesus sehen sie nicht. Aber ein junger Mann sitzt da. Weiß gekleidet. Wir ahnen sehr schnell, das könnte ein Engel gewesen sein. Die Frauen erschrecken nur. Da war nichts mit "Wir wollen alle fröhlich sein". Ostern beginnt mit dem großen Schock. Und das ist normal. Denn alles, was Menschen sich vorstellen oder besser nicht vorstellen können, wird von Ostern hinterfragt. Da ändert sich das ganze Weltbild. Wenn Ostern geschieht, ändert sich der Blickwinkel. Das macht Angst, wie uns oft das Neue Angst macht. Weil wir uns in unserem Leben und den Dingen, die dazu gehören, eingerichtet haben. Denn das haben die Frauen nicht erwartet. Die Frauen haben ja nicht gesagt, wir gehen mal zum Grab, mal sehen, ob er auferstanden ist. Jesus war tot, das war Fakt. Ein verschlossenes Grab hätte sie nicht erschreckt. Vielleicht traurig und hilflos gemacht, weil sie Jesus nicht salben konnten. Aber jetzt…Jetzt können sie ihn doch nicht salben. Aus einem ganz anderen Grund war der Weg umsonst.

Und dann sagt dieser junge Mann den Frauen: habt keine Angst. Wir kennen das aus der Bibel. Immer wenn Gott etwas Unerwartetes tut, erschrecken wir Menschen und freuen uns gar nicht. Und darum schickt Gott immer erst mal jemanden, der sagt: fürchte dich nicht. Maria, du wirst ein Kind kriegen, fürchte dich nicht. Oder ihr Hirten, geht nach Bethlehem, fürchtet euch nicht. Und dann kommt die Botschaft, die seither um die Welt geht. Ihr werdet Jesus nicht bei den Toten finden. Denn Gott hat ihn auferweckt. Und ich bin immer froh über dieses Wort auferweckt. Er hat ihn nicht aufgeweckt und er hat ihn auch nicht einfach aufstehen lassen. Auferweckt ist das Wort für ein Geheimnis, das immer ein Geheimnis bleiben wird. Auferstehung ist keine Reanimation. Und erst später werden die Menschen merken, dass Jesus ganz anders lebt und bei ihnen ist. Jetzt erst einmal werden die Frauen weggeschickt. Etwas Entscheidendes passiert. Leute, bleibt nicht dort, wo der Tod Euch festnageln will. Starrt nicht auf das, was Euch verloren gegangen ist. Lasst die Scherben Eures Lebens hinter Euch und schaut nach vorn. Und erzählt es weiter. Sicher kennen wir das auch. Solche Um-und Abbrüche im Leben. Da ist etwas wie tot. Beziehungen sterben. Arbeit geht verloren. Eine Krankheit schränkt das Leben ein. Die Krise macht uns hilflos und man muss einfach mit. Und wir treffen uns und weinen und klagen, möchten das Gestorbene balsamieren. Noch was Gutes draus machen. Und da sitzt einer und sagt: Geht ins Leben. Hier findet ihr nichts mehr. Normal ist das nicht. Und wir erschrecken, kann das denn wahr sein, kann Gott das denn machen, soll das Neue wirklich etwas Gutes sein?

Und dieser Bote von Gott drängt uns hinaus. Keine Fragen, die Frauen gehen. Aber nicht etwa mit Halleluja, der Herr ist auferstanden. Das kommt später. Halleluja kommt dann, wenn das Leben neu nach uns greift, wenn das Alte, das Tote immer weiter nach hinten rückt. Die Frauen sind entsetzt. Und sie sagen es niemandem. Wer wird ihnen glauben? Sie haben die Auferweckung ja nicht gesehen, waren nicht dabei, als es geschah. Niemand war dabei. Später wird Jesus ihnen erscheinen. Aber jetzt noch nicht. Sie haben nur das Wort. Ein Wort, das sie mit Schrecken gehört haben. Wie gut, dass das so aufgeschrieben ist. Ich sehe mich da selber stehen. Vor den Augen noch das Schlimme. Keine Vorstellung daran, wie es weiter geht. Und dann die Botschaft: Jesus ist dir voraus, Jesus ist schon auf deinem Weg vor dir. Und auf diesem Weg wirst du ihn sehen, erleben. Also nicht nur, liebe Frauen, glaubt und erzählt es weiter, nein, geht ins Leben, um ihm zu begegnen. Ostern ist eine Gehe-Geschichte. Ostern beginnt an diesem Morgen, drei Tage nach Karfreitag. Und dazwischen liegt die Entscheidung von Gott, es nicht auf sich beruhen zu lassen, dass wieder mal eine Hoffnung stirbt. Sondern dass die Hoffnung einen neuen Grund bekommt, einen beständigen Grund.

Ich wünsche uns, dass wir das bei uns erleben. Es spielt keine Rolle, ob wir es uns vorstellen können und wie wir es uns vorstellen. Da mag jeder auch ein eigenes Bild haben. Die Bibel hält sich dabei nicht auf. Wir hören einfach: habt keine Angst und geht. Und dort, wo ihr hingeht, da ist er schon. Und dort, wo ihr hingeht, werdet ihr ihn erleben. Und das ist Ostern.

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