Wo Gott wieder sichtbar wird

Liebe Gemeinde!

Wenn man im Evangelium nach Markus, dem ältesten Evangelium, nachliest, wimmelt es um das Kreuz herum von Spöttern: Die Kreuzigung eine einzige Verspottung. Selbst die beiden Verbrecher, die mit Jesus gekreuzigt werden, nutzen noch ihre letzten Minuten, um über Jesus her zu ziehen. Völlig verlassen, zerrissen in sich selbst stirbt Christus mit dem Schrei auf den Lippen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Am Kreuz ein Häufchen Elend, rundherum erbärmliche Spötter. Von Würde keine Spur; und Gott nicht zu sehen.

Es gibt nur eine Ausnahme: Ein römischer Hauptmann. Das Töten gehört zu seinem Beruf. Er sieht zu mit dem nötigen beruflichen Abstand. Interessant, dass er in dem Häufchen Elend am Kreuz den Menschen sieht: „Schau an, dieser Mensch …“, sagt er. Ein Blick von Mensch zu Mensch. Das hat es bisher nicht gegeben in dieser Leidensgeschichte nach Markus. Alle hatten etwas gesehen: Ihre Hoffnung, ihre Enttäuschung, ihre Wut, ihren Hass, ihre Angst, ihre Glauben, ihre Schuld. Aber Jesus wirklich gesehen oder gar verstanden hatte bis hierher niemand.

Und nun der Hauptmann: ein Blick von Mensch zu Mensch. Das hatte es bisher nicht gegeben. In diesem Blick liegt alles, was zu sehen ist: Das Ebenbild Gottes, der wahre Mensch. „Schau an, dieser Mensch … ist wahrhaftig Gottes Sohn gewesen.“

Das Evangelium für den heutigen Sonntag aber ist nicht aus dem Markusevangelium entnommen. Lassen wir den Hauptmann also erst noch einmal beiseite und hören eine ganz andere Kreuzigungserzählung – die nach Johannes:

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Interessant! Die ganze Bosartigkeit, das Chaos und die Zerrissenheit der Kreuzigung, die der Evangelist Markus schildert, gibt es hier in der Kreuzigungserzählung des Evangelisten Johannes nicht.

Auffällig: Hier spottet niemand. Alles läuft geordnet: Jesus schön in der Mitte als Hauptperson. Über ihm eine saubere, dreisprachige Erklärungstafel: „Das ist der König der Juden“ mit vollständigem Namen. Alles läuft nach Protokoll. Sehr gesittet wird zwischen Hohem Priester und Pilatus der Wortlaut der Erklärungstafel verhandelt. Selbst Jesus hält sich noch im Sterben an das Protokoll. Der Reihe nach werden die wichtigsten Zitate, aus Jesaja abgearbeitet, damit man dann sagen kann: Die Schrift ist erfüllt.

Im Markusevangelium weigert sich Jesus den Essig zu trinken. Hier in der Johannespassion verlangt er noch in seinen letzten Sekunden danach, damit auch ja die Schrift erfüllt sei. Danach SCHREIT er nicht etwa „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Nein, er SPRICHT: Es ist vollbracht! Und neigte sein Haupt und verschied.

Liebe Gemeinde, alles, was recht ist. Aber am Kreuz befolgt niemand mehr das Protokoll; am Kreuz verscheidet man nicht, man verreckt wie bei Markus. Das ist das Ziel einer Kreuzigung.

Was soll die Kreuzigungsszene des Evangelisten Johannes? Was soll das, dass Maria und der Jünger Johannes und andere unter dem Kreuz stehen, als wäre das der allernatürlichste Platz, als könnte man sich dort noch mal in Ruhe unterhalten und mit Jesus als Notar eine rührende Adoption durchführen?

Der Ablauf, den der Evangelist Johannes schildert, ist alles andere als eine realistische Beschreibung der Kreuzigung. Will man Johannes nicht unterstellen, dass er das Unerträgliche einfach schön schreibt, dann scheint Johannes daran gelegen zu sein, etwas anderes als den äußeren Eindruck der Kreuzigung darzustellen. Was aber will Johannes?

Wo alles ins Chaos stürzt, stellt er eine Ordnung dar.

Wo die Gemeinschaft der Jünger zerbricht, lässt er Christus die Menschen zusammen führen, er verbindet Maria und Johannes.

Wo alle flüchten, lässt er Frauen, die Mutter Jesu und seinen Lieblingsjünger unter dem Kreuz stehen.

Wo Jesus seine Gottverlassenheit hinausschreit, verbindet er, das, was da am Kreuz geschieht mit der Treue Gottes und den Verheißungen des Alten Testaments.

Wenn das, was Johannes beschreibt, nicht einfach das Schönreden des Unerträglichen ist, dann macht er in seinen Worten etwas sichtbar, was sonst unsichtbar ist.

Er sieht nicht nur das Häufchen Elend, das da am Kreuz hängt. Sondern er macht in diesem Häufchen Elend den Menschen wieder sichtbar: Das Kind Gottes. Was auch immer man aus einem Menschen macht, selbst wenn man ihn total zerreißt, dass scheinbar nichts mehr von ihm bleibt: Er ist und bleibt Mensch, Gottes Kind. Diese Würde zeigt Johannes in seiner Schilderung der Kreuzigung. Er zeigt, was selbst der Christus nicht mehr zeigen kann: Die unverlierbare Würde des Menschen. Und an Ostern gibt ihm Gott Recht.

Johannes sieht auch nicht nur die Erbärmlichkeit des Menschen. Er sieht nicht nur die ekelhaften vom Spott entstellten Gesichter der Umstehenden. Er sieht nicht nur, wie die Angst den Jüngern alle Würde austreibt, bis sie nur noch fliehen und alles auseinander fällt. Sondern er macht in der Erbärmlichkeit die Menschen wieder sichtbar. Dem Spott gibt er keinen Platz. Bei ihm darf niemand spotten. Und die Jünger Jesu nimmt er gleichsam an der Hand und führt sie in Gestalt von Maria und Johannes wieder hin zu ihrem Herrn ans Kreuz. Und der Christus führt sie noch enger zusammen, als bisher: Nicht nur Freunde sind sie um seinetwillen, sondern Familie. Schau, das ist dein Sohn. Schau, das ist deine Mutter.

Wer genau hinhört, hört hier wieder den Hauptmann aus dem Markusevangelium sprechen: Schau, dieser Mensch … ist Gottes Sohn gewesen. Johannes erzählt uns die Kreuzigung so, dass wir sie von Anfang an so sehen können, wie der Hauptmann sie am Ende sah: Durch das Elend, die Erbärmlichkeit und das Chaos hindurch, lässt er uns eine Wirklichkeit sehen, die meist verborgen bleibt:

Einen Gott, der sich an seine Verheißungen hält. Einen Gott, der sichtbar wird im Blick von Mensch zu Mensch. Ein Blick, der im Häufchen Elend und in der größten Erbärmlichkeit noch den Menschen sieht und ihn ihm das Angesicht Gottes: Unverlierbare Würde: Schau, dieser Mensch … ist wirklich Gottes Kind gewesen.

Möge es uns, wenn wir die Worte des Johannes hören, gehen wie dem Hauptmann. Mögen wir sehen: Schau, der Mensch ist Gottes Kind – jeder Mensch.

Dann leuchtet Ostern um das Kreuz, weil Gott wieder sichtbar wird. Dann gehen uns die Augen auf. Dann scheint es unser Herz zu zerreißen vor Trauen und Freude zugleich. Dann werden uns die Anderen zu Müttern und Söhnen zu Brüdern und Schwestern. Dann strebt die Welt nicht mehr auseinander, sondern spürt die Hand, die sie führt hin zu ihrem Herrn. Und dann spricht er: Es ist vollbracht.

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