Befreiung vom Eise

Von den wahren Fans von Schalke 04 wird erzählt, dass sie einmal jährlich zum Grab von Ernst Kuzorra pilgern und dort voller Inbrunst die Vereinshymne singen: ‚Steh auf, wenn du Schalker’ bist. Das ist Ostern!

Ich stelle mir diese Fans vor, die voller Inbrunst singen. Sie würden sich jeden Spott verbitten.

Ich verstehe das zum Teil, gerade dann, wenn ich an Ostern ‚Christ ist erstanden’ singe. Ist es nicht vielleicht auch lächerlich, auf ein bloßes Gerücht hin zu glauben, dass die Macht des Todes besiegt ist? Vielleicht liegt der Unterschied ja nur darin, dass die Schalke-Fans ihr Lied singen und wieder nach Hause gehen, ohne etwas wirklich Neues zu erwarten.

Ostern aber ist etwas Neues:

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Eine eigenartige Geschichte: 3 Frauen gehen voller Trauer zum Grab, wie es Frauen öfter tun. Erst unterwegs wird ihnen bewusst, dass sie womöglich unverrichteter Dinge wieder heimgehen müssen. Und am Ende sagen sie nichts weiter, ganz entgegen ihrem Auftrag. Die Geschichte ist in Details so unlogisch, wie das große Geschehen als Solches. Ich glaube schon, dass Beides miteinander etwas zu tun hat.

So wie Markus diese Geschichte erzählt geht es genau darum, dass das, was wirklich passiert ist sich dem reinen Verstand entzieht. Da muss schon Bereitschaft sich überraschen lassen dazukommen. Für ihn konzentriert sich die ganze Geschichte auf das Bekenntnis, dass Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte, auferstanden ist.

Das leere Grab ist kein Beweis, aber hier beginnt die Geschichte des Glaubens. Hier werden Menschen mit Furcht und Entsetzen erfüllt und trotzdem auf den Weg der Freude gebracht.

Dieser Weg führt zurück ins Leben. Das Ziel, Galiläa, weist weg von Jerusalem, dem Ort des Kampfes und der Leiden hin zum Ort des Wirkens Jesu, dem Ort der Verkündigung und der Liebe. In Galiläa will Jesus die Jünger wieder sammeln und – wie die Nennung des Namens Petrus klar macht – begnadigen.

Am Sabbat hat alles geruht – nun am Tage danach geht das Leben weiter – in vielerlei Hinsicht. Der Engel am Grab schickt die Frauen zurück ins Leben. Sie hören das Unfassbare – und die Welt bleibt nicht stehen, sondern geht weiter. Die Botschaft muss weiterlaufen: Gott hat die Seinen besucht und ihnen das Leben geschenkt – ein neues Leben. Von diesem neuen Leben kann man eigentlich nur im Alltag erzählen. Vielleicht tun wir uns auch deswegen manchmal so schwer mit dem Osterfest und verkitschen es mit allerlei Häschen, Lämmchen und Eiern oder machen es zu einem Frühlingsfest. Ostern verträgt all das und ich habe auch kein Problem mit Eier suchen und Ähnlichem. Aber ob wir diesen ganzen Rummel vertragen, da bin ich nicht immer sicher.

Die drei Frauen sind auch Jüngerinnen. Sie leisten ein Stück Trauerarbeit, als sie zum Grab gehen. Indem sie sich so von Jesus verabschieden, wollen sie ihn behalten in ihrem Herzen und in ihrem Leben.

Dann passiert das Unbeschreiblich, dass die Ganze Geschichte durcheinander wirbelt: Das Grab ist leer, bzw., es war nicht leer – es war voll – voller Verheißung. Ein Jüngling im weißen Gewand, der die Botschaft sagt: Er ist auferstanden! Diese Fülle will erst einmal verarbeitet werden. In dieser Fülle aber ist Jesus nicht zu finden. Der ist in Galiläa. Nicht an diesem Ort des Todes. Er muss gesucht werden in Galiläa, aus dem angeblich nichts Gutes kommen kann, im Alltag der angeblich nur öde ist. Dort ist der Ort der Offenbarung.

Ostern muss gesucht werden, dass es bei mir passiert wird. Im Alltag, in Galiläa oder anderen Provinzen.

Schon die Frauen haben das nicht einfach so weiter sagen können. es hat ihnen erst einmal die Sprache verschlagen, sie mit Furcht und Entsetzen erfüllt. Aber sie haben gelernt zu sagen, sie haben sich auf den Weg bringen lassen und Andere auf den Weg gebracht, die frohe Botschaft einander zuzurufen: Der Herr ist auferstanden. In diesem Sinne waren diese drei Frauen die ersten christlichen Predigerinnen. Das passte zu Jesus, der Frauen ihre Würde gelassen hat, dass er sie auch zu Verkünderinnen macht, ihnen Sprache gibt in einer Welt, in der Frauen nichts zu Sagen hatten.

Ostern ist mehr als die Befreiung vom Eise, wie Goethe es im Faust beschreibt, aber es ist auch ‚Befreiung vom Eise’: ‚Vom Tale grünet Hoffnungsglück’

Dass es wieder Frühling wird, dass draußen die Bäume grün werden und blühen, das ist kein Beleg für die Wahrheit der Auferstehung, weder für die Auferstehung Christi, noch für unsere Hoffnung auf Auferstehung. Aber es kann unsere Hoffnung veranschaulichen.

Ostern ist schon noch etwas Anderes. Es ist der Beginn einer neuen Schöpfung, einen Neuen Wesens, das dem Menschen geschenkt ist, der Auferstehung. Das Leben siegt. Das feiern wir an Ostern – Unser Herr hat für das Leben gesiegt. Und wir dürfen an seinem Tisch mit ihm das Abendmahl feiern. Und das macht dann doch den Unterschied zu den Schalke-Fans: In Gelsenkirchen auf dem Friedhof bewegt sich nichts. In Jerusalem hat sich etwas bewegt und in Galiläa sind Menschen bewegt worden und bewegen uns heute noch, weil das Leben gesiegt hat.

Paulus hat das Wesentliche so formuliert (Römer 8,38f): Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

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