Es ist alles bereit!

Liebe Gemeinde!

Wir haben die Passionsgeschichte nach dem Johannesevangelium vor uns. Das letzte Wort Jesu lautet dort: "Es ist vollbracht!" Ich nehme an, dass viele von Ihnen das soundso oft gehört haben, und eine gewisse Vorstellung vom Sinn des Leidens und Sterbens Jesu damit verbinden. Können Sie sich darauf einlassen, wenn ich trotzdem einmal ganz naiv nachfrage: Was ist vollbracht?

Ich würde das gern verstehen! So habe ich einen Bibelkommentar zu dieser Stelle gelesen (Jürgen Becker, Das Evangelium nach Johannes, ÖTK Bd. 4/2, Gütersloh/Würzburg 1981). Ergebnis: Jesus hat als der Gesandte Gottes seinen Auftrag vollständig ausgeführt. Zuletzt blieb nur noch eines zu erledigen: die Rückkehr zu dem, der ihn gesandt hat, zu Gott. Diese Rückkehr hat er selbst vorbereitet und eingefädelt – sie musste durch das Nadelöhr des Todes führen. Als dem Gelingen der Rückkehr nichts mehr im Weg stand, da sagte Jesus die Worte "Es ist vollbracht!"

Rückkehr – das erinnert mich an den Kleinen Prinzen. Er war auf der Erde gelandet; doch er wollte zurück zu seiner Rose auf seinen Stern. Und dafür verabredete er sich mit einer Giftschlange, genau am Jahrestag der Landung, weil da der Stern wieder über derselben Stelle stehen würde. Die Stimmung dieses Abschieds ist so ähnlich wie bei der Kreuzigung nach Johannes. Es ist eine sanfte Traurigkeit, – der Tod ist letztlich ein Freund, der einem hilft heimzukommen.

Der kleine Prinz hatte keinen Auftrag für die Erde. Aber indirekt hat er denen, die ihm begegnen, viel zu geben. Was man von ihm nicht vergisst, ist seine Liebe zu seiner Rose. Eine Liebe, die ihm manchmal zu schwer wird, vor der er geflohen ist, die ihn weinen lässt. Zu der er aber dann doch zurückkehrt.

Auch der Jesus im Johannesevangelium ist erfüllt von einer Liebe. Es ist die Liebe zu Gott. Diese Liebe leuchtet aus ihm, gibt ihm seine Ausstrahlung. Und er ist nicht vor dieser Liebe geflohen. Nein. Er ist von ihr in diese Welt gesandt worden. Weil anscheinend Gott nicht nur Jesus liebt, sondern diese Welt.

Aber wie kann Jesus sagen: "Es ist vollbracht!"? Kann man denn jemals fertig sein mit der Liebe? Ein israelisches Lied von der Sängerin Naomi Shemer heißt:

„Ich hab noch nicht genug geliebt!“ (zit. nach „ASCHIRA – JÜDISCHE LIEDER, hrsg. v. Andreas Brosch u. Michael Zank, Neustadt/W. 1985, S. 17) In den Strophen heißt es: „Mit diesen meinen Händen habe ich noch kein Dorf gebaut. Ich habe auch noch kein Wasser mitten in der Wüste gefunden. … Ich habe noch keinen Stamm gegründet und auch noch kein Gedicht verfasst. (…) Ich habe meine Memoiren noch nicht geschrieben und auch mein Traumhaus noch nicht gebaut. … Es gibt noch so viele Dinge, die ich tun wollte …“ „Ich hab noch nicht genug geliebt!“ – so heißt es nach jeder Strophe im Refrain. Und das ist nicht nur ein weiteres Beispiel für etwas, was man noch nicht geschafft hat. Die Sängerin will wohl sagen: das ist das Wichtigste, und oft verschiebt man es auf später, weil man noch so viel anderes vorhat.

Nach unserm menschlichen Empfinden hat Jesus kein vollständiges Leben gelebt. Er hat keinen Stamm gegründet, noch nicht einmal eine Familie. Er hat mit seinen Händen kein Dorf gebaut, noch nicht einmal ein Haus. Was hat er sich denn aufgebaut? Er ist herumgezogen, mit weniger als nichts. Seine Memoiren hat er auch nicht geschrieben, nicht einmal ein Gedicht. Seine Worte und die Geschichten über ihn wurden mündlich überliefert. Es blieb anderen überlassen, daraus Evangelien zusammenzustellen. Auf welches Lebenswerk konnte er zurückblicken, als er sagte: "Es ist vollbracht!"?

Doch eines hat er nicht auf später verschoben: die Liebe. In unserm Predigttext werden wir Zeugen seiner liebevollen Fürsorge für seine Mutter. Konnte er danach mit dem Bewusstsein sterben, dass er genug geliebt hat?

Man wünschte sich doch etwas Konkreteres, was er vollbracht hat, mit seinem Leben aber auch mit seinem Sterben. Z.B. dass er einen Bombenanschlag auf einen Kindergarten vereitelt, indem er die Bombe an seinem Körper explodieren lässt. Genau das tut die Hauptperson in dem Roman „Owen Meany“ von John Irving, und dieser Owen Meany wird ein bisschen wie ein zweiter Jesus geschildert, wie ein amerikanischer Messias. Wie Jesus lebt er in dem Bewusstsein, ein Werkzeug Gottes zur Rettung anderer zu sein. Aber diese Rettung ist handfest, so dass wir uns etwas darunter vorstellen können.

Immerhin gibt uns das Johannesevangelium eine Fährte, wen Jesus mit seinem Tod retten sollte: Die Beratung im jüdischen Hohen Rat. Da wird gefragt: „Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ Der Hohepriester antwortet: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ Und der Evangelist meint dazu: „Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.“ Eine sehr anrührende Aussage … eine Vision, wie alles gut werden könnte!

Ist diese Rettung gelungen? Die Geschichte der christlichen Judenfeindschaft spricht eher dagegen. Und man merkt schon in unserm Predigttext die Unsicherheit und Sorge darum. Die Hohenpriester haben Probleme mit der Aufschrift am Kreuz und sagen zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Was Pilatus geschrieben hat, ist nicht klar genug. Es könnte immer noch gegen das jüdische Volk verwendet werden, z.B. es in den Verdacht bringen, Aufruhr gegen die Herrschaft der Römer im Sinn zu haben. Bloß keine Missverständnisse riskieren! Dies ist die Devise der Hohenpriester. (Ich erkenne mich in ihnen wieder. Wie oft korrigiere ich an meinen Predigten herum, weil ich denke, eine Aussage könnte missverstanden werden.)

Missverständnisse führen zu Fehlern. Oder zu Streit. Manchmal lassen sie sich aufklären. Gut, wenn alles nur ein Missverständnis war. Vielleicht kann man hinterher sogar darüber lachen. Und man lernt sich selbst dadurch besser kennen. Manchmal versteht man, was man gern hören möchte. Vielleicht noch häufiger: man versteht, was man befürchtet.

Wie werden die Menschen unter dem Kreuz das letzte Wort Jesu verstanden haben? Das Wort, das in unserer Bibel mit "Es ist vollbracht!" übersetzt wird, „tetelestai“, ist mehrdeutig; so ähnlich wie wenn jemand sagt: „Ich bin fertig!“ Wer das ganze Johannesevangelium liest, der merkt, dass Jesus vor allem eines immer wieder geschafft hat: Er hat Missverständnisse provoziert, die zu befreienden Aha-Erlebnissen führen konnten. Und es könnte sein, dass auch Jesu letztes Wort noch einmal gezielt missverständlich ist. Die Zuhörer konnten „Es ist aus“ verstehen. Unserm menschlichen Empfinden würde das wohl mehr entsprechen – Jesus ist gescheitert und gibt es selber zu. „Ich bin fix und fertig.“ Wer sich aber auf das Johannesevangelium einlässt und von Missverständnis zu Missverständnis die eigenen Denkgewohnheiten in Frage stellen lässt, der hört am Ende doch: "Es ist vollbracht!" Oder: FERTIG! „KOMMT, DENN ES IST ALLES BEREIT!“

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