Inthronisation der Menschlichkeit

Liebe Gemeinde,

Kein Kreuz im Versammlungsraum.

„Hier hängt ja gar kein Kreuz“, unterbrach er unvermittelt das Gespräch. Dank seiner diplomatischen Erfahrung konnte unser Gegenüber die peinliche Situation rasch überspielen. Immerhin befanden wir uns – die oberfränkischen Dekane – in einem kirchlichen Raum. Nicht in irgendeinem, sondern dort in Berlin, wo die Spitze der Evangelischen Kirche mit hohen Regierungsvertretern zu tagen pflegt. Der Schuldige war schnell ausgemacht. „Ich rede einmal mit der Hausverwaltung“, meinte unser hochgestellter Gastgeber.

Aus Klassenzimmern wurde das Kreuz an etlichen Orten herausgeklagt. Vor allem dann, wenn es auch den Gekreuzigten abbildete.

„Schenken sie den Kindern bitte kein realistisch wirkendes Kreuz“, bat eine Mutter in einer meiner früheren Gemeinden uns Pfarrer. „Die Konfirmation ist doch ein fröhliches Fest. Das passt das nicht dazu“.

Nun weiß ich nicht, ob in Berlin im gediegenen Tagungsraum mittlerweile ein Kreuz angebracht worden ist. Und ob jene Mutter immer noch in gleicher Weise denkt, mag dahin gestellt bleiben. Gerichtliche Verfahren gegen unser Erkennungszeichen hat es in letzter Zeit nicht mehr gegeben.

In unseren Räumen

Genug vom Blick in andere Räume. Und in unseren Räumen? Wie schaut es da aus? Nun will ich nicht wie weiland die Pfarrer im 18. Jahrhundert in ihre Häuser und Wohnungen, liebe Gemeinde, eindringen und kontrollieren, ob sie sich als brave Christen zu erkennen geben.

Und in unseren Räumen? Wir bleiben bei dieser Frage, machen daraus aber keine Hausdurchsuchung. Wir wandern durch die Räume unseres Lebens.

In der Kindheit könnten wir anfangen. „Unbeschwert und heiter“ soll sie sein, doch es gibt genug unter uns, bei denen diese sonnigen Beiworte düsteren Wolken Platz geben mussten. Das mag bei den älteren unter uns die Todesnachricht gewesen sein: „Vater ist gefallen.“ Oder der Alptraum, als Vater und Mutter mit ihrer Trennung dem jungen Herzen alle Kraft geraubt hatten. Wir könnten in Gedanken zurückkehren in unsere Klassenzimmer und Schulwege noch einmal durchleiden mit all den Demütigungen und panischen Ängsten.

In Werkhallen hängt selten ein Kreuz. Mitmenschen aber haben unendlich grausame Phantasie und Durchhaltekraft, das Arbeitsleben eines Schwächeren in täglichen Kreuzweg umzuwandeln.

Wohl viele von uns haben genügend dunkelkalte Räume im Leben durchschreiten müssen und könnten von ihren Tränen und grauenvollen Ängsten erzählen. Da muss niemand erklären, was mit Jesus im Garten Getesemane geschehen ist. Man versteht es „existentiell“, wie Philosophen sagen.

Es gibt genügend unter uns, denen schlimmste Demütigungen lebenslange Narben schlugen. Was mit der Seele geschieht, wenn ein wehrloser Körper mit groben Händen gequält und gemartert wird, mag jeder ahnen.

Nun haben wir erst eine Seite unserer Lebenswohnung durchmustert, den linken Flügel mit der Aufschrift „Wo ich Opfer war“. Und wenn wir rechts abbiegen und die Türen öffneten, darüber steht: „Ich als Täter?“ Was da wo alles ans Licht käme, blickten wir wieder einmal in die Gedächtnistruhen, in denen Schuld und Lebensgeheimnisse fest verborgen lagern.
Schnell weiter! Bedrängend und doch eher zu ertragen sind die Augenblicke unseres Lebens, in denen fremdes Leid unseren Augen präsentiert wird:„Ich als Zuseher“. Bleiben wir in diesem Jahr: Grausames Bombardement des Gaza-Streifens. Entsetzliches Massaker in Winnenden. Erdbebenopfer in Italien. Autobomben. Familienmorde. Verzweifelung und Tod überall.

Was sollen wir denken?

Weil Karfreitag ist, mag man halbwegs gewillt sein, eine derart düstere Tour zu unternehmen. Was sollen wir nun denken?
Die Evangelien berichten auffallend nüchtern über den Gang Jesu zum Kreuz. Es fehlt, was wir in Gedanken hinzufügen. Es fehlen die abwertenden Worte! Von Pilatus heißt es nicht, er sei „feige und wankelmütig“. Die Soldaten treten auf und keiner der Evangelisten nennt sie „unmenschlich und grausam“. Die Beiworte „habgierig und dumpf“ fehlen bei ihnen ebenso wie die Worte „unbelehrbar, dogmatisch und machtgierig“ bei den Hohepriestern.
Was sollen wir denken über den Menschen, über uns und andere angesichts all der düsteren Räume

In den Zeiten unserer „Krise“ suchen wir Schuldige: Habgierige Banker stehen am Pranger. Unser Finanzminister entblödet sich nicht, wohlhabende Menschen pauschal zu kriminalisieren. Empfänger von Sozialleistungen stehen ebenso pauschal unter Verdacht, den Staat zu betrügen. Wir üben gerne die Aufteilung von „Opfern und Tätern“. In juristischen Fällen berechtigt. Aber sonst?

Das biblische Denken geht einen anderen Weg.
Jesus opfert sich den Menschen. Ein Opfer – alle anderen Täter. Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld, doch Sünde ist nicht wasserlöslich.

Was sollen wir denken über uns? So ist der Mensch: Grausam, habgierig, lüstern und nur auf sich bedacht?
Es gibt einen guten Grund dafür, dass den Tätern am Kreuz keine Herabsetzung widerfährt. „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Diese letzte Fürbitte Jesu, von Lukas überliefert, ist weit mehr als der heldenhafte Akt eines Sterbenden. Diese Bitte ruft Gottes Liebe, ruft seine Vergebung ins düstere Menschenleben hinab.

Inthronisation

Wenn wir diesem Gedanken folgen, könnten wir sagen: Der Kreuzestod Jesu verwandelt unseren Blick auf das Menschsein. Es kommt das in den Blick, was wir eingangs unserer Predigt im Durchwandern der Lebensräume erkennen mussten: Hinfälligkeit, Leid, Elend, Tod und Schmerz als die dunklen Fäden, eingewebt in unsere Existenz. Sie bleiben, auch wenn wir sie leugnen, anderen die Schuld dafür zuschieben, Gott fluchen oder wie immer wir uns dazu verhalten wollen. Das Kreuz stellt den Menschen in ein Licht, das so wirkt, wie tief stehende Sonne bei unseren Fenstern: Auf einmal sieht man- trotz aller Reinlichkeit – nichts als Flecken und Streifen.

Das Kreuz des sterbenden Gottessohnes offenbart die Hinfälligkeit, Schwäche und Fehlbarkeit unseres Lebens. Damit zu leben, fällt uns schwer. Es fällt uns schwer, von unserem Denken in „schwarz/weiß“, vom Denken „gut und böse“ Abschied zu nehmen.
„Der ist beschädigt“, sagt man seit einiger Zeit gerne von vornehmlich Politikern, wenn es ihnen nicht gelungen ist, ihre Fehler gänzlich einem anderen aufzuhalsen. Oder wenn es ihnen nicht gelungen war, die Illusion aufrecht zu erhalten, alles im Griff zu haben. Es scheint vorausgesetzt, dass es eine Art „unbeschädigten“ Lebens gibt: Untadelig, fehlerfrei, machtvoll, kräftig, gesund, entschieden, bestimmend, gut aussehend, wohlhabend. Vom Standort des Kreuzes aus wird diese ganz auf eigene Macht setzende Lebensweise als Selbstbetrug entlarvt. Leider akzeptieren wir i.d.R. nur solche Politiker, die uns dieses Trugbild weiterhin vorspielen. „Wer die Wahrheit sagt, verliert die Wähler“, konstatiert einer der führenden, deutschen Journalisten. Es ist zu befürchten, dass er recht hat.

Abschied von der Allmacht

„Wir haben alles im Griff“. Unsere Management-Konzepte leiten uns. Alles ist machbar. Wir lenken diese Welt. Leistung, verwertbare Leistungskraft ist einziges Merkmal. Unsere Zeit wird verknappt, weil auch sie in Euro umgerechnet wird. Aus Menschen wurde „Humankapital“, das ebenso wie alles andere den Marktgesetzen unterworfen wurde. Wer nicht funktionierte, Fehler oder Schwäche zeigte, erwies darin seinen Unwert. Tausende von Frauen lassen ihren Körper „reparieren“, um dem makellosen Ideal zu entsprechen. Genetiker verheißen, letzte Defekte auszumerzen. Wenn nichts hilft? Die Ausgesonderten zählen wir in Millionen.
Wir erleben alle zusammen, wohin uns diese menschliche Überheblichkeit geführt hat. Es ist Zeit, vom Allmachtswahn des Menschen Abschied zu nehmen, der sich selbst als rational ausgibt und doch voller Gier, Angst und Eitelkeit nur so strotzt. Wer Schwäche hast, wird sich ihr gegenüber gewalttätig verhalten. Psychologen sagen: Angst, Todesangst ist das, was uns so unmenschlich werden lässt. Angst, nicht genug zu bekommen; Angst, zu versagen; Angst, nicht geliebt zu werden; Angst vor Fehlern; Angst vor dem Unbekannten; all diese Ängste wirken in uns und durch uns. Angst verzerrt unser menschliches Gesicht und wir prägen es dieser Welt ein.

Genug der Opfer, die dafür erbracht worden sind. Immer weniger Menschen müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten. Nein, daran sind nicht „die anderen“ schuld. Beobachten sie sich doch selbst beim Warten auf die bestellte Mahlzeit in einem Restaurant.

Kreuz und Licht

Man sagt, der Evangelist Johannes habe seinen Bericht über die Kreuzigung Jesu in Analogie zu einer Thronbesteigung gestaltet. Der neue König wird proklamiert: „König der Juden“. Danach legt man ihm seinen Mantel an. Bei Jesus heißt es: „Sie nahmen seine Kleider“. Der neue König verkündet einen ersten Erlass: „ Frau, siehe, das ist dein Sohn“. Man reicht ihm den Ehrentrunk, einen Schwamm mit Essig. „Es ist vollbracht.“

Wenn wir vom Kreuz her denken, muss unser Blick auf den Menschen nicht düster werden. Er wird frei auf die uns zueignete Hinfälligkeit, zeigt uns, wie wir sind. In Jesus inthronisiert sich unser wahres Leben, wahre Menschklichkeit. Es ist vollbracht.

„Was siehst du, wenn du durch das Fenster schaust?“ „Flecken“, mag der eine antworten. „Ich sehe die wunderbare Sonne, wie sie mir entgegenstrahlt“, darf unsere Antwort sein.
Jesus hat uns befreit vom unmenschlichen Zwang, alle Schwachheit, alle Flecken zu leugnen. Er bewirkt uns auch die überraschende Wende, zeigt uns, dass wir in Gottes Augen liebenswürdig sind. Jesus betet für uns: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Paulus wird es später in einem seiner Briefe so formulieren: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Kor 12,9).
Wenn wir das doch lernen könnten: Als Menschen miteinander zu leben, ohne uns hinter den Masken „unbeschädigten Lebens“ zu verbergen. Armer Mensch, wer sich für unfehlbar, stark und allvermögend halten muss! Er hält die Tür für Gottes Vergebung mit aller Kraft geschlossen, schließt sich selbst aus vom Leben in der Freiheit der Liebe Gottes.

Ich hoffe sehr darauf, dass dort, wo unsere Kirche sich mit den Mächtigen unseres Landes trifft, mittlerweile ein Kreuz hängt. Oder hat man etwa Angst, als schwacher Partner zu gelten?
Vor dem Kreuz müssen wir keine Angst haben. Es stört nicht unsere Lebenslust. Im Gegenteil. Wie gut täte es Schülern, wenn sie das Kreuz als Zeichen täglich sehen könnten: Gott will, dass ich lebe.

Amen

drucken